Immer wenn die Preisverleihung im Essay-Wettbewerb „Ungewöhnliches Managing, ungewöhnlich beschrieben“ bevorsteht, den die Geschäftsleitung der Europäischen Management- und Marketing-Agentur (Emma) als Brückenschlag zwischen wirtschaftlichem und literarischem Schaffen ausgeschrieben hat, herrscht im deutschen und im internationalen Management gespannte Erwartung. Wer wird in diesem Jahr den „Goldenen Schlüssel des verdichteten Managements“ erhalten? Erschließen sich damit neue Wege im kritischen Personalmanagement? Bekommt das Bild des Managers in Wirtschaft und Politik neue, menschliche Züge?

Die kreative Runde der Emma-Kollegen hat als Jury wie jedes Jahr eine Fülle von Einsendungen geprüft und bewertet, darunter mehrere satirische Abhandlungen zum „Lopez-Effekt“ und zum „Grünen Punkt“. Aber die höchsten Noten erhielt der Essay No. 44 mit dem Titel „Der Aquarianer“. Darin, so erklärte Emma-Direktionsassistent Dr. Günter P. vor der Presse, „wird das MAD-Konzept, also die Kombination von Macht, Arroganz und Durchsetzungskraft eines Managers, literarisch schlüssig, kurz und doch sehr menschlich dargestellt.“ Anschließend verlas Kollege R. den preisgekrönten Text:

„Die beiden Lebensziele des Managers Helmut K. sind bekannt: Kanzler werden und Kanzler bleiben. Das erste Ziel wurde 1982 erreicht. Das zweite Ziel ist auf dem CDU-Bundesparteitag in Berlin als Programm für das Wahljahr 1994 wiederum festgeschrieben worden: Kohl für Deutschland – Deutschland für Kohl!

Wie Manager K. sein Unternehmen im Griff hat und ihm gemäß dem MAD-Konzept die Richtung vorgibt, zeigt sich in den beiden entscheidenden Bereichen des postmodernen Managements, in den Sektoren Propaganda und Personal.

Propagandistisch hat Manager K. eine radikale Abkehr von den Lebens- und Denkweisen gefordert, die in den vergangenen zehn Jahren aufgekommen sind und die zu einer galoppierenden Verunsicherung der Deutschen geführt haben. Mit der schlichten, oft wortgleichen Wiederholung einer Fülle seiner Ankündigungen betr. Staatsaufgaben, Familienpolitik etc. aus seiner Regierungserklärung von vor zehn Jahren unterstrich Manager K. die Kontinuität seiner Unternehmensführung.

Personalistisch hat Manager K. eine zunehmende Zahl von Entscheidungen, die niemand versteht, nicht nur durchgesetzt, sondern dafür sogar einen gewissen Enthusiasmus aufgebracht, speziell für seinen Kandidaten H. als Bundespräsidenten. Das ist die Nagelprobe des MAD-Konzeptes! Jener römische Kaiser, der sein Pferd zum Konsul ernannte, hat endlich ernsthafte Konkurrenz bekommen.

Wie aber trifft Manager K. seine Personalentscheidungen? Auf der Fernseh-„Welle Kohl“, bei seinen gelegentlichen Plaudereien mit gefälligen Journalisten, ist darüber nichts zu hören. Auch die Suche nach dem Grundgesetzartikel, demzufolge der Bundeskanzler den Bundespräsidenten bestimmt, blieb erfolglos. Tatsächlich entscheidet Manager K. schwierige Personalia, wie es sich für Deutschlands prominentesten Aquarianer ziert: in seinem Arbeitszimmer durch intensive Beobachtung des Verhaltens seiner unterschiedlich gefärbten, aber allesamt stummen und daher widerspruchsfreien Fische; welche mehr rechts oder mehr links in den Ecken stehen, welche Wellen oder etwa gar Ärger machen, wie gefräßig sie sind und vor allem, wie sie ihn anblicken. Das sind für Manager K. und für Deutschland Augenblicke der Entscheidung. (Den Kommentar „very fishy“ eines ausländischen Beobachters hat Manager K. nicht verstanden.)

Auch über seine eigene Nachfolge will Manager K. dermaleinst gemäß dem Management by Aquarium entscheiden – nach der Bundestagswahl des Jahres 2002.“