Von Andrea Köhler

Eines Tages tritt ein Mann ins Zimmer, legt sein Notizbuch auf den Tisch und beginnt ohne Umschweife einen Vortrag über "den Text, der sich selbst schreibt und die Welt aufsammelt als Reste". Ein paar Seiten später kehrt der Mann ins Zimmer zurück und erklärt, er habe sich geirrt, "die Welt als Reste zu denken sei Frevel", vor dem Fenster stürmt ein Schwarm Raben den Himmel. "Aber die Liebe", sagen einmal der Mann und einmal die Frau und bringen, "pst, pst!" einander zum Schweigen. So bizarr und poetisch, ein wenig preziös auch, geht es zu in Undine Gruenters prosaischen "Epiphanien", die pst, pst, geheimnisvoll zwischen den Seiten rascheln und wispern.

Epiphanie, definiert der Duden, ist die Erscheinung einer Gottheit unter den Menschen. Doch mit der spartenübergreifenden Renaissance des Religiösen hat Undine Gruenters Wunderglauben nichts gemein. Im Gegenteil: Die emphatische Illumination des Augenblicks hat die Autorin, die seit 1987 in Paris lebt, den Großstadtflaneuren des 19. Jahrhunderts abgeschaut. Und die halluzinative Optik, die das Imaginäre mit den Ingredienzen des Realen aufmischt, verdankt sich einer Schnittechnick, die den Text im Wechsel von Großaufnahme und Totale, Zeitlupe und -raffer in immer neuen und ungewöhnlichen Beleuchtungen aufscheinen läßt: "Epiphanien, abgeblendet". Undine Gruenters "Klebebuch aus zusammengestückelten Erinnerungsrissen" versammelt 56 poetische Bildler, die die Relikte einer Welt enthalten, die im Verschwinden begriffen ist.

Zwei Männer stehen am Fenster und streiten. Das Kino, sagt der eine, sei der vorletzte Tempel der Kontemplation, "die Zeit ins Unendliche gedehnt in jedem Schnitt". Das Theater, sagt der andere, sei das letzte Forum der Agitation, "die Zeit ins Augenblickliche zusammengezogen mit jedem Heben des Vorhangs".

Das Buch, denkt der Leser der "Epiphanien", ist Kopfkino und Gedankentheater in einem; es ist womöglich einer der letzten Orte, wo das Unendliche und das Unmittelbare zusammenfallen. Das Stück, der Film, die in diesemi Buch aufgeführt werden ‚ könnten heißen "Diie Zeit und das Zimmer" oder "Zimmer mit Aussicht". Es treten auf: mehrere Männer und Frauien. In den Hauptrollen: die Liebe, die Kunst und der Tod.

"Nicht die Zukunft, die Vergangenheit ist unendlich", erklärt eine der Figuren aus Undine Gruenters letztem Roman "Vertreibung aus dem Labyrinth". Der magische Moment, in dem im Gegenwärtigen die Vergangenheit sichtbar wird, ist ein wichtiges Motiv der Autorin, die die poetische "Wiedergewinnung von brachliegenden Zeiträumen als Widerstand gegen die Geschäftigkeit des mit der Zeit rechnenden Alltags" versteht. Ihr Stundenbuch mit Nachrichten aus einer von Geistern bewohnten Welt verzeichnet freilich nicht nur jene très riches heures, "die aus einer Epoche von Löwe und Einhorn zurückwinken", sondern auch die Restmythen des "mit der Zeit rechnenden Alltags", die in jeder Damenhandtasche zu finden sind: Lippenpomade, ein Zeitungsausschnitt, ein winziges Lederetui für drei Zigaretten und eine Kinokarte, "River of no return".

Undine Gruenter liebt die kostbaren Arrangements in der Manier alter Meister, den "Stich ins Watteau-Seidige" und das Kolorit der französischen Bohème: Tanzmusik, schwere dunkelblaue Samtvolieren und der Schein einer Straßenlaterne auf leise knarrendem Parkett, hohe Stühle, blinde Spiegel, Rotweinflecken und ausgekernte Schalentiere auf einer weiß gedeckten Tafel. Stadt, Land, Fluß erscheinen wie Sinnestäuschungen vor dem Fensterausschnitt im Zimmer, "während ein eisiger Windhauch zwischen den Wänden weht". Denn "das Zimmer war eine atmende, kaleidoskopisch sich drehende Zellmembran", und drinnen und draußen sind nur zwei verschiedene Aggregatzustände derselben Empfindung. So kann es geschehen, daß die Frau am Fenster steht und pausenlos winkt, obschon niemand zu sehen ist, "denn der Mann hatte sich auf die Treppe gesetzt und wartete, daß sie zu winken aufhörte und die Tür öffnete".