Würde man die zahlreichen Gesundheitsbücher ernst nehmen, die alljährlich um das Interesse der Leser buhlen, dann entstünde zwangsläufig der Eindruck, daß uns ständig gefährliche Krankheiten bedrohen, die sich aus heimtückischen Risikofaktoren entwikkeln - als stünden wir allesamt kurz vor dem Tode. Um uns diesem zu entreißen, verkünden die Bücher eine frohe Botschaft, die den erfahrenen Leser zunehmend langweilt. Es ertönt immer dieselbe Leier: Risikovermeidung, gesunde Lebensführung, Schluß mit Streß, Zigaretten und Alkohol. Nichts gegen die Einsicht, daß gesundes Leben gesund ist. Aber warum muß das so oft in einem impertinent drohenden Ton vorgetragen werden, und wer sagt uns überhaupt, daß dies alles so stimmt? Stecken da vielleicht mächtige Gesundmacher dahinter, wenn von den notwendigen Tabletten für dies und der pfiffigen Diagnostik für das die Rede ist?

Solche Gedanken haben wohl auch zwei ärztliche Autoren dazu bewegt, uns über "Die Gesundmacher" und den "Risikofaktor Medizin" aufzuklären. Die Narkoseärztin Heidi Schüller nimmt ihre früheren Kollegen ins Visier, hält ihnen ihr ewiges Herumdoktern an Symptomen vor und beklagt die Allmacht der Maschinendiagnostik in der Medizin. Auch wenn Heidi Schüller manches überzeichnet, im Kern stimmt ihre Aussage. Ihr vorzuwerfen, daß sie keinen gangbaren Weg aus der Bredouille aufzeigt und keine Ratschläge erteilt, wie mit der Heilkunde und den Heilkundigen besser umzugehen wäre, würde von wenig Sachverstand zeugen. Die Mediziner machen letztlich nur Angebote, die keiner akzeptieren nen zu können, muß man jedoch gut informiert sein. Jeder sollte beispielsweise wissen, daß nur die wenigsten diagnostizierten Störungen und Krankheiten erfolgreich behandelt werden können, von Heilung ganz zu schweigen.

Uwe Heyll ist praktizierender Internist in Düsseldorf. Er entlarvt sein Fach, die innere Medizin, als Risikofaktor. So lautet jedenfalls der Titel seines Reports, der sich mit Gesundheitsschäden durch Übertherapie beschäftigt. Das Buch enthält nichts Neues. Schon seit langem ist beispielsweise bekannt, daß operative Eingriffe bei bestimmten Herz Kreislauf Leiden fast nie halten, was die Ärzte versprechen. Allerdings wissen die meisten Patienten nicht, daß die Gefahr des Eingriffes seinem Nutzen selten entspricht. Vielen ist auch nicht bewußt, daß mit der hysterischen Cholesterinkampagne nur ein Risikofaktor begrenzt, aber das Leben nicht verlängert wird. Das gleiche gilt auch für viele Bereiche der Krebs Vorsorgeuntersuchungen. Mit der Diagnose des meist ruhenden Krebses der Vorsteherdrüse älterer Männer fängt oft erst das Unglück von Leiden und Sterben an. Gibt es einen Ausweg aus dem Dilemma? Ja, nicht alles machen, was machbar ist, und kritisch bleiben bei der Auswahl aus dem verwirrenden Angebot des gigantischen Gesundheitsmarktes. Das empfehlen uns eindrücklich die Autoren dieser beiden Gesundheitsbücher. Gewiß, auf manche ihrer zeitgeistigen Ausflüge ins Quasiphilosophische ließe sich verzichten. Doch beide Bücher wirken, um im Fachjargon zu bleiben, nicht als Tranquilizer, sondern als Wachmacher. Das ist ihr großes Verdienst. Hans Harald Bräutigam Rowohlt Verlag, Berlin 1993; 239 S , 34 - DM Ullstein Report; Ullstein Verlag, Frankfurt am MainBerlin 1993; 252 S, 24 90 DM