Das ist eine radikale ideologische Folgerung, die nicht auf allgemeine Zustimmung hoffen kann, allein schon darum, weil sie die Wissenschaft auf den Kopf stellt: ganz für den politischen Kampf instrumentalisiert und zu diesem Zweck von ihrer Objektivitätspflicht entbindet. Wo es aber nicht um Wahrheit geht, sondern nur noch um den Konkurrenzkampf notwendig rassistisch und sexistisch voreingenommener Meinungen, muß alle herkömmliche Wissenschaft abdanken.

Auf jeden Fall hat sich einerseits die Sensibilität für rassistische und sexistische Denkfiguren geschärft; andererseits ist aber auch, in einer Art tugendsamer Überschußreaktion, eine neue Intoleranz mit neuen Wahrnehmungs- und Denkverboten entstanden. Tabu ist scheinbar (und wer könnte etwas dagegen haben?) nur die Propagierung von Rassismus und Sexismus. Aber wie das Tabu durchgesetzt wird, hat inquisitorische Züge. Es zählt nicht, ob etwas (subjektiv) rassistisch oder sexistisch gemeint war, auch nicht, ob es (objektiv) Rassismus und Sexismus befördert, und schon gar nicht, ob es richtig oder falsch ist – es genügt, daß ein Angehöriger einer Minorität (oder jemand, der in ihrem Namen zu sprechen vorgibt) sich rassistisch oder sexistisch beleidigt glaubt.

Praktisch heißt das, daß oft die Empörung militanter Aktivisten im Verein mit dem schlechten Gewissen des liberalen Establishments bestimmt, was sein darf und was nicht. Ein schwarzer Studentenfunktionär, der erklärt hatte, er hasse die "dreckigen Juden", wurde in einer College-Zeitschrift "bigott" genannt; aus dieser Lappalie wurde eine Affäre, die damit endete, daß der Zeitschrift die Mittel entzogen wurden. Wer einer jener geschützten Minoritäten angehört, darf eben nicht beleidigt werden, auch nicht durch die Wahrheit (daß er ein rassistischer Antirassist sei) und selbst dann nicht, wenn er andere beleidigt und sich selber gar nicht beleidigt fühlen sollte – andere nehmen es ihm professionell ab.

Das erzeugt jenes Klima, welches der Soziologe David Riesman von der Harvard-Universität so beschrieb: "Was wir heute an den Universitäten haben, ist eine Art liberale Borniertheit, ein Plattmach-Impuls; jeder hat sich gefälligst an die sogenannten tugendhaften Positionen zu halten."

Davon könne in Deutschland keine Rede sein? Mit dem bloßen, keinerlei Legitimationspflicht unterworfenen Vorwurf, es komme einem rassistisch oder sexistisch vor, ist auch hier jedes Argument abzuwürgen. An den Universitäten, besonders in den Sozialwissenschaften, wird manche Frage auch hier besser nicht gestellt, jedenfalls dann, wenn nicht die Gewähr besteht, daß die Antwort im Sinne der PC ausfällt.

Sie speist sich in Deutschland natürlich nicht aus den Emanzipationskämpfen ethnischer Bevölkerungsgruppen, sondern übernimmt das diffuse Erbe der lange meinungsbeherrschenden Linken mit ihren frustrierten sozialistischen Hoffnungen, von denen heute nur noch die Erinnerung an einen warmen Schimmer übrig ist (die "Utopie"), angereichert mit Elementen aus allem, was die Kritikbewegung der sechziger Jahre seither absorbiert hat, von der Ökologie bis zur Esoterik.

Wer bezweifelt, daß es eine solche Melange als bestimmendes Element der öffentlichen Meinung gibt, stelle sich nur vor, wie eine Diskussionsveranstaltung über eins der "empfindlichen" Themen in einem beliebigen Audimax oder auf einem evangelischen Kirchentag heute verliefe; ob das Publikum wirklich jeden "alles" sagen ließe; ob wirklich nur Naziparolen tabu wären.