BRUCHSAL. – Ganz und gar gegensätzlich beschrieben zwei Artikel in der Karlsruher Provinzzeitung Badische Neueste Nachrichten (BNN) am selben Tag dasselbe Ereignis: Der Bruchsaler Lokalteil des Blattes feierte ein von der 40 000-Seelen-Stadt veranstaltetes Open-air-Konzert mit Justus Frantz als „krönenden Abschluß“ einer drei Tage währenden „Eurofête“. Auf drei Spalten beschwor das Blatt den „eitlen Sonnenschein“ auf dem Fest, einen emphatischen Justus Frantz und den über den Beifall der Besucher erfreuten Oberbürgermeister Bernd Doll. Im anspruchsvolleren Feuilleton des Blattes war freilich ganz anderes zu lesen.

Dort rieb sich der seit 26 Jahren für das Blatt schreibende Musikkritiker Thomas Rübenacker an den Tücken dieses Freiluftkonzerts im Bruchsaler Schloßhof. Er saß zwar in der dritten Reihe, aber „vernahm doch nur, was eine Batterie von Lautsprechern ausspuckte: Vorgekaute, eingespeichelte Klänge, jeder Ton gefiltert, gepreßt und in Cellophan verpackt“. Rübenacker wollte aber keineswegs „das Fiasko dieses Abends einzig der Verstärkung“ anlasten. Er schrieb von der „Justus-Frantz-Hitparade“, die mit einer Zauberflöten-Ouvertüre ohne Zauber begonnen habe, „die allerdings feinsinnig angesagt wurde: Oberbürgermeister Bernd Doll, der von den rund 30 Mutter- oder Vaterländern der Orchestermitglieder die Volte zum ‚freien und freizügigen Europa‘ schlug, unterbrach ausführliches Den-Künstlern-und-sichselbst-Gratulieren mit den unsterblichen Worten, daß derer nun genug gewechselt seien, und überhaupt: Auf zur Ouvertüre!’ Es klang wie ‚Die Bar ist eröffnet!‘“

Der Musikkritiker fand, daß eine Sängerin „Die Hochzeit des Figaro“ zur Operette gemacht habe. Am Klavier habe Frantz nur noch „ausgebleichten, weichgespülten Schmusemozart“ geboten. Seine Darbietung des Konzerts Nr. 21 C-Dur „klang nun tatsächlich so, als habe ein Filmkomponist es eigens für den schwedischen Schmachtfetzen ‚Elvira Madigan‘ geschaffen“. Immerhin fand der strenge Kritiker auch „wenige echte Rosinen“ an diesem Abend.

Vielleicht war die strahlende Provinzwelt des Lokal-Artikels ebenso übertrieben wie der eher amüsante, aber durchaus in sich schlüssige Ärger des erzürnten Kunstkritikers. Doch der OB von Bruchsal schäumte. Die Lokalpolitiker sahen das Ansehen ihres Städtchens gefährdet. Die Erregung der Honoratioren und der Festbesucher galt der Musikkritik, nicht der Schönfärberei. Zahlreiche Bruchsaler hatten das luftige Konzert mit dem berühmten Dirigenten herrlich gefunden und mochten die bittere Schelte nicht ertragen.

Bernd Doll protestierte „im Interesse der Stadt (Bruchsal, d. Red.) energisch“ beim Verleger Baur in Karlsruhe. Rübenacker habe „seine journalistische Sorgfaltspflicht gröblichst verletzt“. Nach Einschätzung vieler Beobachter „weit über Bruchsal hinaus“ handele es sich um eine journalistische Fehlleistung ersten Ranges. Auch im Gemeinderat der kleinen Stadt diskutierte man den angeblichen Fehltritt des Zeitungsmannes erregt in öffentlicher Sitzung. Der CDU-Fraktionsvorsitzende Fritz Tremmel nannte den musikkritischen Aufsatz eine „Ungeheuerlichkeit und eine Unverschämtheit, die sich da ein dahergelaufener Musikkritiker geleistet“ habe.

Auch Grund der Wut: Es standen Oberbürgermeisterwahlen an, und der amtierende OB Doli hatte die dreitägige Eurofête nicht nur zur Verbesserung des provinziellen Rufes von Bruchsal (Ludwig Börne: „Scheusal, Trübsal, Bruchsal“) veranstaltet, sondern durchaus zur Förderung der eigenen Karriere. Stadtrat Lorenz Siegel von der CDU ersuchte die Stadtverwaltung, doch bitte alle Sponsoren des Festes anzuschreiben und ihnen zu bestätigen, daß „die Veranstaltung großartig war“. Die Empörung brandete nun an die Provinzzeitung, ein tief konservatives Blatt, das noch immer den Antikommunismus pflegt. Das Verlegerehepaar Baur wird als betagt, urkatholisch und überdimensional patriarchalisch beschrieben, der Chefredakteur Edwin Kraus als netter Schwadroneur und unentwegter kalter Krieger.

Die Zeitung hätte auf die Entgeisterung der Stadtpolitiker und Honoratioren kühl mit dem Hinweis auf die Presse- und Meinungsfreiheit reagieren können. Sie hat auch in Bruchsal das Monopol, und sogar Werberücknahmen und Boykotts drohen nur für kurze Zeit. Statt dessen sägte sie am Ast der Pressefreiheit, auf dem sie selbst sitzt, und verbeugte sich vor einem erbosten Provinzpolitiker, indem sie ihr Grundrecht und das eines Mitarbeiters für obrigkeitliches Wohlwollen opferte.