Ein Blick zurück in die Kinderstube der Moderne: Auf der kleinen Bühne des Grazer Teatro steht ein Guckkasten, in dem ein Kreis und kleinen che Rechtecke und Quadrate hängen – Formen und Farben, die sich erst ruckweise, dann immer schneller bewegen und ständig zu neuen geometrischen Figuren gruppieren. Sie verschwinden hinter den Deckensoffitten und Seitenkulissen, sie verdecken sich gegenseitig oder kreuzen die Bahnen.

Ein Theater ohne Menschen und ohne Sprache, ohne Intrigen, Mord und Totschlag – die „Abstrakte Revue“ von Andor (Andreas) Weininger. 1926 hat er sie mit Buntstiften skizziert, jedoch nicht aufgeführt. Nur die Entwürfe für die „bewegten Flächen, Drehkulissen, horizontal-vertikal-laufenden Streifen, drehenden Kreise, Lichtschaltungen und Geräuschmusik“ sind erhalten. Jetzt haben Reinhard Wanzke, Jürgen Steger und Jörn Budesheim diese „mechanische Bauhausbühne“ rekonstruiert, das heißt: gebaut. Feine Schnüre, an denen die Stoffstreifen befestigt sind, werden über unsichtbare, von kleinen Motoren angetriebene Rollen gelenkt. Ein Spiel ganz in der Tradition der Kollegen Oskar Schlemmer und Wassily Kandinsky, Kurt Schmidt oder Hans Richter.

Und noch ein Blick zurück: 1919 hat der Architekt Bruno Taut den „Weltbaumeister“ gezeichnet, ein „Architektur-Schauspiel“, mit dem er seine kühnen künstlerischen Visionen im Theater ausprobieren wollte: „Die ganze Bühne nur Farbenlicht – strahlend gelb, sonst nichts, kein Boden, keine Decke, keine Wände.“ Mit diesen Regieanweisungen beginnt die erste der insgesamt 27 Skizzen, auch seine musikalische Ideen hat Taut notiert: „Ohne Schwellungen, nur ein Klingen im Raum, langes, helles, gelbstrahlendes KLINGEN.“

Friedrich Wilhelm Schellings berühmte Formulierung von der Architektur als erstarrter Musik denkt Bruno Taut weiter. Im „Weltbaumeister“, einem synästhetisch konzipierten Gesamtkunstwerk, weicht die Musik die Architektur wieder auf: Ein „ungeheuerliches Bauwerk mit Portal“ wächst aus dem Boden, „ein Erschüttern durchbebt den Bau ... die Formen trennen sich sinkend im Reigen voneinander ... werden zu Atomen und gehen im Weltall auf“.

Jetzt hat die Wiener Architektengruppe COOP HIMMELBLAU im traditionellen „Musikprotokoll“ des Steirischen Herbstes Bruno Tauts „Weltbaumeister“ zum erstenmal auf die Bühne gebracht, ohne wohlweislich die expressionistische Entgrenzungskosmologie des Originals zu inszenieren: Vier Vorhange aus langen, metallenen Spiralfedern, die vom vierten Rang bis zum Boden reichen, gliedern den Zuschauerraum und die Bühne des Grazer Schauspielhauses. Sie glitzern wie Glasstäbe und verstärken – zusammen mit zwei Metall-„Linien“, die sich vom Rücken der Zuschauer in aufreizender „gerade-nicht-Parallelität“ bis zur hinteren Bühne schlängeln – die Tiefenwirkung des kleinen Theaters. Von der Decke hängen metallene Objekte: dreidimensionale Gebilde, asymmetrische, filigrane Formen, die plötzlich zu leuchten scheinen. Die Strahlen von unzähligen Scheinwerfern (Licht: Franz-Peter David) huschen durch den Raum, Kreise und Punkte schimmern, Projektionen reflektieren auf dem ersten Vorhang, gehen aber auch durch ihn hindurch und treffen, optisch vergrößert, auf den nächsten... Nichts bewegt sich – aber man glaubt, die ganze Bühne sei in Bewegung.

In Andor Weiningers „Abstrakter Revue“ tanzen die Rechtecke und Quadrate durch den kleinen Guckkasten, in Bruno Tauts „Weltbaumeister“ tanzt das Licht durch den Raum, den de Wiener Architektengruppe Coop Himmelblau gebaut hat. Und die Musik, die jetzt „neu“ zu diesen Werken im Auftrag des ORF komponiert wurde?

Gerd Kühr versucht in seinem Stück „Streifton“, die Bewegung der Weininger-Revue musikalisch umzusetzen, so zum Beispiel mit Akkorden, die sich ständig ändern und sich doch letzlich „im Kreise drehen“. Vor- und Nachschläge zersplittern den „mechanischen“ Klang des Kammerensembles, und zwischen den horizontalen und vertikalen Linien der Partitur und den immer neuen, rechtwinkligen Konstellationen auf der Bühne entsteht ein enger Zusammenhang.