Von Hans Harald Bräutigam und Kuno Kruse

Der Bundesgesundheitsminister hat gewarnt – und die Deutschen gründlich verschreckt: 71 Prozent der Bevölkerung fürchten sich nun vor Aids aus dem Transfusionsbeutel, stellte das Wickert-Institut bei einer Umfrage fest. Schuld an der Infektionsgefahr, so glauben 61 Prozent, seien die Behörden.

Kein Wunder. Denn Beamte wurden suspendiert, Staatsanwälte ermitteln, das Berliner Bundesgesundheitsamt (BGA) wird aufgelöst, und ein Parlamentarischer Untersuchungsausschuß soll nun aufdecken, wer für die Infektion von mehr als 1840 Blutern und 460 Transfusionsempfängern mit dem Aids-Virus verantwortlich ist. Grund genug, die verwirrenden Informationen zu sichten.

Das Ergebnis läßt sich in vier Punkten zusammenfassen:

1. Der Gesundheitsminister hat zweimal voreilig die Flucht in die Öffentlichkeit angetreten und Fehlalarm ausgelöst.

2. Diese ministeriellen Fehlleistungen wurden überdeckt durch eine positive Grundstimmung in den Medien, daß endlich über eine bessere Entschädigung der ahnungslos HIV-Infizierten diskutiert und im BGA „aufgeräumt“ wird.

3. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, fanden die meisten der rund 2300 ärztlich verursachten Infektionen vor dem Oktober 1985 statt, als es noch keinen zuverlässigen Aids-Test gab.

4. Ein Untersuchungsausschuß soll eventuelle Versäumnisse aufklären. Dabei wird die damalige Unsicherheit in der Einschätzung der Aids-Gefahren zu berücksichtigen sein.

Den Anstoß zum neuen „Aids-Skandal“ gab Minister Horst Seehofer mit seiner laut geäußerten Sorge, 373 Aids-Infektionen durch Blutprodukte seien vom Bundesgesundheitsamt verschlampt worden. Dieser Vorwurf hat sich rasch als unbegründet erwiesen. Dennoch blieb der Minister bei seinem Entschluß, den Präsidenten des BGA zu feuern und das Amt aufzulösen.

Der falsche Verdacht war kaum aufgeklärt, da preschte Seehofer am Dienstag vergangener Woche erneut mit einem „Skandal“ an die Öffentlichkeit. Was war der Anlaß?

Es ging um eine aidsverseuchte Arzneilieferung der Firma Biotest. Das Medikament namens PPSB wird aus Blutplasma gewonnen, jener Flüssigkeit, die nach Abtrennung aller Blutkörperchen zurückbleibt. Das Plasma enthält mehrere Eiweißstoffe, die für die Blutgerinnung wichtig sind. Einige dieser Stoffe bilden das PPSB. Dieses Medikament wird manchen Blutern injiziert und liegt in jeder Krankenhausapotheke, um starke Blutungen nach Unfällen, Operationen oder Geburten zu stillen. Durch die verseuchte Lieferung mit der Chargennummer 16010 89 von Biotest wurden elf Menschen infiziert. Das chemische Sterilisationsverfahren hatte versagt. Das war 1990.

Damals wurde dieses Sterilisationsverfahren vom BGA verboten, und aufbewahrte Muster von noch älteren Lieferungen wurden zur Prüfung an Labors gegeben. An der Universität Erlangen entdeckte Gerhard Jahn in einer dieser Chargen ebenfalls Aids-Viren. Sie stammte aus dem Jahr 1984, mit einem Verfallsdatum von 1986. Diesen alten Fund steckte Gerhard Jahn über einen Schulfreund dem Minister als seine sensationelle Entdeckung. Der zuständige Beamte am BGA konnte sich an die alte infizierte Charge nicht erinnern und wurde prompt suspendiert.

Trotz dieses zweiten Fehlalarms geht seither wieder die Furcht vor Aids um, geschürt von ständig neuen „Enthüllungen“. Dabei enthält lediglich etwa eine von einer Million Blutkonserven unter einer Million Aids-Viren. Zum Vergleich: Das Risiko einer HIV-Infektion bei einer Operation ist wesentlich geringer als jenes, unter der Narkose zu sterben.

Aber warum gibt es trotz aller Tests auch heute noch verseuchtes Blut bei Transfusionen? Der Grund ist banal: Die Tests weisen nicht direkt die Viren nach, sondern „Waffen“ des menschlichen Körpers gegen die tödlichen Keime, sogenannte Antikörper. Die Antikörper gegen Aids-Erreger bilden sich erst Wochen nach der Infektion.

Spendet jemand in dieser kritischen Phase Blut, dann versagt der Test, und die tödlichen Viren gelangen unerkannt in die Konserve. Zwei Methoden bieten sich an, um dieser Gefahr vorzubeugen. So fordert das Bundesgesundheitsamt eine mehrwöchige Quarantänelagerung von Plasma, bis der Spender erneut zur Ader gelassen wird. Zeigt der Antikörpertest wieder nichts an, dann darf ruhigen Gewissens die vorhergehende Spende als sauber freigegeben werden. Die Zwischenlagerung ist aufwendig und führt zu erheblichen Verlusten – denn viele Spender tauchen nicht regelmäßig genug zum nächsten Termin wieder auf. Ein neuer, gentechnischer Aids-Test macht solche Probleme weitgehend überflüssig. Mit ihm lassen sich die Aids-Viren direkt nachweisen, und zwar bereits wenige Tage nach der Infektion. Mittlerweile werden auch bestimmte Blutgerinnungsfaktoren (Faktor VIII) gentechnisch hergestellt – garantiert aidsfrei. Noch allerdings sind diese Produkte relativ teuer. Und absolute Sicherheit bringen auch sie nicht.

Mit neuentdeckten Infektionen durch ärztliche Behandlung ist auch künftig weiter zu rechnen. Ein großer Teil davon dürfte jedoch auf die späten siebziger und frühen achtziger Jahre zurückgehen, bevor Blutpräparate zuverlässig sterilisiert wurden. Niemand weiß bisher genau, wie viele Patienten in deutschen Krankenhäusern durch Blut und Blutprodukte infiziert wurden und bis heute mit dem Virus leben. Epidemiologen schätzen die Zahl auf maximal einige hundert Infizierte.

Heute gelten Gerinnungsspräparate als sicher. Die Maßnahme, sie generell zu sterilisieren, geht zurück auf eine unheilvolle Zeit, die demnächst den Untersuchungsausschuß beschäftigen wird. Mehr als 1800 Bluter wurden in der ersten Hälfte der achtziger Jahre mit dem Aids-Virus infiziert. Seehofer verspricht ihnen nun eine monatliche Soforthilfe von 1500 Mark, die Länder haben bereits eingewilligt. Doch die Bluter wollen keine Almosen, sie wollen eine Entschädigung und Schmerzensgeld. Der Vorstand der Deutschen Hämophiliegesellschaft hat nun Rechtsanwälte als Patientenvertretung herangezogen. Es geht um die Frage der Staatshaftung. Das Bundesgesundheitsamt, so der Rechtswissenschaftler Gert Brüggemann, hat als Aufsichtsbehörde eine Schutzpflicht gegenüber den Arzneimittelkonsumenten. Der Staat haftet jedoch nur, wenn den Beamten ein schuldhaftes Fehlverhalten vorgeworfen werden kann. Deshalb wird die Bluteraffäre wieder aufgerollt.

Die erste Aids-Warnung erschien als „Schnellinformation“ an die Ärzte im Bundesgesundheitsblatt, einer Art Generalanzeiger des Berliner Amts. Es war der 12. Dezember 1982. Aids, die mysteriöse Immunschwäche, an der in Amerika vor allem Homosexuelle und Haitianer erkrankt waren, könne durch einen unbekannten Krankheitserreger verursacht sein, der „auf ähnlichem Wege übertragen wird wie Hepatitis B, also durch Blut und Blutprodukte“. Im Sommer waren drei Bluter erkrankt, die gleiche Symptome einer Immunschwäche zeigten wie Homosexuelle, Drogenabhängige und Haitianer. Das Deutsche Ärzteblatt druckte die Warnung der Berliner Virologen, das Bundesgesundheitsamt legte weitere Informationen nach. Merkblätter an Ärzte wurden verschickt. Im September 1983 forderte das BGA in einer Pressemitteilung, Risikogruppen vom Blutspenden auszuschließen und Blutimporte zu vermeiden. Am 14. November 1983 lud das BGA zu einer öffentlichen Beratung und leitete damit ein nach dem Arzneimittelgesetz vorgeschriebenes „Stufenplanverfahren“ ein. Das Medikament hieß Faktor VIII, das Nebenwirkungsrisiko Aids. Die erste Stufe: Anhörung der Experten.

Zurück lag ein Jahr der Turbulenzen. Frankfurter und Berliner Ärzte hatten Verdachtsfälle unter Blutern gemeldet, in einem Aids-Beirat unterstützten Fachärzte für Infektionskrankheiten die Warnung vor Blutproben. In Blutzentren wurden Spender an den Lymphknoten nach Aids-Symptomen abgetastet. Pharmamanager hatten mit ihren Partnerunternehmen in den USA über Risiken ihrer Produkte konferiert, der Europarat verlangte, Blutimporte aus Ländern mit hohem Aids-Risiko zu verhindern und Patienten aufzuklären.

Nun sollte an diesem Novembertag die Vorentscheidung fallen. Erhärtete sich der Verdacht eines Aids-Risikos durch Blutpräparate, dann könnte nur noch die Unersetzbarkeit der lebenswichtigen Medikamente ein Verbot verhindern. Pharmamanager, Bluterärzte, Immunologen, Virologen, Vertreter des Roten Kreuzes und von Patienten waren eingeflogen.

Auf dem Spiel stand eine erfolgreiche Blutertherapie. Seit den siebziger Jahren war es möglich, jene Eiweiße aus Spenderblut zu gewinnen, die den Hämophilen fehlten. Sie ermöglichten den Blutern ein normales Leben. Doch die Gewinnung der lebensrettenden Gerinnungsfaktoren ist aufwendig. Von rund zehn Millionen Liter Blut, die weltweit gesammelt werden, fließt die Hälfte in die Produktion von Hämophiliepräparaten. Größter Abnehmer weltweit war und ist die Bundesrepublik. Hier wird soviel verbraucht wie in allen anderen Ländern Europas zusammen. Denn nirgendwo wird so hoch dosiert, um den Patienten eine hohe Lebensqualität zu sichern, so daß sie sogar in bescheidenem Umfang Sport treiben können.

Über 100 000 Mark kostet die Behandlung eines Bluters im Jahr, in schweren Einzelfällen sogar mehrere Millionen. Vor allem im Zentrum für Hämophiliepatienten an der Bonner Universitätsklinik wurden mit Gerinnungspräparaten wahre Wunder vollbracht. Bluter, die früher oft nicht das dreißigste Lebensjahr erreichten, durch Gelenkblutungen verkrüppelten oder unstillbare Wunden hilflos mit Mullbinden pflasterten, konnten endlich normal leben. Das alles sollte jetzt vorbei sein wegen eines Virus, das keiner gesehen hatte?

Ärzte, Pharmaunternehmen und Patientenvertreter bildeten eine Phalanx und setzten sich ein für eine unveränderte Therapie mit Blutprodukten. Aids werde nicht durch ein „infektiöses Agens“, also ein Virus, ausgelöst, meinte der wissenschaftliche Direktor des Plasmaunternehmens Immuno, Johann Eibel. Erst weitere Faktoren führten zur Aids-Erkrankung, bestätigte ein Repräsentant des Schweizer Roten Kreuzes. Diesen Ansichten schloß sich der BGA-Blutfachmann Wilhelm Weise an. Nur ein Zehntel der Infizierten, so glaubten sie, würde erkranken. Eine solche Gefährdung mußte den Blutern für den Erhalt von Leben und Lebensqualität als tragbar erscheinen. „Wir wollen das Risiko tragen“, erklärte ein Bluter einer circa 300 Mitglieder starken Patientenorganisation aus Marl. Nach langer Diskussion wurden Importbeschränkungen für Plasma abgelehnt. Denn nur fünf Prozent der Bluterpräparate hätten von den deutschen Spenden abgezweigt werden können. Etwa 2000 Bluter, so warnten die Ärzte, würden dann innerhalb eines Jahres sterben.

Hitzesterilisationen der Präparate blieben umstritten. Man befürchtete, dies werde zu unerwünschten Nebenwirkungen bei den Patienten und zu Unterversorgung führen, weil beim Erhitzen ein erheblicher Teil der Gerinnungsfaktoren zerstört wird. Und niemand konnte beweisen, daß die Sterilisationsverfahren den unbekannten Aids-Erreger abtöten würden. Ein Hepatitis-Test, um Risikospender zu erkennen (die meisten Aids-Patienten hatten auch eine Hepatitis durchgemacht), wurde zurückgewiesen. Vor allem das Rote Kreuz fürchtete Verluste im Blutgeschäft. Am Ende der Sitzung hielt BGA-Präsident Karl Überla fest: Rückruf und Importbeschränkungen kommen nicht in Frage. Weitere Entscheidungen sollten im März 1984 fallen.

Am 8. Juni 1984 teilte das Amt endlich mit: Das Aids-Risiko muß auf dem Beipackzettel stehen, Risikoträger sind von der Blutspende auszuschließen, ein Hepatitis-Test ist obligatorisch. Ein Aufschrei ging durch die Branche. Pharmaunternehmen, Rote-Kreuz-Verbände und die Landesregierung in Saarbrücken legten gegen die Entscheidung des BGA Widerspruch ein. Der Landesverband Nordrhein-Westfalen des Roten Kreuzes mit seinem Blutspendezentrum in Hagen strengte sogar eine Dienstaufsichtsbeschwerde an wegen des „Verdachts auf ungesetzliche Amtsführung und gemeingefährlicher Eingriffe ... in die gesundheitliche Versorgung der Bevölkerung“.

Anfang 1984 hatten der Franzose Luc Montagnier und der Amerikaner Robert Gallo ein Retrovirus als Aids-Auslöser entdeckt. Amerikanische Firmen wurden mit der Entwicklung von Tests beauftragt. Im Herbst stellte die Aids-Arbeitsgruppe des BGA mit einem selbst entwickelten Test bei 41 Blutern fest, daß mehr als die Hälfte von ihnen Virusträger waren – das erschien vielen als unglaublich. Noch kurz vor Weihnachten 1984 verwiesen in einer Anzeige führende deutsche Bluterärzte einen Zusammenhang zwischen dem entdeckten Virus und Aids ins Reich der Fabel. Ulrich Marcus, Mediziner am BGA, erinnert sich noch an die Anrufe verunsicherter Patienten. „Da standen wir gegen die großen Koryphäen und hatten nur die Amtsmeinung hinter uns.“

Im Frühjahr 1985 stand endlich ein kommerzieller Aids-Test in Aussicht. Doch die Zulassung dieses Tests durch die US-Arzneimittelbehörde verzögerte sich, und das BGA wartete mit einer bindenden Vorschrift. Ab Oktober 1985 schließlich durften Präparate aus ungetestetem Material von Herstellern, Apotheken und Krankenhäusern nicht mehr verkauft werden. Eine Rückrufaktion alter Medikamente bei Ärzten wurde allerdings versäumt. Nach dem Gesetz war dies Ländersache, heißt es im BGA.

Bei der komplizierten Rechts- und Interessenlage dürfte es schwerfallen, einen oder mehrere Schuldige für die Infektionen der Bluter und Transfusionsempfänger vor dem Oktober 1985 haftbar zu machen. Mit jahrelangen Prozessen wäre zu rechnen. Deshalb sollte eine Solidargemeinschaft aus Staat, Krankenkassen, Versicherungen und Pharmaunternehmen möglichst rasch und unbürokratisch für eine angemessene Entschädigung der Opfer sorgen.