Von Lew Besymenski

Generalleutnant der Staatssicherheit Pawel Sudoplatow durfte sich niemals überraschen lassen. Als Mitarbeiter der Tscheka, der Vorläuferin des sowjetischen Geheimdienstes KGB, hat er seit 1921 alle Stufen der Lubjanka-Hierarchie durchlaufen und im Frühjahr 1953 die höchste Position erreicht: Er wurde Chef des Ersten Büros im Ministerium für Staatssicherheit und war zuständig für Nachrichtenbeschaffung und Subversion im Ausland. Oft in seinem Leben bekam er unerwartete Aufgaben zugewiesen, doch eine hat sich in seinem Gedächtnis besonders festgesetzt:

Es geschah in einem Gespräch mit dem damaligen sowjetischen Innenminister Lawrentij Berija, in dessen Dienstzimmer Ende April 1953, fast zwei Monate nach dem Tod Stalins. Damals erhielt Pawel Sudoplatow – der 86jährige KGB-Veteran lebt heute zurückgezogen im Moskauer Stadtteil Ostankino – einen hochwichtigen Auftrag: Er mußte zu zwei bekannten Persönlichkeiten in Deutschland und Polen Kontakt aufnehmen. Berija wollte über sie erfahren, wie die Westmächte und die Bundesrepublik auf seine Bedingungen für eine eventuelle Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten reagieren würden.

Eine alte Kontroverse

Der Streit, ob Berija 1953 auf die DDR verzichten und einen einheitlichen deutschen Staat schaffen wollte, währt schon seit Jahrzehnten. Zum erstenmal wurde dieser Plan in einem sogenannten verschlossenen Brief erwähnt, worin ein Beschluß mitgeteilt wurde, den das Zentralkomitee der KPdSU in seiner Plenarsitzung am 7. Juli 1953 verabschiedet hatte – nach dem Sturz Berijas. Auf internen Parteiversammlungen wurde der Inhalt jedoch mit der Auflage vorgelesen, darüber nichts zu erzählen. Die führenden Persönlichkeiten der Bruderparteien bekamen die Mitteilung unter besonderem Geheimhaltungsgrad. Dennoch wurden die Delikte, die man Berija vorwarf, schon bald im In- und Ausland bekannt. In dem ZK-Beschluß heißt es:

„Das feindliche politische Antlitz Berijas trat besonders deutlich zutage bei der Diskussion über die deutsche Frage Ende Mai dieses Jahres. Der Vorschlag Berijas in dieser Frage lief darauf hinaus, auf den Aufbau des Sozialismus in der Deutschen Demokratischen Republik zu verzichten und einen Kurs zur Umwandlung der DDR in einen bürgerlichen Staat einzuschlagen, was die unmittelbare Kapitulation vor den imperialistischen Kräften bedeutet hätte.“

Der Schock, den Moskau damals erlebte, läßt sich vielleicht mit dem Schock nach dem Tode Stalins vergleichen. Gestern noch stand Berija zusammen mit anderen höchsten Persönlichkeiten auf dem Lenin-Mausoleum am Roten Platz, und heute wurde er aller seiner Posten enthoben, verhaftet und vor Gericht gestellt. Der Prozeß fand im Dezember 1953 statt. Berija erhielt die Höchststrafe für „Hochverrat“, für „die Organisierung einer antisowjetischen Verschwörergruppe mit dem Ziel der Machtergreifung und Wiederherstellung der Herrschaft der Bourgeoisie“ und für „terroristische Aktionen“: Er wurde zum Tode verurteilt.

In der unmittelbar vor der Erschießung Berijas veröffentlichten Mitteilung des Obersten Gerichts der Sowjetunion fehlte jedoch der Satz über die Position Berijas in der deutschen Frage. Wahrscheinlich wollte man die Führer der DDR nicht noch einmal mit diesem Sachverhalt verletzen. Im Vergleich mit den anderen Delikten war ja auch derdeutsche Aspekt weniger bedeutend. In späteren amtlichen Verlautbarungen wurde diese Begebenheit zweitrangig behandelt.

Doch auch in Moskau war in den folgenden Jahren Ausführlicheres über Berijas Deutschlandplan nicht zu erfahren – nicht einmal nachdem sich vor ein paar Jahren die sowjetischen Archive geöffnet hatten. Als Historiker und Politologen versuchten, beim Archiv des Obersten Gerichts und bei der Generalstaatsanwaltschaft das Ermittlungsmaterial und die Vernehmungsprotokolle aus dem Verfahren gegen Berija einzusehen, bekamen sie einen merkwürdigen Bescheid: Alle Bände des Falles Berija sind verschwunden! Angeblich wurden die Dokumente kurz vor dem Zusammenbruch der Sowjetunion aus dem ZK der Kommunistischen Partei angefordert und nicht zurückgegeben. Die gleiche Auskunft gab das Archiv des KGB.

Als vor kurzem das Stenogramm des ZK-Plenums vom Juli 1953 freigegeben und veröffentlicht wurde (deutsche Ausgabe: „Der Fall Berija“, Außau Taschenbuch Verlag, Berlin 1993), wurden etliche Zweifel an der Seriosität der Anklage gegen Berija bestätigt. Die nach einem Standardszenario gehaltenen und geschriebenen Reden Malenkows, Chruschtschows, Molotows, Mikojans und anderer zeigen, daß sich die Redner gar nicht bemüht haben, besonders überzeugende Argumente gegen Berija ins Feld zu führen.

Die ganze Konstruktion der Anklage war absurd: Alles wurde so dargestellt, als ob Berija, eine der führenden Persönlichkeiten der Sowjetunion, seit 1919 nicht mehr und nicht weniger als ein bezahlter englischer Spion gewesen sei. Dazu kamen unappetitliche Einzelheiten aus dem Privatleben des Lubjanka-Chefs. So wurde eine solide und seriöse Analyse der Berija-Pläne praktisch unmöglich gemacht.

Wenn ein Wort weggestrichen wird...

Worauf stützt sich der Vorwurf, Berija habe 1953 die Liquidierung der DDR geplant? Dafür gibt es einige Indizien. Das Hauptindiz war die Rede Berijas auf einer Mai-Sitzung des Präsidiums des ZK (so hieß damals das Politbüro). In bisherigen Publikationen ist merkwürdigerweise nie das genaue Datum angegeben. Malenkows einstiger Kanzleichef Dmitrij Suchanow meint dazu: „Das kann nur ein Donnerstag gewesen sein. Das war für das Politbüro ein heiliger Tag.“ Dann wäre das Politbüro am 28. Mai 1953 zusammengekommen, denn schon am 2. Juni wurden die Führer der DDR nach Moskau zitiert.

Der ehemalige Außenminister und Altbolschewik Wjatscheslaw Molotow hat als hochbetagter Pensionär dem Schriftsteller Felix Tschujew über die Vorbereitung und den Verlauf jener Sitzung ausführlich berichtet: „Also 1953 kamen aus der DDR alarmierende Meldungen, daß dort nicht alles in Ordnung sei. Ich gehe ins Außenministerium und bestelle Gromyko zu mir. Ich hatte damals zwei Stellvertreter, Gromyko und Wassilij Kuznetzow. Aber ich habe Gromyko bestellt, der war in allen Sachen viel mehr beschlagen. Wir haben mit ihm die Frage besprochen, haben Vorschläge ausgearbeitet, und zwar schriftlich. Der Sinn dieser Vorschläge war: Was ist in der DDR zu tun?

Damals war dort Ulbricht, ein sehr treuer Kommunist, ein sehr erfahrener Genosse, aber ein bißchen zu geradlinig. Der hatte keine Elastizität. Und so passierte es dann: Als über den Aufbau des Sozialismus in der DDR laut gesprochen wurde, war nichts dafür vorbereitet. Also haben wir vom Außenministerium einfach einen Entwurf mit folgendem Gedankengang eingebracht: Ulbricht und andere Persönlichkeiten – selbstverständlich ist der Name Ulbricht nicht gefallen –, also die Führung der SED betreibt zur Zeit eine forcierte Politik der Offensive gegen das kapitalistische Element. Das ist nicht richtig. Man darf nicht eine forcierte Politik gegen Kapitalisten führen, man muß vielmehr vorsichtig vorgehen.

Und so schrieben wir in unseren Entwurf: ‚Auf die forcierte Politik des Aufbaus des Sozialismus in der DDR verzichten.‘ Aber Berija schlug vor, das Wort ,forcierte‘ wegzustreichen. Wir haben dann ‚nicht forcieren‘ vorgeschlagen, aber er sagte: ‚Das Wort forcierte wegstreichen!’ So wurde daraus: ‚Auf die Politik des Aufbaus des Sozialismus in der DDR verzichten.‘ Wieso? Berija antwortete: ‚Wir brauchen eigentlich nur ein friedliches Deutschland. Und es ist gleichgültig, ob dort ein Sozialismus entsteht oder nicht.‘

Der Inhalt unseres Vorschlages lief darauf hinaus, daß wir den Kommunisten in der DDR empfehlen, weiter Kurs auf den Sozialismus zu halten, aber ohne Beschleunigung und ohne sich von der realen Lage zu entfernen. Denn für den Sozialismus war nur wenig getan worden. Wir haben diesen Vorschlag im Politbüro eingebracht. Haben dort ziemlich ausführlich alles dargestellt. Im Politbüro kam es zu einer Auseinandersetzung. Berija, der damals eine aktive Rolle zu spielen begann, kam mit so einer Hauptthese. Was hat der Sozialismus in der DDR zu tun? Hauptsache, es soll ein friedliches Land sein. Das reicht uns. Was für ein Land, ist egal.’“

Molotow fuhr fort: „Ich habe nun eine neue Erklärung abgegeben, daß es sehr wichtig wäre, auf welchem Wege sich die DDR entwickeln wird. Es ist in der Mitte Europas das höchstentwickelte Land, zwar nicht das ganze Deutschland, aber von diesem Land hängt viel ab. Wir müssen uns deshalb auf den Aufbau des Sozialismus als Linie festlegen, aber nichts überstürzen. Nur wenn man sich sicher ist, daß dieser oder jener Schritt getan werden kann, dann könnte man beschleunigen. Berija bleibt auf seiner Position. ‚Es ist egal, was aus der DDR wird. Ob sie zum Sozialismus kommt oder nicht, Hauptsache friedlich.‘“

Molotow stützte sich auf sein Gedächtnis, aber vergleicht man seine Erzählung mit dem Stenogramm seiner Rede vor dem ZK-Plenum im Juli 1953, so ist die Übereinstimmung da.

Vor ihm sprachen Ministerpräsident Malenkow und der Erste Parteisekretär Chruschtschow. Ihnen zufolge waren sich alle im Politbüro einig, daß wegen verschiedener Fehlentscheidungen in der DDR eine gewaltige Unzufriedenheit entstanden war, wovon die Massenflucht von 500 000 DDR-Bewohnern nach Westdeutschland zeugte. Wegen dieser „inneren Katastrophe“ durfte auf gar keinen Fall der bisherige „Kurs auf den beschleunigten Aufbau des Sozialismus“ fortgesetzt werden. Die Führung war sich klar, daß das bestehende Regime in der DDR ohne die Anwesenheit sowjetischer Truppen nicht zu halten sei. Chruschtschow zitierte Berijas Satz: „Man muß ein neutrales, demokratisches Deutschland schaffen.“

Diese Idee Berijas, die damals im Präsidium zum Ausdruck kam, schlug sich später in der Anklageschrift in der Formulierung nieder: „Die als Kapitulation zu bezeichnenden Vorschläge Berijas über den Verzicht auf den Aufbau des Sozialismus in der DDR und in Ländern der Volksdemokratie.“ Unter den Anklagepunkten, die außenpolitische Fragen betreffen, finden sich außerdem der „Versuch, eine Geheimverbindung mit Tito/Rankowitsch herzustellen“, und „Begünstigung der Arbeit von Agenten ausländischer Nachrichtendienste“. Diese Formulierungen klangen nicht gerade juristisch und glichen eher den Schlagzeilen der Prawda. Kein Wunder, daß auch Zweifel am Sinn der „deutschen Delikte“ in der Berija-Verschwörung aufkamen. Hat es diese Verschwörung überhaupt gegeben?

Stalin hat seine Finger bewegt

Noch heute fest überzeugt, daß Berija tatsächlich eine Verschwörung vorbereitete, zeigt sich ein alter Rentner, der seine Tage ebenfalls in Ostankino verbringt. Sein Name ist Dmitrij Suchanow. Er hat seine Karriere nicht im Geheimdienst, sondern in der Partei gemacht. Anfang der dreißiger Jahre wurde Georgij Malenkow auf den jungen Suchanow aufmerksam und ernannte ihn zu seinem persönlichen Referenten und später zum Kanzleichef. So wurde Suchanow zum Augenzeugen und Teilnehmer aller Intrigen, die damals auf höchster Ebene im Kreml gesponnen wurden.

Und noch immer ist sich Suchanow ganz sicher, daß allein Malenkow der Nachfolger von Josef Stalin werden sollte. Er erinnert sich, wie ihm Malenkow eine bewegende Szene vom Sterbebett Stalins geschildert hat:

„Als sich an der Bahre des gelähmten Stalin die Mitglieder des Präsidiums des ZK versammelt hatten, schaute Stalin auf die Versammelten und begann, seine Finger zu bewegen, als wolle er die Genossen einladen, näher zu kommen. Als erster trat Molotow heran. Stalin schloß seine Augen, als wollte er zeigen, daß dieser Mann abtreten müsse. Dann kam Berija. Wieder schloß Stalin seine Augen. Aber als er dann Malenkow vor sich sah, nahm er dessen ausgestreckte Hand in seine Hände. Das war die letzte Bewegung in seinem Leben.“

In der Politbürositzung an jenem 5. März 1953, in der die Funktionen zwischen den Diadochen verteilt wurden, riß der „Kronprinz“ Malenkow den Posten des Ministerpräsidenten und die Leitung des ZK-Sekretariats an sich. Damit bekam er auch die Kontrolle über das Innenministerium, das Berija an sich gebracht hatte. Sogar Nikita Chruschtschow als Erster Sekretär des ZK wurde Malenkow unterstellt, dem der Vorsitz im Sekretariat oblag.

Schlau und listig begann Berija seine Gegenaktionen. Als erstes stellte er rasch einige auf Befehl Stalins und mit Hilfe Malenkows gegen ihn selber eingeleitete Ermittlungsverfahren ein. Dann präsentierte sich der gefürchtete Geheimdienstboß als großer Wohltäter, indem er eine Million Häftlinge aus dem Gulag entließ. Er schaffte auch die harte Paßverordnung in 340 Städten ab. Schließlich – was ihm den Applaus der ganzen Welt eintrug – hob Berija das berüchtigte Verfahren gegen die jüdischen Ärzte auf, die man eines Mordkomplotts gegen Stalin beschuldigt hatte.

Vor dem ganzen Land und vor der Partei stellte sich ein neuer Berija dar. Er war von einem enormen Schaffensdrang erfüllt, schlug eine Initiative nach der anderen vor, in ganz verschiedenen Bereichen und zugunsten breiter Kreise der Bevölkerung. Er kümmerte sich um die Beziehungen zwischen den Nationalitäten, um die Landwirtschaft, die Organisationsstrukturen, schließlich die Außenpolitik.

Was geschah in der Lubjanka?

Man kann verstehen, daß Dmitrij Suchanow und noch mehr sein Chef Georgij Malenkow die Schachzüge Berijas mit großem Unbehagen betrachteten. Der Parteiapparat wußte viel, aber nicht alles. Die Lubjanka, der Dienstsitz des Innenministers Berija, lag zwar in der Nähe, aber sie hatte ihre eigenen Geheimnisse. Als Berija im März 1953 den Posten des Innenministers übernahm, wehte in der Lubjanka sofort ein neuer Wind.

Am zweiten Tag nach seinem Dienstantritt befahl Berija seinem Stellvertreter, General Kruglow, ihm Vortrag über die Struktur des Ministeriums zu halten. Zehn Tage danach wechselte Berija 82 führende Personen in den örtlichen Organen des Ministeriums aus.

Sein besonderes Augenmerk richtete Berija auf die Nachrichtenbeschaffung im Ausland. Die Geheimdienstresidenten in den fremden Hauptstädten und die Lieblingsagenten Berijas wurden nach Moskau beordert. Vor ihnen entwickelte Berija sein neues Konzept für die sogenannte große Nachrichtenbeschaffung: Künftig sollten die Operationen des Nachrichtendienstes gegen den Hauptgegner USA nicht mehr in Amerika selber, sondern vom europäischen Brückenkopf aus unternommen werden. In diesem Zusammenhang setzte Berija seine Hoffnungen auch auf die Aussöhnung mit Jugoslawien, das von Stalin wegen seines abweichlerischen Kurses mit einem Boykott bestraft worden war. Jugoslawien sollte, wenn es zu seinem früheren Verhältnis zur Sowjetunion zurückfände, instand gesetzt werden, wesentlich bei der Spionagetätigkeit gegen die Vereinigten Staaten zu helfen. Die zweitwichtigste Geheimdienstaktion Berijas zielte auf die Deutschen.

Sonderauftrag Deutschland

Das Gespräch Berijas mit dem „Büroleiter 1“ Sudoplatow in den letzten Apriltagen über die Wiedervereinigung Deutschlands hat der General auch deshalb nicht vergessen, weil er zwölf Jahre zuvor, im Juli 1941, im selben Zimmer von Berija einen nicht weniger wichtigen und aufregenden Auftrag erteilt bekommen hatte: Er sollte sich mit dem bulgarischen Botschafter in Moskau, Iwan Stamenow, treffen, um ihn wissen zu lassen, daß in den höchsten Kreisen des Kreml nach den schweren Niederlagen der Roten Armee die Möglichkeit eines separaten Kompromißfriedens mit Deutschland nicht mehr ausgeschlossen werde. Auch die Gebietsansprüche Hitlers an die Sowjetunion könnten dabei zur Diskussion stehen. Botschafter Stamenow war übrigens seit 1930 Mitarbeiter des sowjetischen Nachrichtendienstes, und Berija selber war sein Führungsoffizier!

Sudoplatow hatte auch vorher schon mit Deutschland zu tun gehabt. In den dreißiger Jahren arbeitete er dort illegal, und während des Krieges führte er die Vierte Hauptverwaltung des NKWD (Partisanenkampf und diverse Tätigkeiten). Und dann wurde er im Jahre 1950 Chef des „Spezialbüros Nr. 1“ (Nachrichtenbeschaffung und Sabotage).

Über die Deutschlandpolitik der Sowjetunion nach 1945 hat der Nachrichtendienstmann Sudoplatow mehr erfahren, als in den Geschichtsbüchern steht:

„Soweit ich mich erinnern kann, haben das Informationskomitee, das Außenministerium und die außenpolitische Abteilung des ZK in geheimen Vorträgen sehr oft zum Problem einer möglichen Wiedervereinigung Deutschlands Stellung genommen. Zwar wurden nach einigen Jahren zwei deutsche Staaten konstituiert, doch hatte ich damals die feste Überzeugung, daß deren Existenz in höchsten sowjetischen Kreisen nicht als ewig betrachtet wurde.

Eine mögliche deutsche Vereinigung stand immer auf der Liste der Fragen, die unser Nachrichtendienst bearbeiten sollte, und war stets ein Thema inoffizieller Sondierungen. Obzwar der ‚Aufbau des Sozialismus‘ in der DDR und dem in ganz Deutschland als ein theoretisches Ziel unserer Politik genannt wurde, hat man anscheinend im Kreml Kompromisse nie ausgeschlossen.

Das von mir geleitete Spezialbüro Nr. 1 hatte zwei vom Nachrichtendienst des Staatssicherheitsministeriums unabhängige Residenturen: eine in Berlin, die andere in Wien. Ich erinnere mich ganz genau, daß in den Informationsmeldungen, die uns zugestellt wurden, immer auch verschiedene Meinungen zu den Varianten einer Wiedervereinigung Deutschlands aufgeführt waren, Die dazugehörige Frageliste wurde nicht nur von uns ausgearbeitet, sondern mußte auch im ZK von Malenkow bestätigt werden, weil der neue Staatssicherheitsminister Ignatjew in diesen Fragen absolut inkompetent war und er jedes Dokument des Ministeriums dem ZK und dem Außenministerium vorlegen ließ.“

Sudoplatow weiter: „Zu meiner Tätigkeit gehörte es, für inoffizielle Sondierungen, die durch Beschlüsse der politischen Führung eventuell notwendig wurden, gewappnet zu sein. Ich hielt, nach persönlicher Abstimmung mit Stalin, einige Einflußagenten in Deutschland und Amerika zu meiner Verfügung, die nur in ganz besonderen Fällen eingesetzt werden konnten.“

Einer dieser ganz besonderen Fälle schien jetzt im Mai 1953 einzutreten.

„In vierzehn Tagen werden Sie keinen Staat mehr haben“

Berija war nie ein großer Politiker, und schon gar nicht in internationalen Fragen. Aber er gebot über ein einzigartiges Informationsnetz und hatte einen einmaligen Spürsinn, den er im Umgang mit Stalin sehr gut trainiert hatte. Kreativ war er nicht, aber er wußte genau, was Stalin dachte und plante. So sind seine Deutschlandpläne eine Kopie von Ideen Stalins, der immer das ganze Deutschland als Siegesbeute im Sinne hatte. Als Berija im Frühjahr 1953 seine Chancen abwog, wurde ihm klar, daß es für ihn nur noch eine Möglichkeit gab, an der Macht zu bleiben. Er nachte sich keine Illusionen über die „freundlichen und freundschaftlichen“ Gefühle seiner Genossen. So wagte er den letzen Einsatz.

Im Politbüro schienen sich nach Stalins Tod zwei Fraktionen gegenüberzustehen: auf der einen Seite Berija und Malenkow, auf der anderen Chruschtschow, Marschall Bulganin und Mclotow.

Heute ist es klar, daß Malenkow und Berija in einer ganzen Reihe von programmatischen Punkten übereinstimmten. Zum Beispiel in der Innenpolitik. Beide wollten das Schwergewicht von der Schwerindustrie auf die Leichtindustrie verlagern, um den Lebensstandard zu erhöhen. In der Außenpolitik setzten beide auf die Aussöhnung mit Jugoslawien, wollten die Konfrontation mit Amerika abschwächen und suchten nach neuen Möglichkeiten in der deutschen Frage, inklusive der Wiedervereinigung. Auch wenn Malenkow selber dies später immer verneint hat, wissen wir aus der Rede Chruschtschows auf dem ZK-Plenum vom 31. Januar 1955 eines genau: Malenkow hat Berija in der deutschen Frage von Anfang an unterstützt.

Der erste direkte Vorstoß, den Berija Ende Mai 1953 im Präsidium unternahm, rief den Widerstand des harten Kerns hervor. Molotow war der Anführer.

Diese Mai-Sitzung des ZK-Präsidiums hatte für die DDR und die ganze „deutsche Frage“ eine immense Bedeutung. Zwar wurde Berijas Formel nicht wörtlich akzeptiert, doch war der Tenor des berühmten Beschlusses „Über die Maßnahmen zur Gesundung der politischen Lage in der Deutschen Demokratischen Republik“ ziemlich unzweideutig. So sagte mir Wladimir Semjonow einmal, der auf der Sitzung anwesend war und als Hoher Kommissar für Deutschland nach Berlin zurückkehren sollte, daß es für ihn jetzt galt, Berijas Kurs zu realisieren, und das hieß nicht nur Verzicht auf den „beschleunigten“ Aufbau des Sozialismus, sondern rigorose Kursänderung. So hat es übrigens auch der damalige ZK-Sekretär Hermann Axen aufgefaßt, der darüber geradezu in Panik geriet.

Für Anfang Juni wurden die SED-Führer Ulbricht, Grotewohl und Oelßner nach Moskau bestellt, wo sie im Gespräch mit Malenkow, Berija und anderen viel Unangenehmes zu hören bekamen. Berija trat ihnen dabei äußerst aggressiv gegenüber. Im Politbüro der SED herrschte nach der Order aus Moskau völliger Wirrwarr; man wußte nicht, was zu machen sei. Bezeichnenderweise fragten die SEDrFührer den anwesenden Hochkommissar Semjonow, ob das Politbüro wenigstens zwei Wochen „Galgenfrist“ für die Formulierung seiner Beschlüsse habe. Semjonow antwortete mit einem bedrohlich klingenden Satz: „Es könnte sein, daß es in vierzehn Tagen Ihren Staat gar nicht mehr gibt.“ Das war grob, aber klar.

Olga und Janusz

Worauf zielte der von Berija erteilte Sonderauftrag in der deutschen Frage? Sudoplatow erinnert sich:

„Der Plan Berijas sah einen wiedervereinigten deutschen Staat mit einer Koalitionsregierung vor. Bei der Vereinigung sollten die vier Siegermächte paritätisch mitwirken. Berija ging es aber dabei vorrangig um die politischen und wirtschaftlichen Interessen der Sowjetunion. Für die Sondierungsgespräche im Westen stellte er folgende Punkte heraus:

1. eine Verlängerung der deutschen Reparationen an die Sowjetunion;

2. ein Wiederaufbauprogramm für Rußland, die Ukraine, Weißrußland und das Baltikum; die Kosten sollten westliche Sponsoren, in erster Linie die Deutschen, aufbringen. Es sollten neue Industriebetriebe geschaffen und ein großes Eisenbahn- und Autobahnnetz in der Sowjetunion angelegt werden.

Berija dachte an eine technische Hilfe mit deutscher Beteiligung in einer Höhe von zehn Milliarden Dollar. Wenn die Sowjets den illusorischen sozialistischen Aufbau der DDR unterstützen wollten, argumentierte er, müßten sie binnen zehn Jahren nicht weniger als zwanzig Milliarden Dollar investieren, inklusive Belieferung der DDR und Polens mit Rohstoffen und Lebensmitteln. Die schwere Bürde wollte er loswerden. Statt dessen strebte er ein breitangelegtes Wirtschaftsabkommen mit dem Westen an. Dieses Abkommen wollte er durch politische Absprachen mit Amerika, England und Frankreich unter der Schirmherrschaft der Vereinten Nationen absegnen lassen.“

An der Ausarbeitung dieser Vorschläge durfte Sudoplatow nur eine einzige Person beteiligen, die Chefin der deutschen Abteilung in der Ersten Hauptverwaltung des Ministeriums, Soja Rybkina. Sie besaß große Erfahrung mit nachrichtendienstlicher Arbeit im Ausland. Zusammen mit ihrem Mann, Boris Rybkin, hatte sie unter dem Decknamen Jarzew während des Krieges in Finnland und Schweden Sonderaufträge Stalins erledigt. Ihre geheimen Fühler führten zu offiziellen Verhandlungen und zum Waffenstillstand mit Finnland.

Für die Ausführung des Berija-Sonderplanes wurde die Rybkina, die fließend Deutsch sprach, Sudoplatow unmittelbar unterstellt. (Nach der Pensionierung begann sie eine erfolgreiche zweite Karriere: als Kinderbuchautorin. Erst vor kurzem ist sie in hohem Alter in Moskau gestorben.)

Berijas Auftrag war so geheim, daß nicht einmal Außenminister Molotow eingeweiht wurde. Erst wenn die ersten Sondierungen erfolgreich verliefen, wollte Berija die Hilfe des Außenministeriums in Anspruch nehmen. Für die Sondierungen wurden zwei Kontaktpersonen bestimmt, die nur Berija und Sudoplatow bekannt waren: die aus Rußland stammende deutsche Schauspielerin Olga Tschechowa und der polnische Politiker Fürst Janusz Radziwill. Darüber Sudoplatow:

„Im Laufe der langjährigen Arbeit in unserem Amt hatte mir Berija diese seine persönlichen Verbindungen überstellt. Es ging zunächst um Olga Tschechowa. Sie, die in der Familie eines russifizierten deutschen Eisenbahningenieurs geboren wurde, wohnte zuerst im Kaukasus. Ihre Tante war eine berühmte Schauspielerin und die Ehefrau Tschechows; sie hieß Olga Knipper-Tschechowa. Wie die Tante, wurde auch die Nichte Olga Schauspielerin. Ihrer Laufbahn kam die Liaison mit dem russischen Bühnendarsteller Michail Tschechow (einem Namensvetter des Schriftstellers) zugute; Heirat und Scheidung folgten. Nach der Oktoberrevolution ging Olga Tschechowa nach Deutschland, wo sie abermals ganz groß Karriere machte und sich in den höchsten Kreisen um Hitler, Goebbels und Göring bewegte.

Die Verbindung mit Olga Tschechowa kam über ihren Bruder Lew Knipper zustande. Knipper – ehemaliger Offizier der Weißen Garde und später ein bekannter Komponist – hatte seine Schwester in Berlin besucht. Nach seiner Rückkehr 1922 war es für die Sicherheitsorgane selbstverständlich, ihn anzusprechen. Viel später hörte ich, daß Knipper mit Hilfe der NKWD in den dreißiger Jahren eine reguläre nachrichtendienstliche Verbindung mit Olga Tschechowa unterhalten hat. Sie wurde von unseren Vertrauensleuten in Skandinavien, Unternehmern und Diplomaten aus dem neutralen Schweden, aufgesucht, um über ihre Beziehungen an jene Gruppen in der deutschen Diplomatie und beim Militär heranzukommen, die als Gegner eines Krieges mit Rußland auftraten.

Im Jahre 1939 machte Berija mich zum Führungsoffizier des Lew Knipper und seiner Frau, die seit Anfang des Krieges ständig in Moskau lebten. Wir sollten eine Möglichkeit eruieren, bestimmte Informationen in die führenden Kreise Deutschlands zu lancieren.“

Die zweite Kontaktperson Berijas war Fürst Janusz Radziwill. Diesen berühmten polnischen Aristokraten hatten sowjetische Truppen 1939 verhaftet, als sie Ostpolen besetzten. Janusz Radziwill wurde nach Moskau gebracht, hatte ein langes Gespräch mit Berija und, so berichtet Sudoplatow, verpflichtete sich dann im Dezember 1939 für den sowjetischen Geheimdienst. Danach wurde Radziwill mit großen Ehren aus der Lubjanka entlassen. Er besuchte Berlin, wo er sich oft mit seinem ehemaligen Jagdgefährten Hermann Göring traf; er hatte aber auch offizielle wie inoffizielle Treffs mit dem sowjetischen Botschafter Dekanosow und mit dem NKWD-Residenten Amajak Kobulow.

„Janusz Radziwill und Olga Tschechowa waren unmittelbar vor dem deutschen Angriff gegen die Sowjetunion für uns die Quelle wichtiger Informationen“, erzählt der Geheimdienstgeneral Sudoplatow weiter. „Aus ihrer mündlichen Mitteilung wußten wir, daß der Angriffstermin des Unternehmens Barbarossa mehrmals verschoben worden war. Wir erfuhren auch, daß der Einfluß des Moskauer Botschafters Graf von der Schulenburg, eines aufrichtigen Freundes Rußlands, immer geringer wurde. Darum waren wir bestrebt, seine Position und seine Argumente zu stützen. Ein Beispiel nur: Im Frühjahr 1941 haben wir dem deutschen Militärattache in Moskau Flugzeug- und Panzerwerke im Ural gezeigt, um ihm zu verstehen zu geben, daß die Sowjetunion im Osten eine sichere Rüstungsbasis besaß, die Deutschen also nicht mit einen Blitzkrieg, sondern mit einem länger dauernden Krieg rechnen mußten.

Fürst Radziwill meldete Kobulow im April 1941, er habe versucht, Göring einzureden, daß Hitler Kompromißverhandlungen mit Rußland zustimmen müsse. Olga Tschechowa jedoch brachte es fertig, Hitler ins Gesicht zu sagen, daß ein Blitzkrieg in Rußland nicht möglich sei. (Ihren Memoiren zufolge sagte sie es nicht Hitler, sondern Goebbels. D.Z.)

Nach Beginn des Krieges haben unsere V-Leute aus Skandinavien nur zweimal Tschechowa in Berlin besucht. Wir wollten die beiden nicht für Kleinigkeiten verwenden. Denn sowohl Radziwill als auch Tschechowa hätten ideale Kanäle sein können, wenn Moskau Sonderfriedensverhandlungen mit Deutschland einfädeln wollte. Aber unsere Führung hat es sich anders überlegt.“ Sudoplatow meint, die Sowjetführung habe die Möglichkeiten eines Kompromißfriedens mit Deutschland gar nicht erwogen.

„Im Jahre 1945 wurde Janusz Radziwill zum zweitenmal von Truppen der Roten Armee verhaftet und wieder in die ihm schon bekannte Lubjanka gebracht. Aber dort blieb er nicht lange. Radziwill bekam eine sehr komfortable Wohnung mit Bedienung in der Moskauer Gorkijstraße. Seine Erzählungen über die deutsche Führungsschicht waren sehr interessant, aber ohne jegliche operative Bedeutung. Später haben wir dann Radziwill wieder nach Polen fahren lassen. Nach dem Kriege bekam ich bis zum Frühjahr 1953 keine besonderen Anweisungen wegen der beiden Einflußagenten. Stalin hatte freilich schon 1943 die Bemerkung fallen lassen: ‚Radziwill und Tschechowa würden auch in der Nachkriegszeit für uns sehr nützlich sein.‘“

Der Deutschlandplan Berijas und Sudoplatows sah folgendes vor: Es sollten zu Tschechowa und Radziwill bald Vertrauensleute aus Moskau geschickt werden, um den beiden die neuen Absichten der sowjetischen Führung zu erläutern. Nach Berlin sollte Soja Rybkina fliegen, sich dort mit Olga Tschechowa treffen und anschließend versuchen, vertrauliche Gespräche im Umkreis von Konrad Adenauer zu führen. Rybkina sollte schon im Juni 1953 nach Berlin aufbrechen.

Der zweite Sondierungskanal sollte über Janusz Radziwill in die Vereinigten Staaten führen. Radziwill, der in Amerika durch seine geschäftlichen Verbindungen gut bekannt war, sollte einflußreiche amerikanische Politiker und Geschäftsleute für den wirtschaftlichen Wiederaufbau der Sowjetunion interessieren – also die Gegenleistung für politische Zugeständnisse Moskaus an den Westen in Sachen deutscher Wiedervereinigung. Sudoplatow wollte im Juli 1953 selber mit dem Fürsten zusammenkommen.

Die Jugoslawien-Aktion

Gleichzeitig wurde im Rahmen des „großen Nachrichtendienstes“ auch die Jugoslawien-Aktion vorbereitet, also die Wiederversöhnung mit Tito. Diese Planung wurde einem jungen, aber schon bewährten Mitarbeiter des NKWD anvertraut, dem Obersten Sergej Fedossejew, seit Frühjahr 1953 stellvertretender Chef der Ersten Verwaltung des MWD, also des Auslandsnachrichtendienstes. Fedossejew erinnert sich:

„Ende Mai 1953 wurde ich zum Minister befohlen. Als ich in sein Zimmer kam, befanden sich in diesem Zimmer außer Berija sein Stellvertreter, General Bogdan Kobulow, und Sekretariatschef Dobrochodow. Es war meine erste Begegnung mit Berija. Der Minister hielt einen ziemlich langen Vortrag über die sowjetische Außenpolitik in den letzten Jahren von Stalin. ‚Der Alte‘, sagte Berija und meinte Stalin, ,hat alles verdorben, hat alles zum Zusammenbruch geführt.‘ In erster Linie, meinte Berija, habe Stalin die Beziehungen zu Jugoslawien verdorben, das jetzt in der Isolation auf die Seite Amerikas gewechselt sei. ‚Stalin selber hat Tito zum Verbündeten Amerikas gemacht!‘

Auch für den sowjetischen Nachrichtendienst fand Berija keine guten Worte. Die Geheimdienstler hätten nur Stalin nach dem Munde geredet, ihre Meldungen und Analysen entsprechend seinen Wünschen präpariert und damit erst die fehlerhaften Entscheidungen ermöglicht. ‚Doch jetzt‘, meinte Berija, ‚haben wir eine gute Situation für ein neues und hoffnungsvolles Manöver. Wir sollten neue Möglichkeiten nutzen.‘“

Und so kam Fedossejew zu seinem Auftrag: Er sollte als neuer Botschaftsrat nach Belgrad fliegen und dort sogleich die Möglichkeiten für persönliche Gespräche mit Marschall Tito oder dessen Mitarbeitern Rankowitsch und Kardelj erkunden. Einem dieser drei Politiker sollte er eine persönliche Botschaft Berijas überbringen.

Fedossejew durfte nicht mitschreiben, der General Bogdan Kobulow aber durfte es. Folgendes sollte Fedossejew den Jugoslawen übermitteln:

„Ich benutze die Gelegenheit, Ihnen Grüße von Lawrentij Pawlowitsch Berija mitzubringen, der Sie von Ihrem letzten Besuch in Moskau sehr gut in Erinnerung behalten hat. Genosse Berija hat mir aufgetragen, Ihnen streng vertraulich mitzuteilen, daß er und seine Freunde mit der Linie, welche die Sowjetunion in den letzten Jahren gegenüber Jugoslawien befolgt hat, nicht einverstanden sind. Sie treten für eine Neubewertung und Verbesserung der Beziehungen ein. Wenn Sie damit einverstanden sind, so wäre es ratsam, ein Treffen mit unseren Vertretern zu veranstalten. Ein solches Treffen wäre in Moskau oder an irgendeiner anderen Stelle Ihrer Wahl möglich.“

„Nachdem wir diesen Text abdiktiert hatten“, erzählt Fedossejew, „wurde er an das ZK geschickt, und zwar persönlich an Malenkow. Der Regierungschef machte eigenhändig einige Korrekturen. Dann wandte sich Berija schriftlich an Chruschtschow, um meine Ernennung zum Botschaftsrat in Belgrad vom ZK = Sekretariat formell absegnen zu lassen. Nur das Außenministerium blieb über die wahren Gründe meiner Entsendung nach Belgrad in Unkenntnis, was nach dem letzten Zusammenstoß Berijas mit Molotow im ZK-Plenum verständlich war.“

Die-Entscheidung war also keineswegs von Berija allein getragen, sondern mit dem Regierungschef abgesprochen; von einer Verschwörung kann keine Rede sein. Das gleiche gilt für die Änderung der Deutschlandpolitik. Als es kritisch wurde, fiel Malenkow jedoch sehr schnell um und stellte sich gegen seinen Rivalen Berija.

Der 17. Juni

Aber dann geschah etwas, was nicht vorgesehen war. Am 17. Juni 1953 gingen im Kreml vom frühen Morgen an den ganzen Tag über alarmierende Telegramme aus Berlin ein. Selbst die gewieften Korrespondenten der Tass konnten kein richtiges Wort finden, um die Ereignisse in den Betrieben der DDR und auf den Straßen zu beschreiben. Nur der erfahrene Hohe Kommissar Wladimir Semjonow fand das passende Wort: Wolynka, was soviel wie Schlendrian heißt. Dieses Wort hat im Russischen einen negativen Beigeschmack und wurde zum Ersatz für das Wort Streik, den es ja in einem sozialistischen Staat nicht geben konnte.

Die Berliner Bauarbeiter ahnten nicht, daß sie für ihren Aufstand einen idealen Termin gewählt hatten – die sowjetische Abwehr war gerade in diesen Tagen lahmgelegt. Anfang Juni hatte Berija den Leiter der Residentur des MGB in Berlin abgesetzt; die Männer der neuen Leitung unter Oberst Iwan Fadejkin trafen am 16. Juni 1953 in Berlin ein und wurden schon abends mit den sich überstürzenden Ereignissen konfrontiert: Nach dem Eklat bei einer Parteiaktivistenkonferenz im Friedrichstadt-Palast eilte der Erste SED-Sekretär Walter Ulbricht nach Karlshorst und bat, sowjetische Truppen einzusetzen. Zufälligerweise war aber auch die sowjetische militärische Spitze in der DDR abgelöst worden: Der langjährige Oberbefehlshaber und Chef der inzwischen aufgelösten Sowjetischen Kontrollkommission, Armeegeneral Wassilij Tschuikow, war schon weg; der neue Oberbefehlshaber, General Andrej Gretschko, hatte noch keine Übersicht. Hochkommissar Semjonow ließ dann frühmorgens am 17. Juni sowjetische Panzer bereitstellen, die in der zweiten Hälfte des Tages in Berlin und in anderen Orten der DDR anrollten.

Die SED-Führer hielten sich bei Semjonow in Karlshorst auf, als Berija aus Moskau anrief: „Wo ist Semjonow? Warum ist er so vorsichtig? Warum schießt er nicht?“ Molotow erzählte später: „Als die Meldungen über die Ereignisse in Berlin eintrafen, war Berija der erste, der rief: .Sofort handeln, rücksichtslos, ohne Verzug!‘“

Paradoxerweise jedoch brachten die Ereignisse vom 17. Juni Berija keineswegs dazu, auf seine Deutschlandpläne zu verzichten. Seinen Mitarbeitern Fadejkin und Sudoplatow setzte er auseinander, daß nach der gewaltsamen Niederwerfung des Aufstandes in Berlin und der DDR und nach solch überzeugender Demonstration sowjetischer Stärke in Deutschland die Westmächte erst recht Interesse an neuen sowjetischen Initiativen in Sachen Deutschland aufbringen müßten. Darum wurde die ganze Sudoplatow-Aktion nach dem 17. Juni auch nicht abgesagt. Frau Rybkina flog am 24. Juni mit einer Dienstmaschine in die Vier-Sektoren-Stadt Berlin. Anscheinend schon am 25. Juni traf sie mit Olga Tschechowa und dann auch mit ihrer alten Bekannten Anna Seghers zusammen.

Über die direkte Leitung der Regierung meldete Rybkina ihrem Vorgesetzten Sudoplatow das Ergebnis. Außerdem teilte sie mit, daß sie sich der Unterstützung Erich Wollwebers versichert habe. Wollweber, stellvertretender Stasi-Minister der DDR, war für die Rybkina nicht irgend jemand, sondern ihr früherer Agent „Anton“, der ihr in den Stockholmer Tagen geholfen hatte.

Sudoplatow wollte am frühen Morgen des 26. Juni Berija darüber berichten, aber er kam nicht mehr dazu. An diesem schicksalsschweren Tage fuhr Berija ausnahmsweise nicht zur Lubjanka, sondern direkt in den Kreml zu einer Sitzung des Präsidiums. Dort wurde er verhaftet. Als Sudoplatow diese Tatarennachricht erfuhr, befahl er Rybkina, unverzüglich nach Moskau zurückzufliegen. Olga Tschechowa solle sie nur noch Grüße ausrichten lassen. Am selben Tage beschloß Sudoplatow, auch den Treff mit Radziwill abzusagen. Mit der Reise Fedossejews nach Belgrad war alles noch einfacher. Aus technischen Gründen hatte er bis zum 26. Juni nicht abfliegen können. Er trat den Flug gar nicht mehr an.

Finita la comedia? Oder tragedia?