Von Peer Gatter

Die auf dem Dach festgezurrten Schweine quieken vor Angst, als das völlig überladene Buschtaxi ins letzte Schlagloch vor Para donnert. Roter Staub wirbelt durch die Luft und legt sich in einer dicken Schicht auf Zweige und Blätter links und rechts der schmalen Lateritpiste. Vergeblich suche ich das Dorf auf meiner Karte, „immergrüner Regenwald“ deutet die Legende das olivgrüne Raster. Von einer Siedlung keine Spur.

Früh am Morgen waren wir in Tai, einem kleinen Nest am Cavally, dem Grenzfluß zu Liberia, gestartet und hatten nach drei Stunden Fahrt schon ganze fünfzig Kilometer zurückgelegt. Auf der überdachten Pritsche des Buschtaxis, eines alten Toyota-Pickups, drängen sich 21 Menschen, darunter vier Säuglinge, die bewundernswerterweise trotz der endlosen Rüttelei irgendwie Schlaf gefunden haben. Von außen klammern sich unsere beiden Bordstewards an das die Ladefläche überspannende Metallgestänge. Beständig um Halt ringend, warten sie aufs nächste Schlagloch. Sie sind die kleinen Brüder des Fahrers und im Familienunternehmen Buschtaxi verantwortlich für Kasse und Gepäck.

Auf dem Dorfplatz von Para, einer öden und baumlosen Lehmhaus-Straßensiedlung, kommt der Pickup unter ohrenbetäubendem Hupen zum Stehen. Eine der Frauen des Fahrers wohne hier, heißt es, und dieser sei gleich zurück.

Stunden später rattert unser Kleinlaster durchschnittlich dreißig Kilometer schnell weiter auf der Wellblechpiste nach Süden. Maniokknollen stapeln sich um meine Füße, dazwischen gackert aufgeregt ein gefesseltes Huhn. In bunte Tücher gehüllte und unablässig plappernde mummies säugen ihre regungslosen Kinder. Ein unbeschreiblicher Geruch von Zuckerrohrschnaps und geräuchertem Fleisch erfüllt das Gefährt. Mein Sitznachbar Nimaga Baugali, Polizeikommandant von Grabo, läßt zufrieden eine große tote Ratte in seine Tasche gleiten. Das Abendessen, auf Paras Markt erstanden, wie er sagt, zu einem guten Preis.

Das Straßennetz der Elfenbeinküste gehört zu den bestausgebauten Schwarzafrikas, die Piste nach Tabou, am Golf von Guinea, im äußersten Südwesten des Landes, ist eine der wenigen unbefestigten Hauptverbindungsstrecken. Der Fahrzeugverschleiß auf dieser Route ist entsprechend hoch. Unaufhörlich quillt roter Staub durch Risse im Chassis, dringt in Kleider, Augen und Gepäck. Und wenn die großen Holztransporter, die die letzten Mahagoniriesen aus den Wäldern holen, uns in ihre Wolken hüllen, verfinstert sich minutenlang die Sonne.

Am Horizont steigen die Rauchsäulen der Rodungsfeuer in den afrikanischen Himmel. Sie werden auf dem Höhepunkt der Trockenzeit entfacht. Der Regenwald, den Landkarten noch als zusammenhängende Fläche zeigen, ist längst zerlöchert wie ein Schweizer Käse. Riesige Plantagen sind entlang der Straßen entstanden, es wachsen Ölpalmen und Ananas, Kaffee und Hevea, der brasilianische Gummibaum. Vereinzelt haben schnellwüchsige Baumarten verlassenes Farmland zurückerobert, doch auch diese Wälder werden bald dem wachsenden Mangel an landwirtschaftlich nutzbarer Fläche zum Opfer fallen. Unberührt. sind meist nur noch die schwer zugänglichen Bergregionen und die aus Furcht vor Geistern gemiedenen montagnes sacrées, die heiligen Berge. Der Fortschritt aber läßt auch diese letzten Inseln immer kleiner werden.

Farbenprächtige Erdbeerbaumfalter und Schwalbenschwänze huschen zu Hunderten über die Piste, saugen Feuchtigkeit und Mineralien aus Schlammlöchern und Tierkot. Am Straßenrand liegen verbeulte Taxis, ausgeschlachtet, verrostet und völlig überwachsen.

Wir halten vor jeder Hütte, und nach wilder Huperei läuft das ganze Dorf zusammen. Bananen und getrocknetes Affenfleisch werden feilgeboten, kühles Wasser, abgepackt in kleine Plastikbeutel, wird verkauft. Neuigkeiten werden ausgetauscht, Gepäckstücke aufs Dach gehoben oder heruntergeworfen.

In diesem abgelegenen Landesteil ist das Buschtaxi einziges Transportmittel. Privatautos gibt es nicht. Bestenfalls besitzt man ein Mofa oder Fahrrad, das aber ist dann schon Wohlstand. Den horrenden Fahrpreis der Taxis können sich nur wenige leisten, die Strecke Taï-Tabou, knappe 200 Kilometer, kostet einen Wochenlohn. Doch wer hat schon ein regelmäßiges Einkommen in einem Staat, dessen Landbevölkerung von der Selbstversorgung lebt.

Die Ladung ist inzwischen doppelt so hoch wie das Fahrzeug – Routine für Califa Fana, unseren Fahrer. Ungeachtet aller Schlaglöcher und tiefen Pfützen voller rotem Schlamm, rast er in die Senken, um Anlauf zu nehmen für den Gegenhang. Wieder und wieder zweifle ich, ob wir es auch diesmal schaffen. Schon wird die schnaubende Blechkiste immer langsamer und kommt auf der Anhöhe fast völlig zum Stillstand. Geschafft! „Allahu akbar“, stößt Califa hervor und gibt wieder Gas, „Gott ist groß.“

Plötzlich bricht unter Califas Füßen das Bremspedal durchs rostige Bodenblech ins Leere. „Aus“, denke ich, „Ende der Fahrt.“ Doch Califa teilt uns unbeeindruckt mit: „Fünfminutenpanne“, und robbt auch schon auf seinem abgewetzten Gebetsteppich unter den Wagen. Nach wenigen Minuten ist der Schaden behoben – mit einer aufgeschlitzten Cola-Dose und einem Stückchen Schnur.

Wie keine andere Religion breitet sich der Islam in Westafrika aus. Im Gegensatz zum Missionschristentum toleriert er Stammestradition und -religion, solange über alledem nur Allah steht. Waren es in früheren Jahrhunderten Händler aus Nordafrika, die den Islam nach Süden brachten, so sind es heute Wanderarbeiter aus dem Sahel. Not und Hoffnungslosigkeit treiben sie ins verheißungsvolle Wirtschaftswunderland Westafrikas, die Elfenbeinküste. Unter der Wolkenkratzersilhouette der glitzernden Küstenmetropole Abidjan irren, entwurzelt durch Düne und Verfolgung, die einst so stolzen Tuaregs durch großzügig angelegte Boulevards – als weiße Bettler in einem schwarzen Land.

Im kleinen Stil sind es aber auch heute wieder islamische Händler, die entlang der Lateritpisten bis in die entlegensten Dörfer vordringen: hellhäutige Mauretanier, gerissene Geschäftemacher mit majestätischen Gesichtszügen und befristeter Aufenthaltsgenehmigung. Sie errichten Moscheen und stärken schon vorhandene islamische Gemeinden. Dabei vermischen sich häufig religiöse Bekenntnisse. Und so baumeln an vielen Hälsen der frommen Muslime Fetische vom Dorfpriester oder Medizinmann, zum Schutz vor Krankheiten und bösen Geistern. Derartige Protektionen kann man, so Califas Meinung, gar nicht genug besitzen: „Je mehr du davon hast“, erklärt er ebenso einfach wie einleuchtend, „desto weniger kann dir zustoßen.“

Am Nachmittag erreichen wir dann Neka, und wie ich erfahre, endet hier unsere Fahrt. Zuwenig Passagiere für die Weiterfahrt nach Tabou sind der Grund. Und für unseren Fahrer, der auch hier verheiratet ist, liegt nichts näher als zu bleiben. Morgen, sagt Califa, morgen fahre er weiter – zurück nach Taï. „Die Strecke nach Tabou, die war noch nie rentabel“, die Einnahmen decken die Kosten nicht. Er nickt mir noch freundlich zu und reicht mir meinen Rucksack.

Am Straßenrand wird eine grob gezimmerte Bank für mich aufgestellt, und kurze Zeit später stellt sich Al Hadj Muinah Gramo vor, Chef des Taxisyndikats von Neka. Er diktiert hier die Preise, und seiner Freundschaft müssen sich die meist ohne Gewerbeschein tätigen Taxifahrer von Zeit zu Zeit versichern. Mit Barem, versteht sich.

„Manchmal“, macht mir Muinah Gramo Mut, „da kommen sogar zwei Autos am Tag.“ Voller Solidarität hat er seine buntgefärbte Bastmatte neben mir im roten Staub ausgebreitet und sich zum Nickerchen an den Straßenrand gelegt. So, bekennt er jammernd, pflege er die Härte des afrikanischen Fastentages im Monat Ramadan zu dämpfen. „Irgendwann heute kommt bestimmt ein camion. Nach dem Abendgebet. In scha’allah, so Gott es will, oder vielleicht morgen.“ Dann ist er auch schon weggedämmert.

Mitteleuropäischer Sinn für Zeit stößt hier auf Unverständnis und Verwunderung. Fragen nach dem „wie weit“ und „wie lange“ sind nicht üblich, und werden sie doch gestellt, mit einem hilfsbereiten „das ist nicht weit weg“ oder „das dauert ein bißchen länger“ beantwortet. Genau weiß es niemand, und ohnehin ist das auch gar nicht wichtig.

Seit Stunden schon sitze ich auf meiner Bank. Die Hitze hat alles zum Erliegen gebracht. Mitten auf der Fahrbahn liegen in Palmbutter gekochte Termiten zum Trocknen in der Sonne. Gleich daneben wartet ein geduldiger Kleinunternehmer auf Kundschaft – literweise verkauft er Benzin aus Weinflaschen. Bei jedem Motorengeräusch schrecke ich hoch und starre hoffnungsvoll die Piste entlang. Doch meist ertönt aus der Staubwolke die heisere Hupe eines Mofas. An der Lenkstange festgebunden flattert die Handelsware – Hühner.

Kaum hat das Abendgebet in der Lehm-Moschee angefangen, ist es auch schon vorüber. Kurz nach Sonnenuntergang rennt alles los oder schwingt sich auf Mofas und Fahrräder. Nach einem langen Fastentag erwacht Neka zum Leben, überall wird gefeiert, gegessen, und irgendwo zwischen den Imbißbretterbuden knattert Radio Ivoire die Schlager von Alpha Blondy.

Dann ist auch Califa unvermutet wieder da, erkundigt sich artig, ob ein Auto gekommen sei. Als ich verneine, gibt er zu verstehen, daß er vielleicht doch bis Tabou fahren könnte – für einen kleinen Aufpreis. „Wieviel?“ frage ich argwöhnisch, und umständlich nennt er seinen Preis: Der entspricht drei ivorianischen Monatsgehältern. Ich lache müde – dann doch lieber morgen. „Wir werden reden!“ sagt Califa, und nach einem zähen Handel bin ich zum Taxiunternehmer avanciert: Ich bezahle das Benzin und chartere das gesamte Taxi, ein eventueller Gewinn aus dem holprigen Unterfangen geht an mich.

Er hupt und brüllt den Zielort durch die Nacht, ein Abschied von seiner Frau scheint überflüssig. Bald trennen sich Schatten von den runden Hütten, mit großen Bündeln, Kanistern und Geflügel. Nach einigen mißglückten Zündversuchen hat uns die Piste wieder. Califa fährt mit durchgetretenem Gaspedal, wir kommen zügig voran. „Warum auch halten in jedem Dorf“, mag er wohl denken, sich um Fahrgäste mühen, die doch nur ständig um die Bezahlung feilschen – er hat sein Geschäft für heute ja gemacht.

Plötzlich glitzert am Horizont hinter dem Licht der wenigen Glühbirnen des Provinzhauptstädtchens Tabou der Atlantik. Die Rüttelei hat mit einem Mal ein Ende, mir ist, als hätten wir abgehoben und glitten schwerelos durch den Raum. „Le goudron“, frohlockt Califa – wir haben die Teerstraße erreicht.