Die Deutschen haben im Balkankrieg einseitig für Kroaten und Muslime Partei genommen

Von John Batho

SIEGEN. – Jugoslawiens Weg in den Krieg vor zweieinhalb Jahren wurde von der Weltöffentlichkeit nur am Rande bemerkt. Der Golfkrieg und seine Folgen zogen damals alle Aufmerksamkeit auf sich. Das blockfreie Jugoslawien war ein weißer Fleck – sowohl für das Auswärtige Amt als auch für den Großteil der deutschen Presse. Darum konnten Journalisten wie der FAZ-Herausgeber Johann Georg Reißmüller das deutsche Bild vom Balkankrieg entscheidend, prägen. Wiederholt schrieb er, wie tief die geistigen Gräben zwischen den Teilen des Vielvölkerstaates seien, wie das ‚westliche und zivilisiertere“ Slowenien und Kroatien nicht mehr bereit seien, sich vom großen serbischen Bruder weiter unterdrücken und ausnehmen zu lassen.

Die ARD und vor allem das ZDF sowie der größte Teil der Presse schlossen sich dieser Lesart an Die Serben wurden ohne jede Differenzierung als „Aggressoren“ abgestempelt. Von dem Mediengleichklang offenbar beeindruckt, drohte der deutsche Außenminister Hans-Dietrich Genscher damit, Kroatien anzuerkennen, falls „weiter geschossen wird“.

Dies war eine Einladung an die Kroaten, das Schießen zu provozieren. Im starken Gegensatz zu den Slowenen – einer Nation mit eigener Sprache und einem beinahe homogenen Siedlungsgebiet – zog das Ausscheren Kroatiens die Trennung von katholischen, islamischen und orthodoxen Volksgruppen nach sich. Die drei Glaubensgemeinschaften, so hieß es, könnten nicht mehr miteinander leben. In Bosnien führte dieser Geist dann zu den konfessionellen – nicht „ethnischen“ – Säuberungen.

In den deutschen Medien galten die Serben als Alleinschuldige. Doch der Leidensweg der Orthodoxen im von Deutschlands Gnaden geschaffenen großkroatischen Ustaschastaat 1941-1945 wurde geflissentlich heruntergespielt. Daß Serben seit vielen Jahrhunderten in Bosnien leben und bis 1941 – vor der muslimischen Bevölkerungsexplosion – die Mehrheit stellten, fiel häufig unter den Tisch, so daß sie dann als „Besatzer“ im eigenen Lande verunglimpft wurden.

Wenn das wiedervereinigte Deutschland Einfluß und Achtung im Ausland erlangen möchte, müßten deutsche Journalisten und deutsche Diplomaten beachten, daß das orthodox-byzantinische Kulturerbe in Europa ebenso wichtig ist wie das römisch-katholische und protestantische. Die verfehlte Jugoslawienpolitik hat Deutschlands Einfluß auf dem Balkan erheblich vermindert. Das Auswärtige Amt sollte im deutschen Interesse mit den Serben – die auch nach dem Krieg der wichtigste Machtfaktor auf dem Balkan sein werden – und mit der orthodoxen Welt die Aussöhnung suchen.

  • John Batho ist freier Journalist und Übersetzer für Serbokroatisch.