Es geht auf sechs Uhr zu, als Damianos immer wieder ans Küchenfenster tritt, um zu erkunden, ob es draußen schon hell wird. Seine Frau Limonia stellt drei irdene Humpen auf den Tisch und legt steinhartes Brot dazu, das wir wie Zwieback in den Kaffee tunken. Wäre es mir in diesem Augenblick vergönnt, auf wundersame Weise einen Blick zurück in die Vergangenheit zu tun, dann unterschiede sich dieser kalte Septembermorgen wohl nur wenig von all den vielen anderen, die ihm vorausgegangen sind.

Wahrscheinlich hatte auch Damianos’ Vater in Erwartung des ersten Tageslichts dort am Fenster gestanden und davor sein Großvater. Denn was immer sich inzwischen verändert haben mag hier in Armolia: Seit Jahrhunderten steht dieses Dorf in der Mastihohoria, dem Mastixland im Süden der griechischen Insel Chios.

Vielleicht haben sie in früheren Zeiten die weiten Wege hinaus zu ihren Mastixbäumen zu Fuß zurückgelegt oder auf Eseln, wie es die alten Leute heute noch tun. Immerhin konnten sie die morgendliche Stille genießen, in die wir rücksichtslos mit dem Geknatter unserer Motorkarre einbrechen. Sie konnten den Duft nachtfeuchter Wiesen und Felder atmen, der sich nun in den dunklen Auspuffwolken unseres Gefährts verflüchtigt. Nur das entfernte Tuckern weiterer Zweitaktmotoren zeigt an, daß sich auch andere Dorfbewohner bereits auf den Weg zur Mastixernte gemacht haben.

Damianos hat Limonia und mir eine flache Metallschale und eine Art Spachtel in die Hand gedrückt. Wir müssen uns ducken, um unter das dichte grüne Laubdach des buschartigen Baumes zu gelangen. Noch tasten die Augen durch das Zwielicht und versuchen zu erkennen, was da auf dem sauber gefegten und mit feinem Kalkstaub bedeckten Boden liegt. Doch dann geht die Sonne auf und richtet ihr Licht wie mit Punktstrahlern auf alle Details eines Naturwunders.

Das also ist er, der Baum, der Tränen weint. Ein lebendes Kulturdenkmal, das bereits in der Antike legendären Ruf genoß. Denn wo immer rund um das Mittelmeer oder an anderen Orten der Erde Mastixbäume wachsen: Nur hier quillt glasklar das kostbare Harz aus den tiefen Kerben, die in den knorrigen Stamm geritzt werden. Im gesamten Orient ist Mastix ein Begriff wie im Westen der Name Coca-Cola.

Erbsengroß und kleiner, oft als winzige Kügelchen liegen die hart gewordenen Tropfen auf dem Boden. Gelegentlich verschmelzen sie auch zu münzgroßen Placken, mitunter halten sie, wie in einem gläsernen Sarg, ein totes Insekt gefangen. Manchmal erinnern die geronnenen Tränen an den matten Glanz von Mondstein, oder sie glänzen wie ungeschliffene Diamanten.

Berühmten Ärzten des Altertums war die vielseitige Heilwirkung des Mastixharzes bekannt. Es wurde – und wird heute noch – wie Kaugummi gekaut, Backwaren und Spirituosen als Gewürz beigegeben und wegen seines stimulierenden Geruchs in manchen Ländern auch wie Weihrauch verbrannt. Als Farbstabilisator hat sich der zähe Saft aus Chios selbst in der Raumfahrt bewährt.

Langsam arbeiten wir uns voran und nehmen geduldig ein Harzklümpchen nach dem anderen mit Hilfe der Spachtel vom Boden auf. Mitunter reichen die bizarr verdrehten Äste so tief herab, daß wir geduckt darunter hindurchkriechen müssen. Eine bequeme Körperhaltung für diese Ernte gibt es nicht. Kniend oder mit seitlich angewinkelten Beinen robben wir um den Stamm herum. Wenn die Teller gefüllt sind, entleeren wir sie auf große Kuchenbleche. Zu Hause wird dann alles Harz, das während der Ernte von Anfang September bis Ende Oktober zusammenkommt, an einem kühlen Ort aufbewahrt und danach erstmals gesäubert.

Wer Pyrgi, Olympi und Mesta, die schönsten und bekannten Mastixdörfer von Chios, besucht, sieht Frauen vor den Häusern sitzen, die das Harz mit der Hand oder einer Pinzette von Rinde- und Blattresten befreien. Später werden die Mastixkörner, die dann eine zartgelbe Farbe angenommen haben, in der Fabrik von Chios mehrmals gewaschen. Perle für Perle sortieren Frauen die teuren Tränen mit der Hand je nach Größe in drei verschiedene Güteklassen.

Freundliche Zurufe aus der Nähe tun kund, daß die Nachbarn angekommen sind. Ein kurzes Schwätzchen mit den beiden Alten, dann gehen wir wieder leicht ächzend in die Hocke, um das Tagessoll in möglichst kurzer Zeit hinter uns zu bringen. Denn noch bevor es heiß wird in ein paar Stunden, wollen wir uns wieder auf den Heimweg machen.

Während einer Fahrt durch das sanfte Hügelland des Inselsüdens sind Mastixbäume für das ungeübte Auge zunächst kaum zu erkennen. Meist nämlich wächst der immergrüne Baum mit dem Schirmdach in ungeregelten, lichten Gruppen. Nur neuere Pflanzungen werden als geordnete Baumkulturen angelegt. Damianos’ Familie besitzt dreißig dieser Mastixhaine, die alle weit voneinander entfernt im Umfeld von Armolia liegen.

Es hat zwar Versuche gegeben, die rund zwei Millionen Mastixbäume der Mastihohoria neu zu verteilen, um den Bauern lange Anfahrtswege zu ersparen, doch daraus wurde nichts. „Ein Baum gehört zur Familie“, meint ein Chiote. Dem Unterfangen standen jedoch nicht nur emotionale, sondern auch ökonomische Gründe im Wege. Denn erst nach fünfzehn Jahren sondert ein Baum nennenswerte Mengen von Harz ab. Der Mastixstrauch, eine Pistazienart, kann zweihundert Jahre und älter werden. Meist jedoch wird er mit hundert gefällt. Aus dem Stumpf sprießen frische Triebe und wachsen sich zu einem neuen Baum aus, dem dann im siebten Jahr die ersten Tränen zu entlocken sind.

Von zehn Bäumen, sagt Damianos, sei nur ein Kilo Mastix zu gewinnen. Wie alle Bauern liefert er die Ernte beim Verband der chiotischen Mastixanbauer ab, in dessen Händen auch die Herstellung des Endprodukts und der Export liegen. Konstantinos Moniodis, Präsident dieser Pflichtgenossenschaft, hat die Zahlen im Kopf. Mit 5500 Drachmen, rund 40 Mark pro Kilo, habe man den Bauern 1992 fast doppelt soviel zahlen können wie in den flauen achtziger Jahren. Wer gut im Geschäft sei, liefere 200 bis 300 Kilo pro Ernte ab. Manche Bauern brächten es nur auf 5, andere dagegen sogar auf 800 Kilo. „Das ist doch gutes Geld, nicht wahr?“

Wer aber zählt schon die Arbeitsstunden, die da übers Jahr zusammenkommen? Damianos muß Äste und Zweige beschneiden und den Boden düngen. Dann wird rund um den Stamm der Boden gekehrt, um das kostbare Harz von Verunreinigungen freizuhalten. Zweimal in der Woche, und das mehrere Monate lang, setzt Damianos ein Spezialmesser an, um die Rinde einzukerben, den Baum „zu verletzen“, wie die Chioten es nennen.

Vor allem: Wie sollten die Bauern der Mastihohoria die Ernte bewältigen, eilten nicht von überall Verwandte und Freunde herbei, um zu helfen? Ob sie inzwischen in Amerika oder in Australien leben – Urlaub daheim bei der Familie bedeutet für die Chioten noch immer, kräftig mit anzupacken. Viertausend Familien betreiben derzeit den Mastixanbau. Über die Runden kommen sie aber nur, weil auch die Oliven- und Mandelernte Geld bringen und sie zudem Obst und Gemüse anbauen.

Nachwuchssorgen also? Ja, seufzt Konstantinos Moniodis, der selbst schon auf die Sechzig zugeht, „ein ungelöstes Problem“. Dabei sei die Nachfrage gut. Die Genossenschaft habe zwar mit Kuwait nach dem Golfkrieg einen ihrer besten Kunden verloren. Der Löwenanteil der letztjährigen Jahresproduktion von knapp hundert Tonnen sei jedoch wie immer nach Saudi-Arabien gegangen.

Mastix und Chios – das waren längst identische Begriffe, als Genueser Seefahrer im Jahr 1346 hier landeten und sich das Handelsmonopol für Mastix sicherten. Da Chios, die reichste Insel der Ägäis, häufig Piratenüberfällen ausgesetzt war, begannen die neuen Kolonialherren sogleich damit, mittelalterliche Dörfer zu kleinen Festungen auszubauen. In diesem Zustand sind sie zum Teil fast unverändert erhalten geblieben. Vor allem Mesta wirkt noch immer so authentisch, daß es nicht wunder nähme, wenn eines schönen Morgens das Leben wieder genauso abliefe wie vor fünfhundert Jahren.

Die schlauchschmalen Gassen sind so eng, daß gerade noch ein Esel hindurchpaßt, und so dicht mit unverputzten Steinbögen überspannt, daß das Tageslicht zwischen diesen Arkaden kaum einen Durchschlupf findet. Oft verbinden düstere Straßentunnel die zweigeschossigen, aus groben Steinen gefügten Häuser. Gelegentlich läßt eine neue Haustür oder ein weißes Gardinchen am Fenster erkennen, daß hier noch Menschen wohnen. Dann wieder zeigen Gackern, Meckern und dumpfes Eselgröhlen an, daß die Häuser ebenerdig auch als Ställe genutzt werden.

Durch das höhlenartige Gassenlabyrinth geleitet den Besucher ein blaues Schild mit der Aufschrift „Kentron“ zu einem kompakten, rundum von Häusern umschlossenen kleinen Platz, der vollgestellt ist mit den Stühlen und Tischen zweier Tavernen. Von Blumen, Kakteen und Zierbäumchen umrankt und überwuchert, entfaltet sich hier unter Sonnenschirmen ein mediterranes Idyll, das keine Vorstellung davon aufkommen läßt, wie unangenehm die naßkalten Winter in dieser Region sein können.

Bisher zieht jedoch Pyrgi die meisten Touristen an, wohl wegen der optischen Attraktivität seiner mit geometrischen Kratzputzmustern bedeckten Häuser. Hier, gleich am Ortseingang, hat auch die vor acht Jahren gegründete Frauenkooperative von Chios ihr Büro, ein Zusammenschluß von Bauersfrauen, die in den Dörfern des Mastixlandes Fremdenzimmer vermieten.

Welch hohen Wert das teure Harz von Chios zu Zeiten der Genueser Herren hatte, lassen die harschen Strafen erkennen, die auf Diebstahl, Unterschlagung und Schmuggel standen. Je nach veruntreuter Menge wurden den Schuldigen Nase und Ohren abgeschnitten, man amputierte ihnen Arme und Beine oder hängte gleich den ganzen Sünder auf. Schon bei der Ernte wachten Aufse-

  • Fortsetzung nächste Seite
  • Fortsetzung von Seite 85

her darüber, daß von den weinenden Bäumen keine der goldwerten Perlen ins falsche Tränensäckchen rollte. Nachts wurden die Stadttore geschlossen, damit niemand zu heimlicher Ernte aufbrechen konnte.

Es muß dem Sultan von Konstantinopel keine Ruhe gelassen haben, daß zwar Lesbos und Samos, die beiden ostägäischen Nachbarinseln, schon ein Jahrhundert lang zu seinem Machtbereich gehörten, während er aber für den Kaugummi aus Chios noch immer teures Geld zu zahlen hatte. Darum zwang er die Genueser 1566 zum Verzicht auf ihre einträgliche Kolonie. Das christliche, vom westlichen Kulturkreis geprägte Chios war nun Teil des Osmanischen Reiches.

Der Legende zufolge hat der Mastixbaum erstmals geweint, als der geschundene, blutende Leib des heiligen Isodoros in den Schatten seines Blätterdachs gelegt wurde. Nun kam dieses Wunder von Chios, von einem christlichen Märtyrer herbeigeführt, dem höchsten islamischen Herrscher zugute, genauer gesagt: seinem Serail. Mastix war bei den Haremsdamen schon immer begehrt gewesen, weil das Harz die Zähne gesund erhielt und duftenden Atem verlieh. Darüber hat, wie viele Reisende vor ihm, 1764 auch der englische Archäologe Richard Chandler berichtet und nicht versäumt, dezent auf weitere excellent properties des Kaubonbons hinzuweisen. Denn der Glaube an die aphrodisierende Wirkung besteht schon so lange wie der Stoff gewonnen wird.

Gewiß hegte der Sultan ebensowenig Zweifel an der befeuernden Wirkung dieses Placebos wie seine Ladies. Und da sich der Mastixstrauch ausschließlich auf diesem kleinen Fleckchen Erde produktionsgeneigt zeigte und nur die Bauern der Mastihohoria wußten, wie ihm die köstlichen Tränen zu entlocken waren, wurden ihnen viele Privilegien gewährt. Sie durften sogar die Kirchenglocken läuten.

Chios, die Insel zwischen Orient und Okzident, so hieß es immer, habe das Beste aus beiden Welten. Doch dann zog jener verhängnisvolle 11. April des Jahres 1822 herauf, der als das Massaker von Chios in die Geschichte einging und als traumatisches Erlebnis noch heute allgegenwärtig ist auf der Insel.

„Marcos Place“ nennt sich ein kleines Areal über der Bucht von Karfas. Um eine schmucke kleine Kapelle gruppieren sich ehemalige Mönchszellen, die zu einfachen Touristenunterkünften hergerichtet wurden. Von diesem hochgelegenen Ort blickt man wie aus einem Vogelnest hinüber nach Izmir, und bei gutem Wetter scheint die türkische Küste zum Greifen nahe. Nur sechs Kilometer Ägäis trennen Europa und Kleinasien an dieser Stelle. Durch diese schmale Wasserstraße kamen die von Kapudan Pascha befehligten Schiffe von Tscheschme herüber, um auf Befehl des Sultans grausam dafür Rache zu nehmen, daß sich Chios dem Freiheitskampf der Griechen gegen Konstantinopel angeschlossen hatte.

Schätzungen sprechen davon, daß etwa 40000 Menschen erschlagen wurden und, wer nicht fliehen konnte, in Gefangenschaft geriet. Zwar sollten auf ausdrücklichen Befehl des Sultans die Bewohner der Mastihohoria verschont werden, doch am Ende kamen auch sie nicht ungeschoren davon. Sie wurden als Sklaven bis nach Syrien und Ägypten verschleppt.

In den Jahren des Elends und der Not versiegten die Tränen des Mastixbaumes. Das Land lag brach, für das Luxusprodukt gab es keine Absatzmärkte mehr. Erst nachdem eine Amnestie den Versklavten und Geflohenen die Rückkehr erlaubte, konnte die Produktion wiederaufgenommen werden. Als die Bäume wieder zu weinen begannen, war das Schlimmste überstanden.

Heute gehört Chios zu den wohlhabendsten Provinzen Griechenlands. Überall im fruchtbaren grünen Inselsüden entstehen neue Häuser, Äcker verwandeln sich in Bauland. Wer auf der Landstraße in Richtung der Mastixdörfer fährt, muß sich oft in Geduld fassen, weil Laster mit rotierenden Mischtrommeln ein Überholen unmöglich machen.

In dieser Gegend, im Dorf Kallimassia, wuchs John Perikos auf, ein Chiote, der als Kind bei der Mastixernte dabei war und eine interessante wissenschaftliche Abhandlung mit dem Titel „The Chios Gum Mastic“ verfaßt hat. Mehr als sechzig Anwendungsgebiete zählt Perikos in dieser Kulturgeschichte eines Produkts auf, das zwar dem Namen nach vor allem in den arabischen Ländern ein Begriff ist, häufig jedoch auch für europäische Industrieprodukte verwandt wird. Mastixöl benutzen die Franzosen vorwiegend in der Kosmetikindustrie, in Deutschland interessiert sich die Pharmazie für den Naturstoff, dem unter anderem eine Cholesterin- und blutdrucksenkende Wirkung attestiert wird.

Und: „Immer gut für den Magen“, versichert Konstantinos Moniodis. Daß der Genossenschaftspräsident da nicht pro domo redet, kann ihm jeder Griechenlandbesucher bestätigen. Denn wer reist schon durch Hellas, ohne irgendwann einen Ouzo zu trinken? Diesen Namen darf ein Anisschnaps jedoch nur führen, wenn er Mastix enthält, das möchte Konstantinos Moniodis ausdrücklich festhalten. So haben denn, auch wenn sie den Namen Mastix bisher nicht kannten, schon viele Besucher der ägäischen Inselwelt die wunderbare Wirkung des Harzes aus Chios am eigenen Leib verspürt.