Von Marion Gräfin Dönhoff

Es ist immer ein Risiko für das Nobelpreis-Komitee, den Friedenspreis zu vergeben, ehe der Friedensprozeß abgeschlossen ist. Aber, so muß man fragen, ist denn so ein Prozeß je definitiv abgeschlossen?

Daß Präsident de Klerk und Nelson Mandela den diesjährigen Nobelpreis gemeinsam bekommen haben, weil sie Versöhnung über Ranküne stellten und Verhandlungen für wirksamer halten als Gewalt, das ist Grund zur Freude und Genugtuung. Selbst wenn es zweifellos noch häufig Rückschläge geben wird, eine schwarz-weiße "Freiheitsallianz" sich gerade als Opposition formiert, die eigentlichen Schwierigkeiten wohl auch erst mit der Postapartheid kommen – die bisherigen Leistungen dieser beiden Männer sind absolut einzigartig.

Beide Partner brauchten für die Verhandlungen Phantasie, Mut, Geduld und unbeirrbare Ausdauer; beide müssen auch in Zukunft großzügig und souverän sein, aber gleichzeitig hart und beharrlich, um den Konsens, der bisher erreicht wurde, weiterhin durchzuhalten. Was für ein Wunder, daß in so revolutionärer Zeit solche Führer zur Stelle sind.

Als de Klerk 1989 zum Präsidenten gewählt wurde, saß Mandela seit 26 Jahren im Gefängnis, der African National Congress (ANC) und alle wichtigen Organisationen der Schwarzen waren verboten. Über 200 000 Schwarze wurden jedes Jahr für mindestens zwei Wochen verhaftet, weil sie irgendeines der vielen hundert Apartheid-Gesetze übertreten hatten. Schwarze besaßen kein Wohnrecht in weißem Gebiet; selbst Bischof Desmond Tutu mußte zur Nacht stets zurück ins Ghetto nach Soweto.

Schon 1990, also nach einem Jahr, begann der Präsident entschlossen zu handeln: Er verfügte die Entlassung Mandelas aus der Haft, hob das Verbot des ANC und der schwarzen Organisationen auf und leitete das Ende der Apartheid ein – nachdem er zuvor klugerweise die übergroße Macht von Armee und Polizei beschränkt hatte.

Gleichermaßen unerwartet entwickelte sich die Lage auf der Seite der Schwarzen: Mandela – ein großer Herr, wie sich herausstellt – hat nach 27 Jahren Gefängnis auf der berüchtigten Insel Robben Island die politische Bühne Südafrikas ohne jedes Ressentiment betreten. Er war sofort bereit, mit de Klerk ohne Vorbehalt Verhandlungen zu führen. Bisher ist es ihm sogar gelungen, die radikalen Schwarzen einigermaßen unter Kontrolle zu halten, auch wenn er nicht verhindern kann, daß sich Schwarze tagtäglich gegenseitig töten. Auch de Klerk hat seine zornigen Extremisten: Wenn die Mitte zusammenrückt, werden die Ränder eben um so radikaler.