Von Verena Auffermann Es gibt in New York Menschen, die reden und schreiben ganz anders als der Rest Amerikas. Ihre Sprache ist hart geschliffen. Sie spiegelt die Fallhöhe des Alltags und bildet den Pegel der Gefahren, des täglichen Lärms und der Nervosität ab. Angst, Hysterie, Witz und Klatschsucht sind Teil dieses Sprachspiels, das die ortsansässige, von jüdischem Esprit angespornte Intelligenzija mit Spaß, Gemeinheit und Schadenfreude betreibt. Wer den New Yorker liest, kann am fliegenden Tempo und am Klima mancher Beiträge ablesen, welchen Siedegrad die Luft Manhattans gerade mißt.

Die 1945 in Chicago geborene Deborah Eisenberg gehört zu dieser New Yorker Clique. Wie viele ihrer Kollegen hat sie sich auf das bei uns unterbesetzte Fach der Short Stories spezialisiert. Sie offenbart in ihren Geschichten die Innen- und Außenwelt ihrer Figuren nicht durch Kommentierung sondern in Gesprächen. Nach "Reisen mit leichtem Gepäck" (1989) und "Eine lehrreiche Geschichte" (1991) ist "Im Paradies des Regengottes" ihr riskantestes Buch.

Deborah Eisenberg besucht auf Erzählexpedition, mit dem kritischen Auge des um seine Ehre betrogenen Amerikaners, Mittelamerika. Sie entdeckt die Lügen der Politik, die von Befreiung redet und aus Profitsucht selbst Krieg und Guerillakämpfe unterstützt. Zum Glück ist Deborah Eisenberg nicht so dumm, von der Besucherterrasse aus ins Kriegsmilieu oder in die Hütten der Einheimischen abzusteigen. Sie beschreibt, wovon sie was versteht: die Psyche amerikanischer Großstädter in außergewöhnlichen Augenblicken. Ihre Helden sind Touristen oder Personen, die unter südlichem Himmel die späten Golden Years verbringen oder sich seit McCarthys Kommunistenhatz in Mexiko verschanzt haben und in fremder Umgebung verkommen.

Deborah Eisenberg schildert, ohne Länder und Orte beim Namen zu nennen, was der Reisende unterwegs in Mexiko, Guatemala, Honduras, El Salvador sieht, und wie er es "sieht. Das Unbekannte entziffern Caitlin, Robert, Sarah, Dennis, Shapiro, Jean durch die Perspektive ihrer eigenen Lebensgeschichte.

Personen, die Deborah Eisenberg reizen, fliehen vor sich selbst. Sie sind, wie Caitlin, Jean oder die Ich Erzählerin aus der Geschichte "Zerbrochenes Glas" am leeren Punkt ihres Lebens angekommen. Von einer Karriere konnte die Schauspielerin Caitlin nur reden, solange sie noch die Hoffnung hatte, ihren Job als Kellnerin jemals wieder gegen den der Schauspielerin eintauschen zu können. Nach dem Tod der Mutter flieht eine vierunddreißigjährige Frau aus Chicago ("Zerbrochenes Glas"), um mit den Bildern der Erinnerung allein zu sein, und gerät als Zuschauerin in einen amerikanischen Zauberberg. Jean ("Im Paradies des Regengottes") wird sich durch den Besuch des Eindringlings Mark des Balanceaktes zwischen Krankheit und Alkohol bewußt, der ihr Leben ausmacht. Shapiro hofft, daß ihn die Einladung zu einem Konzert während eines "Pan amerikanischen Musikfestivals" aus seinem mickrigen Leben hochreißt.

Der traurige Witz, der in den Wendungen liegt, die Deborah Eisenberg in ihre Geschichten einbaut, liegt darin, daß die Flucht in ein fremdes Land die Last der eigenen Person nicht erleichtert, eher erschwert. Die tropische Kulisse aus Hitze, Staub, Kakerlaken, bettelnden Kindern und nahen Guerillakämpfen ist ein beunruhigendes Gelände, ein Whirlpool für das mitgereiste Innenleben.

In drei langen, den besten Geschichten: "Im Schutz der 82. Luftlandedivision", "Semana Santa" und "Zerbrochenes Glas" glückt Deborah Eisenberg aus Nebensätzen und Nebensächlichkeiten das Bild einer inhaltsarmen, erschöpften, seelisch mürben und oberflächlichen Gesellschaft. Der fremdländische Hintergrund schärft die Sicht auf die Kontraste. Das persönliche, aus Selbstbetrug gebaute Desaster der Figuren ist Spiegelbild der im Hintergrund versteckt agierenden Politik. Alle Reisenden sind in hoffnungslosen Missionen unterwegs. Das Land interessiert sie nicht. Caitlin will, weil sie sich einsam fühlt, ihre Tochter Holly wiedersehen, um die sie sich siebzehn Jahre nicht gekümmert hat. Der Journalist Dennis, mit seiner um viele Jahre jüngeren Freundin Sarah unterwegs, will in einem Land der Armut, in dem das erste, "was man sieht, wenn man durch die Tür kommt, eine Art Butler mit Maschinengewehr ist", für eine Feinschmecker Zeitschrift eine Serie über Lokale und Gerichte schreiben. Shapiro will endlich Erfolg haben und fällt auf einen Journalisten herein.