Von Christoph Dieckmann

Wir klingelten in Hamburg bei Biermann an. Er ließ uns sozusagen gar nicht rein. Hundescheiße, brüllte er uns ins zitternde Ohr, Hundescheiße hätten wir verfaßt über ihn, und wer derlei verteile, dem halte er nicht noch den Teller hin. Wir sollten ruhig weiterhin erfinden, was immer uns ins Süppchen paßt.

Das wird dann so: „O Biermann! Seit langem ist sein Stern am Verlöschen, schrumpft die Fangemeinde, bleiben die Platten in den Geschäften liegen. Nach der Vereinigung wütete der Dichter verzweifelt durch die Feuilletons, köpfte die Stasi-Spitzel unter den einstigen DDR-Kollegen, mimte den Zukurzgekommenen. Es half alles nicht viel, trotz Büchnerpreis und dem munteren Begrifferaten in der ARD-Show ‚Dingsbums‘...“ (Severin weiland in der taz)

Oder so: „Wolf Biermanns Wohnung in der Chausseestraße 131 ist ein Symbol der Widerstandskultur in der ehemaligen DDR. Sie war ein Treffpunkt oppositioneller Intellektueller, Arbeiter und Studenten. Es ist schon eine Peinlichkeit, daß gerade der PDS-Pressesprecher Roman-Hanno Harnisch 1990 die ehemalige Biermann-Wohnung zugesprochen bekam. Harnisch besitzt zudem eine Zweitwohnung mit 5 Zimmern in der Frankfurter Allee.“ (Bundesverband des Neuen Forum)

Im Frühjahr 1990 gab die Journalistin Hannelore Heider, wohnhaft in Bohnsdorf nahe Ostberlin, eine Wohnungstausch-Anzeige auf. Sie bol zwei Zimmer mit Garten und suchte was Größeres in der Stadt. Es meldete sich ein gewisser Seidel, der in Berlin-Mitte vier geräumige Zimmer behauste: Biermanns alte Klause. Man tauschte Frau Heider bezog die Chausseestraße zusammen mit drei Kindern und ihrem Lebensgefährten Hanno Harnisch. Der hatte bislang anderthalb Zimmer im Prenzlauer Berg bewohnt. In der „Zweitwohnung“ lebte seine geschiedene Frau Sie starb im Sommer dieses Jahres an Krebs.

Hanno Harnisch, seit 1. Juni 1990 Pressesprecher, seit dem Spätsommer 1990 Mitglied der PDS, war zu DDR-Zeiten parteilos und ein mit „Live-Verbot“ belegter Redakteur von Jugendradio DT 64. Und er war Biermann-Fan. Wir prüfen das. Bei der Haussuchung wird 1 Expl. der LP „Chausseestraße 131“ sichergestellt. „Ich bewunderte Biermann. Seinetwegen hab’ ich mich mit meinem Vater verkracht. Der Rausschmiß war das Saublödeste, was die DDR machen konnte. Biermann, findet Harnisch, habe eine Art außerrechtliches Recht auf diese Wohnung, „Bloß auf juristischem Weg wird er sich mit seinem Anwalt leider Gottes zum Obst machen. Manche sehen das mit Häme. Ich find’s eher tragisch.“

Harnisch/Heiders Mietvertrag gilt. Biermanns damalige Frau hatte den ihren bei der Ausreise natürlich gekündigt. Im Sommer 1990 traf Hannelore Heider auf der Treppe Eva-Maria Hagen, Ninas Mutter, die früher Biermanns Liebste war. „Nett ist sie gewesen. Wer wohnt denn da jetzt drin, wollte sie wissen. Ach, Sie? Na, wir wollen ja sowieso nicht zurück, aber Wölfl kommt bestimmt mal vorbei und guckt es sich an.“ Seitdem: warten.

Wölfl kam nicht. Die Klage kam. So geht’s nicht, sagt Harnisch, so mit der Pistole auf die Brust. Ich sehe nicht ein, warum ich der Welt ein schlechtes Gewissen demonstrieren soll. Hanno, sagt Hannelore, wenn Biermann hierhergekommen wäre und richtig auf die Tränendrüse gedrückt hätte, Heimweh et cetera – Hanno, du wärst weggeschmolzen. Nö, sagt Hanno männlich fest. Aber wenn er sich richtig bemüht hätte, so mit Reden und Zusammensetzen, dann wären wir ausgezogen. Bloß hätte Biermann damit die Wohnung nicht gekriegt. Die gehört der Wohnungsverwaltung Mitte. Die Leute denken immer, die PDS verteilt Wohnraum an Funktionäre wie früher die SED. Gysi hat ein Neubau-Pupsloch in Lichtenberg, Bisky eine bücherverstopfte Höhle in Schöneweide.

Harnisch tat, was Biermann nicht gelang, und rief den Kontrahenten an. Und erfuhr von dessen Frust. Zwei Biermannsche Versuche, wieder Ostberliner zu werden, scheiterten an vorzivilisatorischer Bausubstanz. Die eine Bude/die man ihm anwies, war asbestverseucht, die andere beregnet. Nicht mal auf eigene Kosten durfte Biermann den Dachstuhl rekonstruieren. Wenn ich jetzt mal meinen Bock vergesse, sagt Hannelore Heider, dann verstehe ich den Mann. Nach der Behandlung würde ich auch auf stur schalten und meine alte Wohnung verlangen. Na, hier sind auch die Decken feucht, und da drüben die Rohre... Der will hier gar nicht rein, sagt Hanno. Biermann habe ihm bedeutet, seine jetzige Frau wünsche das nicht. Es sei ihr in der legendären Kemenate zuviel Weibliches vorgefallen.

Kleine Umfrage in der Ex-Opposition der DDR. Konrad Weiß: „Der gute PDS-Pressesprecher sollte großzügig sein und Wolf Biermann reinlassen.“ Ulrike Poppe: „Arrangieren, nicht polarisieren. Der jetzige Mieter muß eine zumindest ebenbürtige Wohnung bekommen.“ Martin Gutzeit: „Rechtlich wird da nicht viel zu machen sein. Aber wo gibt’s Wiedergutmachung in unserer Demokratie?“ Friedrich Schorlemmer: „Ich find’s ein bißchen lächerlich, daß es diese Wohnung sein muß nach so langer Zeit. Und wer ist von zwei Verbockten der erste Bock? Ach Wölfchen, hätte der liebe Gott dich doch nur einen Kopf größer gemacht!“

Biermanns Größe: Der Dichter und der Sänger sind Geschmack, die wölfischen Sarabanden zur Rattergitarre. Wer aber damals an Biermann gelernt hat, was das ist: ein tapferer Mensch, der macht, wenn er ihn schmäht, sich selber klein. Man darf ja heute billig spotten, was der eitle Schnauzer wieder von sich gegeben an törichtem Gebell. Derlei passiert; à la lanterne! war ein schlimmer Text, weil der Selbstironiker sein großes Herz verbarg. Es macht aber einen Unterschied, ob man offen widerspricht oder ob man geilt, was sich da wieder füllsein ließe unter der Rubrik: altlinker Medien-Bock, ausgebrannter Egomane.

Er legte nicht auf. Wurde freundlicher, lachte sogar sein heiseres Grollen. „Mich interessieren gar nicht so sehr diese Räume. Mich interessiert das Politische, das damit zusammenhängt.“ – „Aber, Herr Biermann, der Symbolwert wird im Osten nicht erkannt. Es gibt hier einen Haufen Leute, die sagen, er hat doch in Hamburg ein prima Haus und...“ Haufen, schnob er, das sei das rechte Wort. Pack! „Machen Sie sich ruhig zum Sprachrohr! Schreiben Sie, ich gierte nach den Kameras. Ich habe elf Jahre in meiner Wohnung gesessen, ohne Kameras, und bin tapfer gewesen, obwohl ich Schiß hatte.“

Als sie Biermann außer Landes sperrten, 1976, war Hannelore Heider auf Reportage im Mansfelder Kupferrevier. Der geschaßte Staatsfeind kursierte auch dort als Thema Nummer eins, wohin nie ein Verslein Biermann vorgedrungen war. Da sagte ein Kumpel, und in seinen Augen glomm es auf: „Den hättense uns mal in den Schacht schicken sollen. Den hätten wir spitzgehackt!“

Was verschlug da ein bißchen Berliner Kunst-Protest? Den hacken wir spitz. Den machen wir frisch. Der geht ans Kreuz. Wofür? Egal, es liegt Erlaubnis vor, beileibe kein Schießbefehl, nur die Möglichkeit, notfalls auch von der Schußwaffe Gebrauch zu machen. Da kann uns notfalls nichts passieren, egal, was dem passiert.

Böse Zeit macht keiner wieder gut. Aber selten war so leicht so viel zu reparieren wie im Falle Biermanns, der für kleine Münze großen Ablaß offeriert. Man zerstöre das nicht durch Bürokratie. Man gebe ihm Wohnung in Ostberlin. Er soll hier leben, der alte Ikarus, soll seinen Adler an der Brücke besuchen, Brecht auf der Bank am Schiffbauerdamm und den geliebten Hegel-Friedhof unter Bäumen, deren kleine bunte Transparente durch das Herbstlicht auf die Gräber gleiten. Das mag Wolf Biermanns Friede sein. Es soll ihm gutgehen. Desweiteren gilt, daß Gerechtigkeit ein Torso bleibt. Es gibt für die Opfer der DDR keinen Zahltag außer dem 9. November 1989.