Der ausgetrocknete Brunnen auf der Piazza della Borsa hat kein Dach über dem Kopf, und er zählt zur Gemeinschaft der Häuser, die nach oben offen sind. Man müßte, um sich häuslich einzurichten, ein Laken darüber legen, eine Schicht Zweige oder ein ausrangiertes Moskitonetz. Der Brunnnen ist eine komplette Wohnung - der Tagtraum eines Kindes.

Später, nachdem das Kind erwachsen wurde, zerfällt der Traum Übrig bleibt ein Barockbrunnen inmitten der Häuserruinen Neapels am Ende des Zweiten Weltkriegs. Fabrizia Ramondino zersetzt den Tagtraum aber nicht einfach. Sie erweitert ihn zum Sinnbild einer defekten Stadt, einer Stadt wie Neapel, die so unmöglich zu bewohnen ist wie der Brunnen an der Piazza della Borsa. Fabrizia Ramondinos Erinnerungsbuch aus der Kindheit "Nicht sehr verläßlich zu Haus ist kein literarischer Stadtführer durch Neapel, sondern eine Sammlung intensiver Bilder, die aus der Vergangenheit aufblitzen und große Geschichtsräume beleuchten.

Fabrizia Ramondino, die 56 Jahre alt ist, in Itri bei Neapel lebt, eine passionierte Linke war und heute wohl eine zweifelnde ist, will mit den sechziger und siebziger Jahren nicht billig abrechnen. Sie findet auch für die hybriden Züge der neuen Linken ein imponierendes Sinnbild, das aus dem Schatz der Kindheitseindrücke stammt. Es ist das Bild des "Monte Nuovo", ein "neuer Berg", der sich in der antiken Landschaft des Golfs von Neapel jäh auftürmte: ein geologischer Fremdkörper. "Erinnerungen an Neapel" heißt das Buch im Untertitel, und er enthält eine Halbwahrheit "Erinnerungen an ein Luftschloß" wäre richtiger - ein Luftschloß, das eine erhebliche Ähnlichkeit mit einer Stadt besitzt, die Neapel heißt. Aus den Eindrücken dieser Stadt, der Kindheit und der Jugend der Autorin werden Proviantpakete für weite und gewagte Denkausflüge. So entsteht ein Text, der als Essay komplex, als Erzählung keineswegs komplett und chronologisch ist.

Im Gegenteil. Vieles aus dem Leben der von Exil zu Exil, von Unterkunft zu Unterkunft umherziehenden Familie bleibt undeutlich. Auf manche biographische Ereignisse kann sich der Leser keinen Reim machen. Einzelheiten dagegen tauchen an verschiedenen Stellen der (numerierten) Textteile immer wieder auf. Aus der organisierten Unausgeglichenheit entsteht kein Chaos, aber Turbulenz. Fabrizia Ramondino erzählt von einem Leben, dessen Beunruhigung so umfassend ist, daß sich einem Kind als "Verläßliches zu Haus" nur der eigene Vorrat an Tagträumen und Phantasien anbietet.

Eigentlich, schreibt Fabrizia Ramondino auf den ersten Buchseiten, eigentlich sei sie gar keine waschechte Neapolitanerin: zwar in Neapel geboren, aber dann auf Mallorca und in Frankreich aufgewachsen. Sie könne auch gar nicht sagen, aus welchem Stadtviertel sie komme, nicht einmal, aus welcher Schicht. Sie habe in und um Neapel gewohnt, im Zentrum und an Orten am Meer, unter Reichen und Armen. Sie habe keinen neapolitanischen Dialekt erlernt in der Kindheit, nicht einmal eine eindeutige Muttersprache. Ja, eigentlich sei sie so gut wie zugereist.

"Da ich mich also in meiner Heimat als Fremdä fühle, bleibt mir nichts anderes übrig, als die längs Zeit, die ich in Neapel verbracht habe, in einei geographischen Raum für mich zu verwandeln. So wie Fabrizia Ramondinos Sätze durch die Zeiten wandern, durchquert ein Besucher eine unbekannte Stadt: irgendwo beginnend, instinktiv angezogen von Hauptplätzen und Kreuzungen, an denen der Text Lebensgeschichte und Stadtgeschichte zusammenlaufen läßt.

Eine zentrale Erhebung im Zeitrelief: das Jahr 1944. Sechs Monate nach der Befreiung Neapels ereignete sich im März 1944 der letzte, verhältnismäßig harmlose Vesuvausbruch. Ein anderer Fixpunkt: das Erdbeben im Jahr 1980. Die Ge1schichte der Zerstörung ist nur eine Route durch das Buch; eine von vielen.