HAMBURG. – Seit sieben Uhr morgens warten Journalisten und Photographen aus aller Welt vor einem kleinen Saal des Amtsgerichts auf Günter P., jenen Mann, der Monica Seles am 30. April 1993 ein Küchenmesser in den Rücken gestoßen hat. Mit einem lautstarken Gespräch über die Köpfe der anderen hinweg amüsieren zwei Briten die Menge. Ganz ungeniert unterhalten sie sich über die neuesten "romances" in ihren Redaktionen. Aber nach einer Stunde Stehen kommt Unruhe auf. Medienvertreter, die erst jetzt den Weg ins Gericht finden, ahnen, daß sie wohl kaum noch in den Saal mit seinen vierzig Plätzen hineingelangen werden. Einige Reporter versuchen über das Absperrgitter zu steigen, werden aber von ihren Kollegen ruppig wieder hinausgedrängt.

Für die vielen Journalisten ist der Saal nicht geeignet, aber der Angeklagte kann durch eine Tunnelanlage direkt den Verhandlungsraum betreten, so bleiben ihm die Blitzlichter der Photographen erspart. Günter P. sitzt in der Mitte des Saals an einem niedrigen Tisch. Ein kleiner Mann, in sich zusammengesunken. In der Haft hat er abgenommen, seine Haut ist grau und sein Blick müde auf die Tischplatte gerichtet. Die Tat gibt er zu, aber immer wieder sagt er: "Ich wollte Monica Seles nicht töten." Eine "kleine Verletzung", so daß sie einige Wochen nicht hätte spielen können, das hätte ihm gereicht, dann wäre Stefanie Graf wieder die Nummer eins der Weltrangliste geworden, und nur darum habe er Monica Seles verletzen wollen. Haß für sein Opfer scheint der Angeklagte nicht zu empfinden.

Zum ersten Mal hat Günter P. Stefanie Graf 1985 im Fernsehen gesehen. Von Tennis habe er bis dahin noch nie etwas gehört, sagt er, mit der Zeit habe er zwar immer mehr davon verstanden, aber am Sport habe sein "Herz nie gehangen". Aber Stefanie Graf habe es ihm von Anfang an angetan. Die Tennisspielerin wurde von Stund an sein Lebensinhalt.

Es entsteht eine Leidenschaft, die dem Angeklagten auch vor Gericht Leben einhaucht. Kommt Günter P. auf sein Idol zu sprechen, richtet sich sein Körper auf, seine Stimme wird laut und klar. Fehler läßt er nicht durchgehen, selbst die Richterin verbessert er, der Name "Steffi" sei nicht korrekt, es müsse "Stefanie" heißen.

Im Jahre 1989 hat sich Günter P. für 10000 Mark, Ost, einen Videorecorder besorgt, nur um Tennisspiele und Sendungen mit Stefanie Graf aufzunehmen, dazu sammelte er Bilder aus Illustrierten, von Kollegen über die Grenze geschmuggelt, und schmückte damit die Wände seines Zimmers. Als Steffi Graf 1990 erstmals ein Turnier gegen Monica Seles verlor, ging für ihn eine Welt unter. "Da habe ich ganz lange geweint und wollte nicht mehr weiterleben", erinnert sich der Angeklagte. Gesprochen habe er mit niemandem, das habe er "mit sich abgemacht". Aber als Stefanie Graf vom ersten Platz der Weltrangliste verdrängt wurde, sei bei ihm der Entschluß gereift, ihre Rivalin zu verletzen.

Der Angeklagte erweckt Mitleid, er wirkt so gar nicht bedrohlich, wie etwa in jenem Brief an Heike Drechsler, den er vor der Tat versandte. Der Weitspringerin, die sich in einem Interview über die Höhe der Einkünfte von Steffi Graf beklagt haben soll, hielt er vor, daß der kleine Finger der "Ausnahmeperson" Stefanie Graf mehr wert sei als "zehn von ihrer Sorte". Gleichzeitig drohte er jenen mit Konsequenzen, die es wagten, der Ehre der Brühlerin zu nahe zu treten.

Die Tat selbst hat Günter P. sorgfältig vorbereitet. Poster und ausgeschnittene Zeitungsartikel wurden zu Hause von der Wand genommen, verpackt und im Garten vergraben. Günter P. wollte nicht, daß sie der Polizei oder der "Regenbogenpresse" in die Hände fielen. Mehrere Tage verfolgte er in Hamburg die Spiele am Rothenbaum. Bis zuletzt habe er abgewartet, ob Monica Seles nicht doch ohne sein Zutun das Viertelfinale verlieren würde. Bei einer Niederlage ihrer Kontrahentin hätte ein Sieg von Stefanie im nächsten Turnier in Paris genügt, um sie wieder an die Spitze zu bringen, so das Kalkül von Günter P.