Ist die Bibel wirklich so frauenfeindlich, wie es die feministische Theologie sagt? Als schlagender Beweis für diese Behauptung muß natürlich die Geschichte von der Erschaffung des Menschen, des weiblichen Menschen, herhalten, wie sie im 2. Kapitel der Genesis Vers 18 ff zu lesen steht: "Und Gott der Herr sprach: Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei, ich will ihm eine Gehilfin machen, die um ihn sei. Da ließ Gott der Herr einen tiefen Schlaf fallen auf den Menschen, und er schlief ein. Und Gott der Herr baute ein Weib aus der Rippe, die er von dem Menschen nahm, und brachte sie zu ihm " Eine fragwürdige, eine nicht nur vom feministischen Standpunkt aus zutiefst ärgerliche Geschichte, aus der dann auch die angebliche Minderwertigkeit und Unterlegenheit der Frau hergeleitet wird. Aber glücklicherweise wird die Schöpfungsgeschichte im 1. Kapitel der Genesis völlig anders erzählt. Da heißt es: "Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Weib "

Auf die Unvereinbarkeit dieser beiden Versionen macht die Theologin Dorothee Solle in ihrer Betrachtung über Eva, die "Mutter aller Lebendigen", aufmerksam. Ihr Kommentar: "Gott hat zwei Menschen geschaffen, die zusammen Gottes Ebenbild sind. Gott ist nur in zwei unterschiedenen Wesen gespiegelt. Differenz, Andersheit, Polarität der beiden Geschlechter waren im Anfang da, nicht eine androgyne Einheit, von der manche Kulturen träumen. Der erste Schöpfungsbericht feiert die "Zweiheit des Menschen". Der zweite, frauenfeindliche, ist von einem anderen Autor und einige Jahrhunderte später geschrieben. Merkwürdigerweise ist der erste Bericht in Vergessenheit geraten, der zweite dagegen ist jedermann und jederfrau geläufig und bekannt, möglicherweise, weil die Herkunft aus der Rippe des Mannes so drastisch bildhaft anmutet und dem männlichen Selbstbewußtsein schmeichelt. Eva gälte aber, fährt Dorothee Solle fort, auch deshalb als zweitrangig, "weil sie mit der Schlange im Bunde war, vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen gegessen hat und so Ursache der Vertreibung aus dem Paradies wurde". Dieser Teil der Schöpfungsgeschichte wird nun aber durchaus positiv, frauenfreundlich, interpretiert. Eva sei nicht mehr stummer Teil des Mannes. "Eva agiert, sie disputiert (zum gesammelten Ärger aller männlichen Theologen!) mit der Schlange, sie lernt etwas aus diesem Disput, nämlich daß Menschen nicht durch Erkenntnis sterben. In ihrer ungebrochenen Neugier entdeckt Eva Dinge, die das Leben verändern "

Aber auch dieser Versuch, Eva und das Weibliche aufzuwerten, kann nicht darüber hinwegtäuschen, daß die Frauen in der Bibel, sowohl im Alten wie im Neuen Testament, allenfalls die zweite Geige spielen. Das Buch der Bücher handelt von Männern, ist von Männern für Männer geschrieben. Welchen Anteil die Frauen trotzdem am biblischen Geschehen haben, ist das Thema einer Publikation, in der "Große Frauen der Bibel", etwa dreißig an der Zahl (die meisten aus dem Alten, nur wenige aus dem Neuen Testament), vorgestellt und ausführlich kommentiert werden. Warum sie als "Große Frauen" tituliert werden, ist das Geheimnis des Verlags und seiner Werbeabteilung. Viele dieser Frauen sind dazu ausersehen, den Mann in Versuchung zu führen. Wie zum Beispiel die Frau des Potiphar, die berühmteste aller Verführerinnen, die sich, wie man weiß, erfolglos um den keuschen Joseph bemühte. Sind Lots Töchter, die sich ihren Wunsch nach Kindern auf unkonventionelle und anrüchige Weise erfüllen, große Frauen? Rut, die Moabiterin, besitzt alle möglichen liebenswerten Eigenschaften: Bescheidenheit, Anhänglichkeit (an die Schwiegermutter, nicht an den Eheliebsten ist der Spruch gerichtet "Wo du hingehst, da will auch ich hingehen"), nur von Größe kann keine Rede sein. Es gibt auch Heroinen, aber sie sind in der Minderzahl. Zu ihnen gehört die Richterin Deborah, die an der Spitze eines Heerhaufens, eine jüdische Jeanne dArc, in den Krieg zieht, aber auch Judith, die den Holofernes, den Feind ihres Volkes, auf dem Liebeslager umbringt "Ich werde eine Tat vollbringen, die bis in die fernsten Geschlechter zu den Söhnen unseres Volkes (warum nicht auch zu den Töchtern?) dringen wird "

Diese extrem unterschiedlichen Frauengestalten werden nun aber nicht nur zum Anlaß für Meditationen von Dorothee Solle genommen. Vielmehr wird ihre Lebendigkeit, ihre Attraktivität durch die Jahrtausende in den Werken der bildenden Kunst und der Literatur nachgewiesen. Eine überwältigende Bilderfülle wurde von der Kunsthistorikerin Annemarie Schnieper Müller zusammengetragen und in knappen Sätzen interpretiert. Mehr als 400 Farbreproduktionen ergeben einen Längsschnitt durch die Kunstgeschichte von der Antike bis ins 20. Jahrhundert, wobei Renaissance und Barock sich als die für die Bibelthematik fruchtbarsten Epochen erweisen.

Die Auswahl der Bilder verrät, daß die Autorin sich in den großen und den weniger berühmten Museen, Kirchen und Bibliotheken genau auskennt. Auch entlegene Werke und außereuropäische Kulturen werden berücksichtigt. So findet man zum Stichwort "Die Königin von Saba" ein Glasfenster aus dem Straßburger Münster, auf der Seite gegenüber das weltberühmte Fresko von Piero della Francesca, alsdann einen äthiopischen Bilderstreifen sowie Gemälde von Apollonio di Giovani (aus dem Quattrocento), von Tintoretto, Claude Lorrain, Malta Preti, Paolo Veronese, aber auch Konrad Witz und Raffael. Ein Ärgernis freilich, welches der Verlag bei einer Neuauflage unbedingt beseitigen sollte, sind die überaus dürftigen Bildtexte "Detail aus einem Gemälde von Piero della Francesca", das ist zuwenig. Kein Wort, daß es sich um einen Ausschnitt aus dem Freskenzyklus in der Kirche San Francesco in Arezzo handelt.

Die Geschichte der Königin von Saba, die mit einem sehr großen Gefolge nach Jerusalem reist, um die Weisheit des Königs Salomo durch Rätselfragen auf die Probe zu stellen, ist in der Bibel zweimal, ziemlich gleichlautend, im I Buch der Könige und im 2. Buch der Chronik beschrieben. Was aber "nicht in der Bibel steht", nicht über die Königin von Saba und nicht über die anderen biblischen Frauen, ihr Weiterleben in Legenden, in theologischen Schriften, in Gedichten, Romanen, Schauspielen und Opern, das lesen wir in einem ebenso kenntnisreichen wie unterhaltsam geschriebenen Essay von Joe H. Kirchberger, einem gebürtigen Deutschen, in New York lebenden Autor von Publikationen zur Literatur- und Geisteswissenschaft. Schon die von Kirchberger zitierten antiken Quellen gehen davon aus, daß es zwischen dem weisen König und der schönen afrikanischen Königin nicht bei Rätselspielen geblieben ist. Vielmehr habe sie dem König außer 120 Zentner Gold, Geschmeide und Spezereien einen Sohn geschenkt, von dem sich das äthiopische Herrscherhaus bis zum letzten Kaiser Haue Selassie herleitete.

Als Große Liebende sind die beiden in die Weltliteratur eingegangen. Shakespeare hat der Königin von Saba bewundernde Zeilen gewidmet, Calderon hat sie in zwei Theaterstücken auf die Bühne gebracht. Handels Oratorium "Salomon" endet mit dem Abschied der Liebenden. Goethe spielt im "West östlichen Divan" auf die Königin von Saba an. Die Romantik hat sich für das Thema begeistert. In England sind es Lord Byron und Percy Bysshe Shelley, in Frankreich Chateaubriand, Victor Hugo und Gerard de Nerval, die dem exzentrischen Liebespaar huldigen. Charles Gounod hat eine Oper "La Reine de Saba" komponiert, desgleichen der österreichische Komponist Karl Goldmark. Unter den neueren Autoren findet man den englischen Philosophen Bertrand Russell, der 1954, nicht ohne Ironie, den "Alptraum der Königin von Saba" publiziert und darin das üble Erwachen aus einem trügerischen Liebestraum thematisiert hat. Als Beispiel, daß man den Stoff auch frivol angehen kann, wird ein Gedicht von Heinrich Heine zitiert: