BERLIN. – Abend für Abend, so um die Geisterstunde, treibt es die Menschen hinaus. Draußen herrscht stockfinstere Nacht, aber gerade deshalb kommt jetzt ihre Stunde. Zu Tausenden strömen sie in die Berliner S-Bahn und fahren kreuz und quer durch die Stadt. Einige steigen schon nach wenigen Minuten aus, wenn eine ferne Geisterstimme die Station Westkreuz oder Alexanderplatz ankündigt. Andere rattern sogar Stunden über die Gleise der Bahn, obwohl die längst schon Betriebsschluß hat. Die nächtlichen Fahrgäste fahren schwarz – im festen Vertrauen, daß ihr Fahrpreis mit den monatlichen Fernsehgebühren entrichtet ist. Wer aussteigen will, braucht keinen einzigen Schritt zu tun. Ein Druck auf den Ausknopf der Fernbedienung, und der Passagier sinkt genüßlich ins heimische Sofakissen.

Seit Mai schon geht dieses Treiben, das in den TV-Zeitschriften unter dem Programmpunkt „S-Bahn“ firmiert. Für Ortsunkundige eine merkwürdige Geschichte. Für die Hauptstädter der Geheimtip: die Sendung mit dem wirklichen und wahren Heimatgeruch. Nacht für Nacht fährt der SFB mit seinem Sender B 1 verschiedene Strecken des Berliner S-Bahn-Rings ab. Vom Programmschluß bis zu den Frühnachrichten gleitet die Bahn über den Bildschirm, der Zuschauer auf dem Fahrersitz gleitet mit. Fast geräuschlos geht die Fahrt, nur alle paar Minuten sagt eine Stimme den nächsten Bahnhof an. Ein kurzer Stopp, und schon ziehen wieder Häuser und Brachflächen vorbei. Kein hektischer Schnitt, kein waghalsiger Schwenk, kein Zoom: Eine fest installierte Weitwinkelkamera in der Fahrerkabine fängt alles räum- und zeitgetreu ein. Reality TV auf die Spitze getrieben, ohne Action, ohne Spannung, ohne Handlung – und Tausende von Zuschauern finden nichts aufregender als das.

Seit der SFB das Testbild durch diesen Antithriller ersetzt, verzeichnet man beachtliche Einschaltquoten. An einigen Tagen erreicht der Programmpunkt „S-Bahn“ Marktanteile bis zu dreißig Prozent. Das heißt, fast jeder dritte, der zu nächtlicher Stunde noch vor dem Fernseher sitzt, steigt in die S-Bahn ein. Zuschauer schicken Fanpost an den Sender: Wann kommt endlich meine Strecke dran? Und wo, bitte, gibt es die S-Bahn-Tour als Video zu kaufen? Heimliche Fangemeinden spielen nächtens das Ratequiz in Sachen Heimatkunde: Durch welchen Stadtteil rauscht die Bahn wohl gerade?

Dabei war alles doch nur eine simple Idee: Seit der Ostdeutsche Rundfunk in Brandenburg Nacht für Nacht seine Zuschauer mit den Szenen aus einem deutschen Aquarium in den Schlaf begleitet und Schleierschwanz Willy zum Publikumsliebling wurde, suchte man auch beim SFB Alternativen zum Schneefall nach Sendeschluß. Produktionschef Hans Borasch schließlich machte aus seiner Vorliebe zur Bahn die billigste und unaufwendigste Fernsehserie aller Zeiten. Inzwischen ist der Sender dabei, die Filmkollektion zu komplettieren: Sämtliche S-Bahn-Strecken sollen im Wechsel über den Sender laufen, auch an eine Ausweitung auf den Regionalverkehr der Züge ist gedacht. Und zu Weihnachten, verspricht der SFB, kommt auf vielfachen Wunsch endlich auch das Buch zum Film.

Medienforscher spekulieren derweil ratlos über das Phänomen. Was treibt die Zuschauer, die angeblich von Sex and Crime nie genug kriegen können, in diese erlebnisarme Beschaulichkeit? Fernsehverdrossenheit? Reizüberflutung? Die heimliche Sehnsucht staugeprüfter Autofahrer nach dem öffentlichen Nahverkehr? Oder findet hier der alte Jungentraum vom Leben als Lokomotivführer seine mediale Verwirklichung?

Vielleicht aber drückt sich hier auch nur der Wunsch des Zuschauers nach absoluter Selbstbestimmung aus: Endlich kann er auf den Aus-knopf drücken ohne das nagende Gefühl, etwas zu verpassen. Vera Gaserow