Von Klemens Polatschek

Das Kino ist, so heißt es, nur eine Sammlung von Lichteffekten, die Auge und Hirn über die Wahrheit in der Welt täuscht. Seit den Tagen der Brüder Lumière, die erstmals einen Zug aus der Leinwand auf ein noch unschuldiges Publikum zufahren ließen, was es angeblich in Panik aus dem Saal trieb, arbeiten die Experten daran, die Täuschung zu vervollkommnen.

Weil die Verderbtheit der Zuschauer in hundert Jahren merklich zugenommen hat, gibt es Industrial Light and Magic, kurz ILM. Dieses Labor, von George Lucas zur Fertigung der ersten Folge von "Star Wars" 1975 in Kalifornien gegründet, beschäftigt sich damit, alle Arten von Phamtasieprodukten auf Zelluloid zu bannen. Viele der Saurier, die derzeit in Steven Spielbergs "Juirassic Park" den über Zwölfjährigen Hunderte Millionen Dollar aus der Tasche ziehen, haben in den Rechnerräumen der Firma laufen gelernt.

Kürzlich war Steve Williams, altgedienter ILM-Computeranimator, in Europa; seine Präsentationen in der Filmakademie Ludwigsburg und in Berlin-Babelsberg sollen hier Anlaß zur Frage sein, was nach den Urweltbestien in den nächsten Jahren noch Künstliches ins Kino trampeln wird.

ILM ist Branchenführer und die geheimnisvollste aller Lichteffektschmieden, bis hin zum falschen Firmenschild, das die mehr als 300 Angestellten in San Rafael, nördlich von San Francisco, vor Besuchen bewahren soll. Die Arbeit von ILM wird sicherlich noch öfter zentrales Moment in der Vermarktung eines Hollywood-Megasellers sein. In diesem Jahr geschah das bei "Jurassic Park", vor zwei Jahren bei "Terminator 2", in dem Arnold Schwarzenegger gegen einen computergenerierten chromglänzenden Flüssigmetallroboter antritt. Zwei Filme, die der Tricks wegen auch Leute ansahen, die sonst Wert auf ein gutes Drehbuch und vernünftige Dialoge legen.

Es ist so, daß das Unternehmen ILM nicht nur Filmeffekt-Geschichte schreibt. Es hat sie vor zwei Jahrzehnten überhaupt neu definiert.

Die Filmtechnik war um 1970 in vielerlei Hinsicht an einem Ende angelangt – der Vergleich zwischen dem "King Kong" von 1933 und seinem Remake aus dem Jahre 1976 belegt es. Beim ersten Einsatz war das Affenmonster ein verkleinertes Modell, das mittels Einzelbildschaltung ruckweise animiert wurde (stop-motion), beim zweiten Mal ein motorisierter Kunstaffe (go-motion); der entstehende Glaubwürdigkeitszuwachs bestenfalls null. Andere klassische Trickarbeiten, vom Modellbau zur Maskenbildnerei, hatten 1968 in Stanley Kubricks "2001: A Space Odyssey" ihre Vollendung gefunden.