Von Eckhard Roelcke

Die Bühne ist flach wie ein Kasperletheater und leuchtet blutrot. Die Technik funktioniert makellos, und – schwupp – klappen die drei Erzähler auf die Szene. Auf kleinen Podesten stehen sie übereinander, einer gleicht dem anderen: schwarze, runde Hornbrille mit kurzem Haar, Anzug, an den Füßen klobige, schwarze Schuhe. Das Spiel beginnt: „In einem Dorfe von la Mancha...“ Der erste spricht, der zweite singt, der dritte spricht und singt zugleich. Der erste pfeift, der zweite flüstert, der dritte flötet: „Ritterbücher“ ... „ewigen Ruhm“ ... „Dulcinea von Toboso“... Die drei „Lektoren“ scheinen zu schweben, regungslos rezitieren sie ihren Text, streng rhythmisiert – ein absurd-artifizielles Spiel. Der Anfang ist gemacht, und – schwupp – klappen die drei Erzähler wieder weg.

Stehen hinter der Bühne der Stuttgarter Oper zwei Riesen, die für uns Opernkinder unsichtbar die Figuren bewegen? Wir staunen und freuen uns auf die „31 theatralischen Abenteuer“ des Don Quijote de la Mancha, fürs Musiktheater eingerichtet von Hans Zender und in Szene gesetzt von Axel Manthey.

Und schon wieder schwebt einer: Don Quijote zwischen seinen Büchern in den Lüften. Ist es Täuschung, alles Wahn? „O ihr Armen, Bedrängten, Euch soll meine Kraft gehören! Auf! Don Quijote! Höre die innere Stimme! Zieh in den Kampf! Die Unterdrückten schreien nach Dir!“

Regungslos und zu einem lebenden Bild erstarrt, singt Don Quijote von seinen bevorstehenden Aufgaben: Genug Ritterromane gelesen, jetzt folgen die Taten. Und die Riesen hinter der Bühne knipsen schon wieder das Licht aus. Wir Opernkinder staunen und freuen uns.

Auch die Stille ist komponiert: Don Quijote geht feierlich vor der Schenke im Mondschein auf und ab. Der Wirt hinkt heran, wirbelt einen Knüppel in der Luft und trifft den knienden Ritter zweimal an der Schulter. Dunkel ist’s, der Mond scheint helle. Zwei Hände winken aus einem Fenster den etwas benommenen Ritter herbei, er reckt sich empor und wird gefesselt und zappelt in der Luft. Doch nichts ist zu hören in dieser „Ritterschlag“-Szene, kein Wort, kein Ton.

Und trotzdem ist alles exakt notiert. Hans Zender hat das Textbuch an dieser Stelle in sechs Spalten geteilt und darin nicht nur die Gesten und Bewegungen der Akteure festgelegt, sondern auch das Winken der Hände und das Leuchten des Mondes. „Bewegungsrhythmen genau beachten“ heißt es im Libretto.