Von Thomas Kleine-Brockhoff

Seit fast siebzehn Wochen ist Wolfgang Grams nun schon tot, und noch immer kann niemand mit letzter Gewißheit sagen, wie der mutmaßliche Terrorist bei der Schießerei auf dem Bahnhof von Bad Kleinen zu Tode kam. Allerdings mehren sich die Indizien dafür, daß Wolfgang Grams nicht von einem Polizisten exekutiert worden ist, sondern sich selbst gerichtet hat.

Auf Selbstmord deuten jedenfalls die beiden jüngst vorgelegten Teilgutachten hin, das eine vom Wissenschaftlichen Dienst der Stadtpolizei Zürich, das andere vom Institut für Rechtsmedizin der Universität Münster. Beide kriminaltechnischen Expertisen erschüttern die Aussagen der meisten Zeugen. Die Berichte der Polizisten erscheinen nun zweifelhaft, weil sie, obwohl nur wenige Meter entfernt, alles mögliche gesehen haben wollen, nur keinen Selbstmord. Und Gleiches gilt für die Einlassung der Verkäuferin vom Bahnsteigkiosk, die behauptet, Polizisten hätten aus nächster Nähe mehrfach auf den reglos am Boden liegenden Wolfgang Grams gefeuert.

Fest stand bisher nur dies: Nach der wilden Schießerei vom 27. Juni 1993 lag Wolfgang Grams, durch vier Schüsse getroffen, auf Gleis vier. Tödlich war der sogenannte aufgesetzte Kopfschuß, abgegeben aus Grams’ eigener Waffe.

Dazu heißt es nun im serologischen Gutachten der Universität Münster: "Das Spurenmuster läßt sich widerspruchsfrei durch Selbstbeibringung erklären." Dieses Resümee gründet vor allem auf der Untersuchung von Blutspuren an der Waffe und an der Kleidung der Polizisten. Nur an der Jacke eines einzigen Polizisten sei Blut von Wolfgang Grams entdeckt worden, schreiben die Rechtsmediziner, und zwar "Wischspuren" am "Ellenbogen des rechten Jackenärmels", wie sie nur durch Berührung des verletzten Wolfgang Grams entstanden sein könnten. Hätte ein Beamter die Pistole an Grams’ Kopf gehalten und abgedrückt, meinen die Münsteraner Spezialisten, wäre blitzschnell Blut aus der Wunde gespritzt und in kleinsten Partikeln als "Spray-Kegel" auf den Jackenärmel des Schützen herabgeregnet. Solche Spuren seien aber auf keinem Kleidungsstück gefunden worden.

Nun besteht eine der eklatanten Ermittlungspannen von Bad Kleinen darin, daß die Kleidung der Polizisten erst Tage nach der Schießerei asserviert wurde. Hätte also einer der Polizisten seine Kleidung waschen können, bevor er sie den Ermittlern übergab? Dieser Frage seien die Rechtsmediziner nachgegangen, berichtet der Schweriner Staatsanwalt Ernst Jäger. Ergebnis; unmöglich! Die Reinigung wäre bemerkt worden.

Auch das "dezente Spurenbild" an der Waffe spricht nach Ansicht der Münsteraner Experten gegen eine Hinrichtung von Grams. Im Lauf der Waffe seien nur "geringfügigste" Blut- und Gewebepartikel festgestellt worden. Dies könne geschehen, wenn ein "Suizidant" abdrückt, der die Waffe "durch Muskelerschlaffung" nicht mehr mit der "gleichen Stabilität" in der Hand halten könne wie ein Fremder. Hätte ein Polizist geschossen, hätten sich "deutliche Spritzer von Blut oder Gewebewasser finden lassen müssen".