Das Aufregendste, was das Leben bietet, sind die Stunden zwischen Frühstück und Nacht: der Alltag

25 Jahre alt, lebt im Sommer bei ihrer Großmutter und ihren Eltern auf einem Bauernhof in Estland

Der Tag beginnt um fünf. Meistens steht meine Großmutter als erste auf und versorgt die Tiere. Sie ist 79 Jahre alt und braucht einen Stock zum Gehen, aber die Tiere füttern, das schafft sie gut. Unser Hof besteht aus einem alten, gelbgestrichenen Holzwohnhaus, einem Saunahaus, dem Schuppen und dem Stall. Wir haben Hühner, vier Kühe und meistens zwei oder drei Schweine. Die Schweine werden gefüttert, die Kühe werden gemolken und auf die Weide getrieben. Früher habe ich das auch gemacht, aber seit meine kleine Tochter da ist, darf ich schlafen, bis sie wach wird. Das ist etwa gegen sieben Uhr, ich stille sie dann und wir ziehen uns an. Gegen acht gibt es Frühstück. Wir trinken Nescafé ohne Milch und essen dazu Brot und Wurst oder auch Gemüsesuppe, wenn noch etwas vom Vortag da ist. Manchmal gibt es Eier, oder wir machen uns eine Milchsuppe. Im Winter kochen wir auf dem großen, gemauerten Herd in der Küche, in dem dann ein Holzfeuer brennt. Im Sommer benutzen wir nur den Gasherd, der mit der Gasflasche daneben steht.

Meine Mutter geht dann meist in den Garten, und ich helfe ihr. Der Gemüsegarten liegt direkt neben dem Haus. Wir bauen hier alles selber an: Dicke Bohnen, Möhren, Kartoffeln, Rüben, Salat und Tomaten in großen Gewächshäusern aus Folie. Es muß fast jeden Tag geharkt und gejätet werden. Und dann kommt das Ernten, jede Menge Johannisbeeren pflücken zum Beispiel oder Pilze im Wald sammeln und alles einkochen für den Winter. Die Wäsche machen wir gemeinsam, denn das ist sehr anstrengend und braucht viel Zeit, weil wir keine Waschmaschine haben und alles mit der Hand gewaschen und gespült und ausgewrungen werden muß.

Zur Zeit wird das letzte Heu eingebracht. Wir harken es mit großen Rechen zusammen, dann kommt der Heulader, den mein Vater selber gebaut hat. Er hat fast alle Maschinen für den Hof selber gebaut, denn es gibt fast nichts zu kaufen, und in jedem Fall sind sie zu teuer. Die ganze Familie ist von morgens bis Mitternacht mit Heumachen beschäftigt. Deswegen haben wir auch keine Zeit, etwas Schönes zum Mittagessen zu kochen. Wir essen, was gerade da ist – Fischkonserven oder Eier – und trinken dazu Milch. Danach ist ein bis zwei Stunden Pause, und dann geht es wieder an die Arbeit.

Am Abend müssen wir die Kühe melken. Das mache ich mit meiner Mutter zusammen, mit der Hand, denn wir haben keine Melkmaschine. Für die Kühe wird jeden Abend mit der Sense frisches Gras geschnitten. Nach dem Füttern und Melken muß alles saubergemacht werden, was in einer Bauernwirtschaft so saubergemacht werden muß. Wir fegen die Ställe und den Hof, spülen de Milchkannen und Schüsseln und hängen sie am Zaun zum Trocknen auf. Eine von uns geht dann wieder ins Heu, und die andere kocht, denn abends essen wir warm.

Kartoffeln schälen für fünf Personen, das ist ein ganzer Korb und dauert ganz schön lange. Dazu gibt es Gurken und Tomaten aus dem Garten und manchmal Fleisch. Zu Weihnachten haben wir ein Schwein geschlachtet und das Fleisch gepökelt, davon essen wir das ganze Jahr. Sahne und Quark stellen wir selber her.