Von Christoph Biermann

Samstag, 2. Oktober

Als Ewald Lienen an diesem Morgen ins Bett geht, zeigt der Wecker 7. 40 Uhr. Zwei Stunden später hat der Trainer des MSV Duisburg gefrühstückt und fährt zum Wedau-Stadion, wo seine Spieler in der Stadiongaststätte warten. Sie nippen am Kaffee und reden über ihr 0:0 gegen den 1. FC Köln am Vorabend. Die vergebenen Torchancen. Den Handelfmeter, der ihnen vom Schiedsrichter verweigert worden war.

Lienen treibt sie in die Umkleidekabine. Aufmerksam wie eine Schulklasse lauscht die Mannschaft ihrem Trainer, aber was er sagt, haben sie ihn gestern schon im Fernsehen sagen hören: "Unsere Bäume wachsen nicht in den Himmel."

Dann verabschiedet sich Lienen von jedem per Handschlag. Und während die Spieler ihr Auslauftraining beginnen, fährt der Trainer in seinem Dienst-Mercedes ab nach Stuttgart. Dort will er an diesem Nachmittag Eintracht Frankfurt beobachten, den übernächsten Gegner seiner Mannschaft.

Gut hundert Kilometer vor Stuttgart ist der Regen so heftig geworden, daß der Scheibenwischer kaum noch freie Sicht auf die Straße verschafft. Ewald Lienen schläft auf dem Beifahrersitz. Von der vergangenen Nacht und seinen Zweifeln hat er den Spielern nichts erzählt. Daß er sich bis drei Uhr nachts immer wieder Ausschnitte des unbefriedigenden Spiels auf Video angeschaut hatte, um Fehler und Schwächen zu finden – und vielleicht Lösungen.

"Nach dem Spiel bin ich ganz melancholisch geworden. Ich habe mich gefragt, ob das der Alltag des Berufes ist. Wie soll das erst werden, wenn wir verlieren?" Seine ersten Monate als Trainer im Profifußball waren aufregend gewesen: der Aufstieg mit dem MSV Duisburg in die Bundesliga, der überraschend erfolgreiche Start, keine Niederlage, begeisternde Spiele und sensationelle Siege. Sollte das alles nun vorbei sein?