Konstantin Waginow (eigentlich Wagenheim, 1899 bis 1934), der den russischen Oberiuten nahestand, hat in seinem letzten, 1932 bis 1933 entstandenen Roman "Harpagoniana" eine groteske Poetik des Plunders, Trödels und sinnlosen Gerumpels entworfen, die an Absurdität kaum zu überbieten ist. Lauter kleine Harpagons - in Anspielung an Molieres "Geizigen" - sammeln Locken, Nägel, Bonbonpapiere, Kippen, Flüche, ja selbst Träume, die ihnen von gerissenen Zwischenhändlern beziehungsweise versoffenen Spekulanten angeboten werden.

Im Leningrad der frühen dreißiger Jahre waltet eine Kumpanei fanatisch verschrobener Kollektionäre, bestehend aus Gourmets, Desperados, Hungerkünstlern und Systematikern. Der Niederländischlehrer und tyrannische Familienvater Shulonbin hält die Klassifikation für die "erhabenste Schöpfung": "Die Klassifikation ist im Grunde genommen die Formgebung der Welt. Ohne Klassifikation gäbe es keine Erinnerung. Ohne Klassifikation wäre jegliches Erfassen der Realität unmöglich. Die Menschen verteilen alles unbewußt in Schubladen. Ich tue es bewußt. Der Klassifikator ist der beste Mensch Daß er seiner nutzlosen Leidenschaft Kind und Frau opfert, entgeht dem bornierten Außenseiter. Und nicht einmal der Umstand, daß er Kram ohne realen Wert sammelt, macht ihn sympathischer.

Indes verteilt Waginow keine moralischen Noten, im Gegenteil. Nirgends wird der Klub seiner gegenwartsblinden Exzentriker als gesellschaftlicher Abschaum verurteilt, und die hehren Fünfjahrespläne sind weit. So weit, daß Tichonow dem Autor riet, sozialkritisch Klartext zu sprechen. Waginow hat den Roman vor seinem Tod tatsächlich überarbeitet, allerdings ohne die zweite Fassung abschließen zu können. Diese ist - Paradoxie des Schicksals - erstmals 1983 in den USA erschienen, während die ursprüngliche Version, zusammen mit weiteren Waginow Romanen, 1991 in Moskau herauskam. (Die deutsche Ausgabe unter dem Titel "Auf der Suche nach dem Gesang der Nachtigall" - übertragen von Ulrike Zemme und mit Anmerkungen von Angela Martini - beruht zu Recht auf der ersten Fassung, bringt aber Zusätze und Texte der unvollständigen zweiten Fassung im Anhang ) Waginow, den die stalinistische Gleichschaltung der Kunst ebenso hart traf wie den Oberiuten Daniil Charms, bleibt - anders als dieser - noch weitgehend zu entdecken. Zu entdecken ist ein Autor poetisch skurriler, karnevalesker Szenarien, in dessen literarischem Kosmos die Absurdität über staatlich verordnete Ideologien triumphiert und mehr Würde ausstrahlt als hohle Parolen. So reduziert Waginow auch seine Figuren kaum je zu Marionetten oder Karikaturen, er verleiht ihnen mit gekonnter Lakonie - eine Geschichte, ein Schicksal. Anfertjew, der Säufer, Spekulant und spätere Mörder "schlenderte über den Markt und erinnerte sich daran, wie ihn die Roten gewaltsam rekrutiert hatten, die Weißen ihn gefangennahmen und auspeitschten, weil er als Offizier bei den Roten gedient hatte, wie ihn die Roten nach dem Sieg fast erschossen hatten, weil er als Dolmetscher bei den Weißen war, wie die Engländer sich aus dem Staub machten und ihn seinem Schicksal überließen, wie ep schließlich das Leben in Freiheit liebgewann, das eigentlich, wie er empfand, nicht im geringsten frei war Gibt es einen realistischeren Absurdismus?

Roman; aus dem Russischen von Ulrike Zemme; Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1993; 191 S, 22 80 DM