Es begab sich aber in jener "düsteren Zeit" (Volksmund), da der Führer rief und ihm alle, alle Deutschen folgten, daß auch die österreichische Schriftstellerin Gertrud Fussenegger diesen Ruf vernahm. Gehorsam trat sie gleich im Jahr 1933 ein in die Partei des völkischen Aufbruchs (NSDAP). Fünf Jahre später, da hatten ihre deutschen Parteifreunde längst den österreichischen Bundeskanzler Engelbert Dollfuß gefoltert und anschließend ermordet, mutierte die österreichische Schriftstellerin Gertrud Fussenegger zur "Stimme der Ostmark" und begrüßte den heimkehrenden Sohn und Führer samt einem "freudeweinenden Volk", das entschlossen war, wie das seinerzeit schöner Brauch, "sich selbst als Gabe zu bringen / gewillt zu größtem Bekenntnis".

Weitere drei Jahre später durfte die österreichische Schriftstellerin Gertrud Fussenegger, die inzwischen zur großdeutschen aufgestiegen war, ordentlich bekennen und dafür das schöne Böhmen bereisen (ebenfalls großdeutsch geworden). In Prag allerdings fühlte sie sich nicht besonders wohl; ganz gruslig ward’s ihr auf dem alten Judenfriedhof (vgl. ZEIT Nr. 45/92): "Wir finden uns in einen wüsten Irrgarten versetzt, in ein finsteres und häßliches Labyrinth unzähliger übereinandergetürmter Leichensteine, die in regellosen Massen, schief und gerade, aufrecht und umgestürzt, wie es eben kommt, den schwarzen unbegrünten Grund gleich einer Drachensaat besetzen."

Aber auch die düsterste Zeit geht einmal zu Ende (oder sagt so ähnlich Herr Volksmund), und die großdeutsche Schriftstellerin Gertrud Fussenegger wurde wieder Österreicherin. Keiner erwartete mehr Ergebenheitsadressen oder landschaftsgärtnerische Gutachten von ihr. Gertrud Fussenegger tat das, was sie am besten konnte, schrieb, was sie immer geschrieben hatte, harmlose oder allenfalls katholische Aufbauliteratur. Einen Feldwaldwiesenblumenstrauß nach dem andern wand sie ihren zahlreichen Lesern, nannte das Gebinde einmal "In Deine Hand gegeben", ein andermal "Das verschüttete Antlitz". Gertrud Fussenegger erfreute sich allgemeiner Beliebtheit und kritischen Desinteresses, tat sie doch niemandem etwas zuleide, den Käfern nicht oder den Rehlein, der Hl. Muttergottes nicht und auch sonst keinem von ihren possierlichen Tierchen. Es konnte gar nicht ausbleiben, daß sie sich damit einen Preis nach dem andern verdiente; ein bedeutender war freilich nicht darunter.

Nun begab es sich aber, daß sich der Freistaat Bayern im Namen des Dichters Jean Paul mit einem weiteren Literaturpreis beschenkte. Friedrich Dürrenmatt durfte die Auszeichnung als erster in Empfang nehmen, ihm folgte Botho Strauß, aber schon geriet man in Verlegenheit. Denn so groß die Zahl der Literaturpreise, die einem in Deutschland nachgeworfen werden, so bescheiden ist die Zahl der Kandidaten. In der beliebten bürokratischen Figur der Wiedervorlage tauchen dafür immer dieselben Namen auf. Nur auf die österreichische Schriftstellerin war bislang keiner gekommen.

Sie hat ihre fromme Kundschaft, für die sie sich gelegentlich, in recht großmütterlicher Form, über die Auswüchse der modernen Welt empört, in der halbwegs anspruchsvollen Literatur trat sie jedoch nur die paar Male in Erscheinung, da sie als Proporz-Österreicherin in der Klagenfurter Jury saß und neben Marcel Reich-Ranicki über die jüngste deutschsprachige Prosa zu befinden hatte.

Dennoch ist der hermeneutische Zirkelschluß der Münchner Jury, angeführt von einem Germanistikprofessor namens Borchmeyer, nur zu bewundern: Gertrud Fussenegger, deren Biographie für ein langes Leben nicht weiter aufregend, nämlich sehr deutsch verlaufen ist, erhält im Namen eines singulären Dichters einen Preis, für den sie bestenfalls durch ihr hohes Alter qualifiziert ist. Dieser Preis, der am Dienstag in München überreicht wurde, überfordert die damit Bekrönte und beleidigt Jean Paul.

Die Herren Philologen aber, die sich bei ihrer Wahl einen Namen als rasende Ministranten gemacht haben, sollten ihre venia legendi künftig nur noch dafür gebrauchen dürfen, sich literaturkritisch über die Bücher Gertrud Fusseneggers zu beugen. Willi Winkler