Frauen erhalten noch immer für gleiche Arbeit weniger Lohn als Männer. Sie sind auf Chefsesseln selten anzutreffen, gelangen nur schwer in Ämter mit Prestige und Einfluß, verlieren aber um so leichter - die neuen Bundesländer führen es vor - ihren Arbeitsplatz. Erklärungen, die dies auf mangelnden Karrierewillen, schlechtere Zeugnisse oder sonstige Qualifikationsdefizite zurückführen, sind empirisch nicht haltbar. Triftiger erscheinen Hinweise auf traditionelles Platzhirschgebaren und sexistisch getönte Vorurteile der männlichen Arbeitgeber.

Die Benachteiligung von Frauen paßt schlecht zu der vom Grundgesetz verfügten Gleichberechtigung. Nun soll Artikel 3 Absatz 2 ergänzt werden. Am 27. Mai dieses Jahres einigte sich die Gemeinsame Verfassungskommission von Bundestag und Bundesrat auf den Zusatz: "Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin "

Die Formel ist ein Kompromiß. Kaum hatte man sie, nach langem Hin und Her, parteiübergreifend beschlossen und als Kommissionsdrucksache Nr. 80 zu den Akten genommen, brach der Disput erneut aus. Diesmal als Streit um die Auslegung. Erlaubt der Satz Quoten? Erlaubt er es, dafür zu sorgen, daß die Besetzung von Stellen dem Anteil der Frauen an der Bevölkerung entspricht? Die Union kommentierte, auch künftig sei die gesetzliche Einführung von Quotenregelungen ausgeschlossen. Opposition und FDP hingegen sehen fortan die Bahn frei für Frauenförderpläne und Bevorzugungen bei der Stellenvergabe.

In der Bundesrepublik sind es entweder Juristen oder politische Parteien, allen voran die längst mit Quoten operierenden Grünen, die über Gleichberechtigung diskutieren. Die Philosophen bleiben stumm. Anders in den USA. Bürgerrechte werden dort vehementer thematisiert, und es sind neben den Frauen die Schwarzen, deren Diskriminierung zur Debatte steht "Nur wenige andere öffentlich politische Kontroversen - etwa die Auseinandersetzung über Abtreibung oder die über atomare Abschreckung - haben ein derartig unmittelbares Engagement von philosophischer Seite hervorgerufen", schreibt Robert Fullinwider in "Quotierung und Gerechtigkeit", einer Sammlung mit zwölf Aufsätzen zum Thema, die Beate Rössler herausgegeben hat.

Das Engagement, von dem Fullinwider spricht, wird den Betrachter der Szene nicht verwundern. Seit zwei Jahrzehnten kommen die maßgeblichen Beiträge zur Rechtsphilosophie und Gerechtigkeitstheorie aus dem anglo amerikanischen Raum. Eine gewisse sozial psychologische Eigentümlichkeit mag das Ihre dazu tun. Amerikaner seien getrieben vom Verlangen nach "absoluter Gerechtigkeit", lautet der Befund von Lawrence M. Friedman, der diesem ihm nicht geheuren Treiben ein Buch mit dem Titel "Total Justice" gewidmet hat, und für die im vergangenen Jahr verstorbene Rechtsphilosophin Judith Shklar hatte es ganz den Anschein, als würden sich ihre Landsleute "keinem anderen Sport so hingeben wie dem, sich gegenseitig anzuklagen", besessen von der Idee, für jedes Unrecht gebe es eine Wiedergutmachung auf dem Rechtsweg.

Das Ungenügen der formalen Chancengleichheit bildet den Ausgangspunkt aller Überlegungen zu Quotierung und Gerechtigkeit. Auch wenn, womit sich ein klassischer Liberaler zufriedengibt, für alle Bürger dieselben Regehi gelten, so schafft doch diese rechtliche Garantie gleicher Freiheiten nicht Freiheiten gleichen Werts.

Was hat den Frauen und Schwarzen die "Equal Protection Clause" genutzt? Das Gleichbehandlungsgebot im vierzehnten Zusatzartikel der amerikanischen Verfassung hat, um ein augenfälliges Beispiel zu nennen, noch niemand aus ihren Reihen auf den Präsidentenstuhl gehievt. Soziale Herkunft, Hautfarbe, Geschlecht wirken sich im Alltag als Vor- oder Nachteile aus, unter der Hand und ohne daß dabei gegen den Buchstaben des Gesetzes verstoßen würde.