Früher hatte das Radio noch eine echte Aufgabe: rein ästhetisch, weder öffentlich noch rechtlich, vielmehr ganz privat. Radiohören ist etwas Ungeselliges. Wer Radio hört, hört, wo er wirklich zuhört, als ein einsamer Einzelner. Das Zuhören allerdings haben die Leute schon lange verlernt. Man kann ja die Ohren nicht wie die Augen einfach zuklappen. Und so hat der allgegenwärtige akustische Overkill unser Gehör abgestumpft und gleichgemacht. Wobei das Radio selbst, zugegeben, nicht wenig mitgeholfen hat.

Noch in den Fünfzigern war Radiohören wie Radiomachen eine Kunst. Man erfand ganz neue Gattungen und Begriffe: Funkoper, Hörbühne, ars acustica. Hörspiele wurden in der Zeitung besprochen, manche zu Lesebüchern gebunden oder umgearbeitet zu Theaterstücken.

Vor allem für Neue Musik war die Radioanstalt ein einzigartiger Ort, wo sie sich geliebt, verstanden und gefördert sah. Donaueschingen oder vielmehr: die Wiederbelebung Donaueschingens im Jahre 1950 fällt genau in jene hoffnungsfrohe Gründerphase – der sich auch das Kölner Studio für elektronische Musik verdankt und der vom italienischen Rundfunk (RAI) geschaffeie Prix Italia: ein internationaler Wettbewerb, der die ästhetischen und avantgardistischen Qualitäten von Rundfunkprogrammen fördern wollte. Zunächst war er nur ein Radiopreis, heute ist daraus eine Eörse für Fernsehleute geworden und ein Veteranentreffen für alle Radiomacher, de immer noch glauben, daß Zuhören nützlich sein könne. Sie haben sich freilich längst gemütlich in ihrer kleinen Nische eingerichtet und führen sich gegenseitig vorwiegend Mitternachtsspitzen vor. Allenfalls drei der neunzehn Musiksendungen, die in diesem Herbst angetreten sind könnten mit Lust und Gewinn überall anders auch im Radioalltag gesendet werden, vormittags zum Beispiel.

„Alle vierzehn Tage mittwochs, wenn ich in Finnland bin, höre ich Nykytykytystä“, sagt der Komponist Yannis Xenakis über eine witzige finnische Funkreihe. Denn „Nykytykytystä“ erklärt allen, die es wissen wollen, wie Neue Musik gemacht wird. Der Titel dieser Sendefolge ist ein Abrakadabra-Wort. Die 14. Ausgabe vom August 1993 führt dennoch verständlich und ohne Gemeinplätze vor, woraus Minimalisten wie Steve Reich ihr Süppchen kochen und worin die Krise der Postmodernen besteht. Natürlich gewannen die Finnen damit nicht den Prix. Aber sie können sich trösten Das Beste geht hier meist leer aus.

Wie auch dies: Mit minimalistisch anverwandeltem Kuhglockengebimmel auf Hackbrettl und Bockhornphon hebt eine hinreißende „Geischtermüsig“ an (eine Gespenstermusik), die Heinz Holliger für ein Alpenmusik-Hörspiel des Schweizer Radios DRS komponiert hat. Vom Leben der Laos handelt einer der Malsoror-Texte des Grafen de Lautrémont, denen Pierre Henry für Radio France einen kongenialen elektroakustischen Soundtrack unterlegt hat. Und Mauricio Kugel singt für den WDR Köln neuerlich das nostalgische 79er Lied von „Blues Blue“ – einen knisternd fiktiven Rückblick auf die gute alte Zeit.

Aber das sind, wie gesagt, die Ausnahmen. Als Regel für Musikprogramme im Radio von Australien bis Holland gilt, daß sie zwar immer noch auf die altmodische Kunst des Zuhörern bauen, dabei aber in Wirklichkeit gar nicht mehr mit Hörern rechnen. Aus den Lautsprechern quillt nur noch Einheitsion und hohle Botschaft: das. was man in den unteren Etagen dieses bröckelnden Elfenbeinturms immer noch so vor sich hin murmelt. Ein Vogel zwitschert Weißes Rauschen. Eine Welle plätschert. Wildes Glissando, Ein Schuß. Na klar, ein Schrei.

Am Ende ging der Radiomusikpreis in diesem Jahr statt an die Kunst an die bedrohte Natur: an ein Stück Reality-Radio – endlose, zu vier „Sinfoniesätzen“ aneinandergeschnittene Aufnahmen von schnatternden Wildgänsen und heulenden Winden in Lappland, die in ein pädagogisch und ökologiepolitisch zweifellos wertvolles „Largo morendo“ einmünden.