Gut vier Jahre ist es her, daß ich den Begriff PC das erste Mal hörte. Es war bei einer Unterhaltung mit einem Bekannten, Literaturwissenschaftler im kalifornischen Berkeley, und ich hatte mich wohl wieder einmal angetan über den aufgeschlossenen Geist an amerikanischen Universitäten geäußert. Er darauf: Sei ich denn nicht im Bild, wohin die Kulturrevolution schließlich geführt habe? Seien die Stanforder Sprechchöre „Hey, hey, ho, ho, western culture’s got to go“ (Heh, heh, meck, meck, westliche Kultur muß weg) nicht bis nach Europa gedrungen?

Was an vielen amerikanischen Universitäten heute herrsche, sei nicht Offenheit, sondern etwas ganz anderes. Eine neue Tugenddiktatur. Gesagt und am besten auch gedacht werden dürfe nur noch, was pc sei, politically correct. Pc sei es, überall Rassismus und Sexismus zu wittern und mit Beschwerden, Klagen, Demos, Redeverboten, Denkgeboten dagegen einzuschreiten.

Und in Deutschland? Existiert das PC-Syndrom auch in Deutschland? Haben wir nicht die freieste Gesellschaft, die es je gab und in der jeder denken und sagen kann, was ihm beliebt, jedenfalls solange er mit beiden Beinen auf dem Boden des Grundgesetzes steht?

Anders als in Amerika händigt hierzulande keine Hochschule den Studienanfängern Kataloge unerwünschter Meinungen und Haltungen und die dazugehörige verbindliche Sprachregelung aus. Nirgends ist hierzulande kodifiziert, was „politisch korrektes“ Denken ist (angesichts des moralischen Furors, der das PC-Denken befeuert, möchte ich es mit „politisch rechtschaffend“ übersetzen). Daß es dergleichen überhaupt gibt, läßt sich darum auch nicht schwarz auf weiß beweisen; jeder darf es für pure Einbildung halten. Nach fast zwanzig Jahren persönlicher Erfahrung – als einschlägig Vorbestrafter sozusagen – möchte ich demgegenüber behaupten: Es existiert.

Es existiert, auch wenn es sich in anderen Formen äußert, leiser, indirekt, folgenloser, und auch wenn sich seine Inhalte nicht ganz mit den amerikanischen decken. In Amerika ist es aus den Emanzipationsbewegungen einiger benachteiligter Minoritäten hervorgegangen: Schwarze, Hispanos, Homosexuelle; halb und halb zählt zu ihnen auch die Majorität, die Frauen. Obwohl beileibe nicht auf die Universitäten beschränkt, war es zunächst deren akademische Konsequenz und hat besonders in den Geistes- und Sozialwissenschaften Berufungspolitik und Lehrpläne umgewälzt.

Nun ist es eine Sache, für eine stärkere Vertretung von Schwarzen, Latinos und Frauen unter den Lehrenden und Studenten, eine stärkere Berücksichtigung von nicht-weißen Kulturen in den Lehrplänen des allgemeinen Grundstudiums einzutreten. Daß beides fällig, überfällig war, darüber besteht ein weiter Konsens.

Eine ganz andere Sache aber ist es, die gesamte westliche Kultur als bloßen Ausdruck weißer männlicher heterosexueller Machtinteressen zu verstehen, geschaffen, um Angehörige anderer Rassen, Ethnien, des anderen Geschlechts und anderer Geschlechtsorientierung zu diskriminieren – und daraus zu folgern, die Rolle der Wissenschaft könne heute nur noch darin bestehen, diesen ihren inhärent rassistischen und sexistischen Charakter zu entlarven, um sie zu überwinden.