Am Morgen des 3. Mai 1945 schaut Anne Gebhardt irritiert aus dem Fenster, ein Moment der wunderlichen Ruhe, eine "Nachkriegsidylle": "Mörtelstaub und Brandgeruch liegen über dem Hof. Ein leichter Wind weht, und ein russischer Doppeldecker knattert durch all das Blau über ihr. Sie schaut dem Flugzeug nach, bis es hinter den Dächern verschwunden ist, und ihr wird ganz komisch zumute. Ist nun wirklich alles vorbei? Kein Sirenengeheul mehr, nie wieder Bomben, Stalinorgeln, Tiefflieger?" Soviel Ende war nie, soviel Anfang war nie. Die "Stunde Null" hat begonnen, übermächtige Metapher, umstritten, weil sie Kontinuitäten zu verwischen drohte, gebräuchlich dennoch, weil sie den widersprüchlichen Gefühlen der Zeit noch am ehesten Ausdruck verlieh. Klaus Kordons Roman beginnt aber im Februar 1945 und vermeidet so die Gefahr einer naiven Zäsur. Sein Hauptquartier liegt wie in den beiden vorhergehenden Romanen der Trilogie ("Die roten Matrosen" über die Jahre 191819 und "Mit dem Rücken zur Wand" über die Jahre 193233) in der Berliner Ackerstraße, im Hinterhof der Nr. 37, zwischen dem Wedding und Prenzlauer Berg.

Dort wohnt die zwölfjährige Anne bei ihren Großeltern. Quer durch die Familie Gebhardt hat die Geschichte ihre Gräben gezogen. Annes Tante Martha hat einen Nazi geheiratet, und ihr Mann war 1933 bei dem Trupp, der ihre Eltern verhaftete. Sie weiß nichts von ihnen, nur daß sie jetzt irgendwo im Gefängnis oder im Lager sind - oder schon tot?

So erleben wir über etwa 200 Seiten die letzten Monate des Krieges. Mit den Romanfiguren kauern wir bei Fliegeralarm im Keller, mit Anne und ihrem Großvater schieben wir uns inmitten einer panischen Menge in den S Bahnhof Potsdamer Platz: "Nu mach mal hin, Kleene, die Amis warten nicht Und danach, wieder am "Tageslicht": brennende Häuser, Schreie, Bilder, die im Kopf stehenbleiben: "Nun liegen sie da wie schmuddelige Schaufensterpuppen, steif und voller Staub und Asche ein Junge, nicht älter als zwölf. Ganz verkrümmt liegt er da, das Gesicht nach oben, als schaue er den Flugzeugen nach " Klaus Kordons klare und genaue Sprache deckt sich mit seinem Ziel, Aufklärung erschreiben zu wollen. In der Anlage ist sein Roman, ja die gesamte Trilogie, modellhaft, wie ein Dampfer beladen mit historischen Fakten und Details und (schweres Kritiker Geschütz!) von pädagogischer Grundhaltung (wir erinnern uns: Mit leicht vorwurfsvollem Unterton wurde dies auch Egon Monks Verfilmung der "Bertinis" vorgehalten). Hätte man uns vorab ein Modell gezeigt von diesem Geschichtsfrachter, wir hätten skeptisch gefragt: "Und der soll schwimmen - und dann noch jugendliche Leser mit an Bord nehmen?" Um so bewundernswerter ist, wie sicher und spannungsgeladen der Roman vom Anfang bis Ende Kurs hält. Kordon ist es meisterhaft gelungen, die selbstauferlegte Modellhaftigkeit durch seine lebensechten Romanfiguren auszutarieren, sie vergessen zu machen. Sein kurzer und prägnanter Zugriff und seine kontrollierte Gewichtung ron Erzählstrom und Dialogpassagen vermitteln den Sog einer Entdeckungsreise.

Hinter Kordons Nüchternheit leuchtet Wärme. Ergreifende Szenen beherrschen den Roman, die den Begriff Geschichte von seiner Abstraktheit erlösen. Sobald wir die Kapitelüberschrift "Der Mann im Hof" lesen, ahnen wir: Der Vater kehrt zurück. Und wieder stehen wir neben Anne am Fenster und bemerken, "daß der Mann zu ihr hochguckt. Steht vor dem Hofeingang, steif wie ein Stock, und wendet keinen Blick von ihr, Ist der Mann etwa - ihr Vater? Und der Mann im Hof schaut sie an, guckt zu ihr hoch, als sei er nur zu diesem einen Zweck gekommen "

"Geschichtsschreibung von unten" hat man genannt, was Kordon macht. Nicht am Kartentisch der Generäle wird hier Leben verhandelt, sondern am Küchentisch der Gebhardts. Die Zeit der Rückkehr und des Wiedersehens hat begonnen, Nachrichten von Menschen und, fast eruptiv, die ersten politischen Debatten. Und im Hinterkopf bleiben die Ängste, die Erinnerungen, die Sorgen. Wie die Mutter starb, das erfahren Helmut und Anne Gebhardt von einer Frau, die eines Tages in der Küche steht.

Andere positionieren sich derweil ganz neu und unverfroren beim Iwan. Der neue Alltag mit den russischen Truppen, Kordon wendet ihn, im Streit der Brüder Gebhardt, zu einer Kurz Geschichte der frühen DDR. Ohne Aufdringlichkeit, fast unter der Hand, gelingt ihm die Schilderung der Hausgemeinschaft als typologischer Mikrokosmos. Sagen wir es vereinfacht: Es ist ein Buch für Erwachsene ab vierzehn Jahren, es wird seine Leser finden, freilich nicht genug, und es wird Bestand haben. Was dem Buch zu wünschen ist? Mundpropaganda: "Mußt Du lesen!"

Belebte Symbolik des Ortes: Ackerstraße 37, da hat nie ein Haus gestanden, ist immer ein Friedhof gewesen. Nur etwa 200 Meter bis zur Bernauer Straße, wo die Mauer stand und der Westen begann, wo heute ein Teilstück der Mauer museal erhalten wird und ansonsten ein breiter, leerer Streifen viel Platz für Radfahrer und Hundehalter bietet. Reinhard Osteroth Beltz Verlag, Weinheim und Basel 1993; 511 S, 29 80 DM