Von Hajo Steinert

Ein Mann schlägt zu. Schlägt zu, „daß es dringt, dumpf dröhnt, einbrechend splittert und kreischt, spleißt und tief reißt, daß es einspaltend bricht, das baustille Holz“. Johnny heißt der ungehobelte Bursche, ein Westernheld, gewiß, aber einer von durchaus spiritueller Natur, deshalb mit Nachnamen Shines.

„Weckt die Toten auf!“ lautet sein Auftrag, frei nach Matthäus, Kapitel zehn, Vers acht. So pilgert er denn, siebenunddreißig und obdachlos, mit einem Stemmeisen bewaffnet, von Beerdigung zu Beerdigung im Südwesten der USA – und schlägt zu. Das heißt: Aus dem ums frisch geschaufelte Grab versammelten „Trauergefolg“ tritt er hervor und spaltet den einlaßbereiten Sarg. „Weckt die Toten auf!“ Jesus sprach so einst zu seinen zwölf Männern. Johnny Shines ist der dreizehnte Jünger im letzten Jahrzehnt unseres Jahrhunderts.

Erweckt die Bibel zu neuem Leben! Das ist der selbsterteilte Auftrag des Schriftstellers Patrick Roth. Schon in seiner ersten Erzählung, der 1991 erschienenen Christusnovelle „Riverside“, traf der 1953 in Freiburg geborene, seit 1976 in Kalifornien lebende Patrick Roth den Sound des großen alten Buchs. Er tut es auch in der neuen Erzählung. Dieser zweite Flügel eines Diptychons („Weckt die Toten auf!“) ist genauso wie der erste („Reinigt die Aussätzigen!“) eher eine wilde Fortführung biblischer Motive als eine Exegese im strengen Sinn. Geschweige denn eine Form religiöser Erbauung.

Was Patrick Roth dieses Mal besonders angeregt haben muß, sind „Daniel“ und „Johannes“, die Bücher der Apokalypse.

Was macht Patrick Roth aus Daniels Löwengrube? Er schickt den jungen Jesus hinein, zum Kampf mit dem späteren Verräter Judas. Jesus tötet Judas in Notwehr, weckt diesen aber nach der Tat von den Toten auf.

Solche Geschichten hat Johnny Shines in der Kindheit von seinem Vater, einem Pfarrer, gehört. Sie trugen nicht unwesentlich zu Johnnys Totenerweckungswahn bei. Als er es in einem Kaff mit dem bezeichnenden Namen Shinbone mit einem gerade zu Grabe getragenen Cowboy versucht, wird er von der Trauergemeinde kurzerhand verprügelt und anschließend ins örtliche Gefängnis geworfen. Das Verhör des „Geistzerschlagenen“ führt nicht der Sergeant, sondern eine unsichtbar bleibende Frau, fürderhin die Fragestellerin und somit Antreiberin einer Erzählung als Dialog. Die Rede geht nach und nach auch über eine weitere Ursache des religiösen Eifers unseres Johnny: Der Unglückselige hat in seiner Kindheit aus Versehen die eigene Schwester erschossen. Das nächtlich-schauerliche Szenario an Vaters Pistolenschrank, nach dem Niederbrennen der Kirche, steht eher in der Tradition eines Edgar Allan Poe als in der der Bibel.

Patrick Roths Anleihen beim archaischen Sprachgestus der Heiligen Schrift treiben den Autor bisweilen zu prätentiösen Sprachschöpfungen und zu manch unfreiwillig komischer Gedenkminute. Beim Milchhütchenöffnen und Eingießen der Kondensmilch in den schon mit Kaffee gefüllten Becher kommt Johnny die augenblickliche Erkenntnis, daß alles Vorsehung sei, alles eine Ewigkeitserfahrung. Eine Ekstase im Detail: ‚Ich staunte kindlich, als zu sehen war, wie um den Mittelpunkt, den Sog, zur greifend-glänzenden Spiral die milchnen Zirren siedelten, um sich her treibend-siedelnd, wie Galaxien-Nebel eins: in glänzend hellem Wohnen.“

Patrick Roth vermeidet jegliche Form kausalen Erzählens. So legt sich Anekdote über Anekdote, Gleichnis über Gleichnis, eine unerhörte Begebenheit über die andere, bis dann am Ende ein vom Leser geduldig zu enträtselndes Beziehungsgeflecht entstanden ist. Die Spannung, wer denn eigentlich Johnnys Seelen- und Gesprächspartnerin ist, steigert sich bis zum befreienden, buchstäblich allerletzten Satz der Erzählung.

Kein Zweifel, Patrick Roth ist ein mit allen Weihwassern postbiblischer Erzählkunst gewaschener Erzähler. Doch die Wiederentdeckung der Lebendigen ist sicher auch ein spannender Stoff.

  • Patrick Roth:

Johnny Shines oder

Die Wiedererweckung der Toten

Seelenrede; Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1993; 163 S., 32,– DM