Die Geschichte beginnt mit einer Bagatelle. Die menschliche und politische Tragödie, die so harmlos ihren Anfang nimmt, sieht niemand voraus, als sich Mitte Januar 1930 ein Untermieter in der Berliner Dragonerstraße weigert, seine Miete zu zahlen. Ratlos sucht seine Wirtin Beistand bei den politischen Freunden ihres verstorbenen Mannes, den Kommunisten von Rotfront. Die zögern nicht lange, ist der säumige Mieter doch niemand anders als der bekannte SA-Sturmführer Horst Wessel. Ihm wollen die Genossen die wohlverdiente „proletarische Abreibung“ verpassen. Mit dabei: Sally Epstein, ein junger Jude aus dem Osten; zusammen mit anderen steht er Schmiere auf der Straße, als die Anführer bei Wessel eindringen.

Ein Schuß löst sich. Schwer getroffen geht der Autor der späteren Nazihymne zu Boden. Ironie der Geschichte: Der SA-Mann stirbt letztlich am Antisemitismus, denn barsch weisen seine Kumpane einen herbeieilenden jüdischen Arzt ab: „Ein Jude hat unseren Wessel nicht anzurühren!“ Die Wunde wird nicht versorgt; kostbare Zeit verstreicht, bis Wessel ins Krankenhaus kommt, wo er Tage später an einer Blutvergiftung qualvoll zugrunde geht.

Den Nazis kommt dieser vermeidbare Tod gerade recht: Endlich haben sie ihren Märtyrer. Geschickt inszeniert Goebbels den Heroenkult. Markige Worte fallen bei der Beerdigung, während die KPD verbreiten läßt, Horst Wessel sei ein Zuhälter gewesen, der ganze Skandal ein Konflikt aus dem Rotlichtmilieu. Die Täter jedenfalls sind rasch gefaßt und vor Gericht gestellt. Wegen Totschlags müssen sie auf Jahre ins Zuchthaus; glimpflicher kommen ihre Gehilfen davon.

Und Epstein? Erst 1934 tritt er aus dem Dunkel der Geschichte, als die Nazis den Prozeß neu aufrollen. Während der Wessel-Kult seine seltsamen Blüten treibt und Hitler unter den SA-Führern wütet, geht es dem „armen Epstein“, wie ihn Knobloch nur nennt, an den Kragen. Als Jude hat er nicht die geringste Chance. Der Reichskanzler persönlich verweigert die Begnadigung, und noch im selben Jahr wird der kleine Mitläufer Epstein in Plötzensee geköpft – wegen Mordes.

Die traurige Geschichte dieses Justizmordes – und auch die der von Nazis begangenen Morde an all den anderen beteiligten Kommunisten – erzählt Heinz Knobloch spannend und mit viel Sympathie für die historischen Akteure. Ironisch läßt er durchblicken, wie die verschlungenen Wege der Recherche vor und nach dem Ende der DDR verliefen. Und es macht den Charme des Buches aus, daß man ganz nebenbei einiges über das Wesen jener „reizenden Dame Klio“ erfährt, die ihre tragische Geschichten so unverhofft beginnen läßt, „wie von selbst an solchem im Grunde harmlosen Abend“.

Womit wohl niemand rechnete: Der rechtsradikale „Deutsche Buchdienst“ hat jetzt einige Dutzend Exemplare des Titels beim Verlag geordert. Reuige Selbstaufklärung? Wohl kaum. Rein rechtlich kann Ch. Links die Lieferung nicht verweigern, doch schlagen die Berliner ihren lästigen Lesern ein Schnippchen: Der Verkaufserlös des Buches geht an die Stiftung „Centrum Judaicum“. Wenn das Horst Wessel wüßte.

Hans-Joachim Neubauer