Wer etwas über deutsche Eliten lernen möchte, der tut gut daran, "Operation Epsilon" zu lesen und sich nicht von dem Untertitel des Buches in die Irre führen zu lassen. Denn nicht um die "Angst der Alliierten vor der deutschen Atombombe" geht es, sondern um die Welt- und Selbstbilder jener Naturwissenschaftler, die noch immer einen Ruf wie Donnerhall genießen: Otto Hahn, Werner Heisenberg, Carl Friedrich von Weizsäcker, Walther Gerlach, Erich Bagge, Kurt Diebner, Paul Harteck, Horst Korsching und Karl Wirtz.

Amerikanische und britische Kommandos hatten sie im württembergischen Hechingen aufgespürt und im Sommer 1945 auf einen verschlafenen Landsitz namens Farm Hall in der Nähe von Cambridge gebracht. Max von Laue war ebenfalls unter ihnen - zu Unrecht, wie die Briten bald bemerkten, hatte er doch mit Atomphysik nichts zu schaffen und mit seinen genannten Kollegen auch sonst wenig im Sinn. Auf keinen Fall sollten diese Wissenschaftler in die Hände der Russen fallen oder umstandslos mit eigenen Forschungen fortfahren können Überall in Farm Hall waren Mikrophone versteckt. Aufgabe der Bewacher war es, viele hundert Stunden Tonbandaufnahmen zusammenzufassen und die besonders wichtigen Gespräche im Wortlaut niederzuschreiben. So kamen im Laufe von sechs Monaten gut 250 eng beschriebene Schreibmaschinenseiten zusammen, die berühmten Protokolle von Farm Hall. Die Professoren wurden sehr zuvorkommend behandelt. Von Weizsäcker meinte gar, daß er noch nie so gute Gelegenheit zum Nachdenken und Arbeiten hatte. Dennoch klagten sie ohne Unterlaß. Die Trennung von ihren Familien war gewiß nicht einfach. Aber noch mehr schmerzte, daß die Engländer es gewagt hatten, sie zu verhaften - sie, die vornehmsten Köpfe der akademischen Königsdisziplin, die Herren der "deutschen Physik". Kaum in Farm Hall angekommen, stand ihr Urteil fest Ins Unrecht hätten sich die Engländer gesetzt, und obendrein ließen sie Anstand vermissen - "einen nicht mitreden lassen wollen, wenn es darum geht, was mit einem geschehen soll". Sagten es und lauschten Otto Hahn, wie er sich über "das nichtarische Fräulein Meitner" ausließ. Nicht umsonst war in den britischen Dossiers von der Arroganz der "master race" die Rede. Dem einen galt Farm Hall als KZ ("Man kann jetzt nicht das gleiche mit uns machen"), ein anderer phantasierte den Tag herbei, wo er mit Luftlandetruppen auf England niedergehen würde und "alle Männer sofort verhaften und zwei Jahre lang von ihren Frauen trennen (läßt), um ihnen zu zeigen, wie so was ist".

Nur Karl Wirtz sprach offen über die Verbrechen der Nazis "Wir haben Dinge getan, die einzig auf der Welt sind Was man ihm entgegnete, liest sich auf Punkt und Komma wie die Lebenslüge, mit der die Bundesrepublik großgeworden ist. Von wegen "wir" - selbst nichts getan und auch nichts gewußt, aber natürlich alles verurteilt, wenn man doch mal davon hörte, überhaupt war ja Krieg, als Hitler "einige Greueltaten in Konzentrationslagern befahl", und jetzt ist Frieden, und was will man einem Volk denn noch alles zumuten, wo es doch gerade kapituliert hat. Von nichts gewußt? Fünf Menschen, erzählte Heisenberg, hatten sich kurz vor ihrer Ermordung mit einem Hilferuf an ihn persönlich gewandt. Und wie stand es um die Bombe für Hitler? Im Frühjahr 1942 hatte man den "absolut sicheren Beweis, daß die Sache machbar sei" (Heisenberg). Aber just zu dieser Zeit war es auch, wie mittlerweile in einer Handvoll einschlägiger Studien nachgewiesen, um das deutsche Atomprogramm geschehen Über die Gründe ist viel gerätselt worden. Wer sich von den Farm Hall Protokollen neue oder gar sensationelle Enthüllungen versprochen hatte, wird enttäuscht sein. Sie bestätigen nur, was der amerikanische Historiker Mark Walker seit Jahren vorträgt. Daß nämlich die Nazis selbst den Riegel vorschoben, weil sie den Krieg, wenn überhaupt, dann nur auf schnellstem Weg gewinnen konnten und folglich kein Geld für Experimente mit Ungewissem Ausgang zur Verfügung stellen wollten. Das Chaos in der Nazibürokratie und die bisweilen lähmende Rivalität einzelner Behörden untereinander taten ein übriges.

Ob auch die Wissenschaftler untereinander so neidisch und mißgünstig waren, daß sie eine effektive Zusammenarbeit erst gar nicht zuwege brachten? Korsching und Wirtz behaupteten es und handelten sich dafür Schelte ein. Die Nazis vertrauten uns Physikern nicht, meinte Heisenberg und attestierte sich und seinen Kollegen fehlenden "moralischen Mut", weil keiner ein Programm mit 120 000 Mitarbeitern zu fordern wagte. Und Bagge warb sogleich um Verständnis für diese "Feigheit". "Wenn die Sache nicht gelungen (wäre), hätte man allen Physikern den Kopf abgeschlagen " Aber was wäre wohl geschehen, wenn die Nazis klüger gewesen wären? Wenn sie dem Sachverstand ihrer Physiker vertraut, die Mittel freigegeben und, sagen wir, ein "Projekt Walhalla" befohlen hätten? Vor diese Probe ihres "moralischen Mutes" wurden Heisenberg und Kollegen nie gestellt. Also konnte trefflich spekuliert werden. Noch in Farm Hall entschied sich Carl Friedrich von Weizsäcker zur Flucht nach vorne und pries wortreich die vermeintlich ideale Lösung ihres Problems: Sie hätten die Bombenpläne bewußt hintertrieben und mit Erfolg sabotiert. Eine absurde Behauptung, wie Gerlach, Harteck und Bagge sofort konterten, wo doch Fälle aktenkundig waren, in denen Kollegen Kontakt mit einflußreichen Nazis aufgenommen und ihnen die neue Wunderwaffe geradezu angedient hatten. So sah es auch Heisenberg. In einem für die britischen Behörden bestimmten Memorandum hielt er fest, daß man sich ausschließlich auf die "Uranmaschine" konzentriert hatte— weil an mehr nicht zu denken war. Dennoch sollte sich von Weizsäcker mit seiner Geschichtsdeutung am Ende durchsetzen. Der Carl Friedrich von Weizsäcker in Farm Hall argumentiert nicht nur wie jemand, der seinen Berufsstand "in die Augen der Landsleute reinwaschen" will und selbst zur Rolle der moralischen Autorität drängt. Subjektiv schien er zugleich von der eigenen Rede überzeugt: Was deutsche Physiker wollen, das können sie auch. Und was sie können, setzen sie durch. Was nicht klappt, kann man folglich auch nicht gewollt haben. Es ist dieselbe Hybris, die ihn zeitweilig phantasieren ließ, Hitler die Bombe zu geben und ihm anschließend den Einsatz derselben auszureden. In Farm Hall spann er den Faden weiter und malte sich aus, wie Wissenschaftler die politische Macht übernähmen - selbstverständlich nur zum Besten aller und auf daß das atomare Geheimnis nicht weitergegeben würde.

Die Bomben auf Hiroshima und Nagasaki erschütterten die Welt. Für die meisten der in Farm Hall Versammelten waren sie eine narzißtische Kränkung. Daß ausgerechnet einem Haufen amerikanischer "Dilettanten" gelungen war, wozu man selbst das Zeug und noch mehr ein Anrecht hatte; daß man vielleicht als zweitklassig oder zu Hause als Versager gelten würde "Jetzt wird es uns in Deutschland schlimm ergehen Erschüttert ob der Konsequenzen seiner Forschung war nur Hahn. Ein "persönliches Problem", wie ihm von einigen großzügig konzediert wurde. Weizsäcker hingegen klingt, als wäre ihm eine Zentnerlast von der Seele gefallen "Die Geschichte wird festhalten, daß die friedliche Entwicklung der Uranmaschine in Deutschland unter dem Hitler Regime (stattfand), während die Amerikaner und die Engländer diese gräßliche Kriegswaffe entwickelten "

Gleichwohl trugen die "guten Deutschen" den "bösen Amis" ihre Dienste an. Weizsäcker und Heisenberg hatten die Vorboten des Kalten Krieges erkannt und wußten, daß man alsbald der "deutschen Physik" eine Bresche schlagen würde, brauchten die Alliierten doch alle Experten, um im Wettlauf mit den Russen die Nase vorn zu haben "Sie (haben) natürlich Angst davor, eines schönen Tages angegriffen zu werden, so wie wir angegriffen wurden (sie) Für alle Fälle wollten sie auch die "russische Karte" im Spiel halten, nicht provozierend, aber so, daß der Wink verstanden wurde. Und wenn es öffentliche Kritik an der Arbeit für die Sieger geben sollte? Dann würde man eben den Anschein erwecken, "als müßten wir unsere wissenschaftliche Arbeit unter der anmaßenden Kontrolle der Angelsachsen leider fortsetzen, wütend und zähneknirschend "

Ein aktuelles Interview mit Carl Friedrich von Weizsäcker beschließt das Buch. Darin bescheinigt er seinen Kritikern, daß sie von Vergangenheit keine Ahnung haben. Geschichte könnte erst geschrieben werden, "wenn alles so lange vorbei ist, daß niemand mehr lebt, der das Interesse hat, wie es gewesen sein sollte".