DORTMUND. – Jürgen Kampert war es irgendwann leid, immer die gleichen Fragen zu beantworten: Wann muß ein ausländischer Führerschein spätestens umgeschrieben werden? Welche Unterlagen sind nötig, um einen Wohnberechtigungsschein zu beantragen? Wie lange gewährt das Arbeitsamt Eingliederungshilfe? Kaum hatte er es erklärt, „kamen die Leute nach einer Woche mit den gleichen Fragen wieder“. So was nervt selbst einen geduldigen Sozialarbeiter wie Kampert, der in einem Dortmunder Büro der Arbeiterwohlfahrt (AWO) Aussiedler berät.

Er schrieb die Fragen auf, sammelte sie und bastelte schließlich ein Spiel daraus. Der Bundesvorstand der AWO war angetan. Er ließ zunächst hundert Exemplare davon herstellen und verteilte sie an alle seine Aussiedler-Beratungsstellen in ganz Deutschland.

Ziel des bislang noch namenlosen Würfelspiels ist es, vom Start „Übergangswohnheim“ über Stationen wie „Arbeitsamt“, „Kindergeldkasse“, „Verbraucherberatung“, „Vertriebenenamt“ und andere den Endpunkt „eigene Wohnung“ zu erreichen. Die 118 Spielfelder sind in sieben verschiedene Wissensgebiete unterteilt (zum Beispiel „Ämter & Behörden“, „Arbeiten & Wohnen“, „Politik & Gesellschaft“, „Umwelt & Gesundheit“). Auf jedem Feld, das man erreicht, ist eine Karte des entsprechenden Wissensgebiets zu ziehen und die darauf gedruckte Frage richtig zu beantworten.

Das Spiel komme sowohl in den AWO-Beratungsstellen als auch bei den Aussiedlern selbst gut an, berichtet Kampert. Es wird inzwischen regelmäßig auf Wochenend-Seminaren eingesetzt, die Aussiedler können es auch ausleihen und zu Hause spielen. Das Quiz soll sie über ihre Rechte (und Pflichten) aufklären und ihnen die Integration in der neuen Heimat erleichtern. Denn die meisten der Neuankömmlinge, vor allem die vielen älteren Menschen aus den GUS-Staaten, seien sehr unsicher, sagt der Sozialarbeiter: „Die trauen sich oft nicht mal, zum Arzt zu gehen.“ Jüngere Leute, die das Glück hätten, eine Arbeit zu finden, wehrten sich oft nicht dagegen, wenn sie unter Tarif bezahlt würden.

Viele der rund 400 Fragen verraten jedoch weniger über die Bedürfnisse der Aussiedler als über den offenbar alternativ angehauchten Lebensstil des Spielerfinders. Etwa wenn es auf einem Kärtchen heißt, „zur Reinigung von Küche, Bad und Fliesen“ seien nicht chemische Reiniger, sondern „Schmierseife“ zu verwenden. Und was sollen die Aussiedler von der Frage halten: „Was ist richtig? Viele Ochsen bilden eine Herde? Oder: Viele Ochsen bilden eine Regierung?“

Gut möglich, daß derlei Verwirrfragen den Lernerfolg schmälern. Ein siebzigjähriger Aussiedler jedenfalls ließ sich, obwohl davor gewarnt, an der Haustür ein Abonnement aufschwatzen. Jetzt ist der Senior Bezieher eines Rockmusikmagazins. kir