Von Jochen Paulus

Bitte lesen Sie diesen Artikel vorsichtig. Machen Sie das quasselnde Radio aus, sperren Sie Ihren kläffenden Hund in ein anderes Zimmer, und schielen Sie nicht nach den anderen spannenden Überschriften auf dieser Seite. Sonst wird Ihr Gehirn die in diesem Artikel aufgestellten Behauptungen einfach glauben – selbst wenn sie erkennbar falsch sein sollten.

Das kann Ihnen nicht passieren, weil Sie immer erst überlegen, ob plausibel ist, was Sie lesen? Und weil, wenn Sie doch einmal abgelenkt sind, nichts Falsches hängenbleibt, sondern einfach gar nichts? Mit dieser Wahrnehmungstheorie befinden Sie sich in bester Gesellschaft. René Descartes, Bertrand Russell und viele andere Philosophen teilen sie, in Psychologie-Büchern steht sie ebenfalls. Diese verführerisch plausible Theorie postuliert zwei Stufen der Verarbeitung: Wenn wir beispielsweise den Satz hören "Es gibt Pferde mit Flügeln", analysiert das Gehirn im ersten Schritt, was er meint. Im zweiten Schritt überprüft es, ob er wahr ist, und speichert ihn entsprechend im Gedächtnis – in diesem Fall also in der Abteilung für Blödsinn.

Der als Ketzer verschriene Philosoph Baruch Spinoza dagegen behauptete im 17. Jahrhundert: Um diesen Satz verstehen zu können, muß man erst einmal glauben, daß es Pferde mit Flügeln gibt. Erst dann kann man entscheiden, daß Pegasus nur in Mythen existiert, und sich den Satz mit dem Vermerk "falsch" einprägen. Der Mensch, lehrt Spinoza, glaubt zunächst alles, um es zu begreifen. Hinterher kann er es bezweifeln.

So merkwürdig diese Lehre klingen mag – genau so arbeitet das Gehirn. Zu diesem Schluß führen jedenfalls Experimente von Daniel Gilbert an der psychologischen Fakultät der Universität Texas. Im Journal of Personality and Social Psychology gibt er dem vielgeschmähten Philosophen recht – unter der Überschrift "Man kann nicht nicht alles glauben, was man liest".

Gilberts Versuchspersonen glaubten nämlich, was sie lasen, obwohl sie wußten, daß es falsch war. Sie wurden in die Rolle eines Richters versetzt und mußten auf einem Bildschirm Einzelheiten der Verbrechen eines erfundenen Angeklagten laut lesen. Wie bei richtigen Prozessen bekamen sie jedoch auch falsche Aussagen präsentiert – anders als im wirklichen Leben waren diese jedoch an ihrer roten Schrift leicht zu erkennen. Die Aussagen beschrieben entweder mildernde oder erschwerende Tatumstände, etwa "Der Räuber hatte eine Schußwaffe". Nun kam Gilberts böser Trick: Zusammen mit den offensichtlich falschen Aussagen erschienen Zahlen auf dem Bildschirm. Die Versuchspersonen mußten beim Lesen gleichzeitig nach der Ziffer Fünf Ausschau halten und bei jeder Fünf einen Knopf drücken. Das Ergebnis: Obwohl die Versuchspersonen wußten, daß die rot geschriebenen Informationen nicht stimmten, schickten Sie den fiktiven Angeklagten doppelt so lange hinter Gitter, wenn diese Mitteilungen erschwerend klangen. Wenn die Amateurrichter nicht durch die Zahlensuche abgelenkt wurden, ließen sie sich nicht beirren.

Gilbert erklärt dieses frappierende Ergebnis mit Spinoza: Die abgelenkten Versuchspersonen lasen die Falschaussagen, glaubten sie erst einmal, um sie verstehen zu können – und kamen wegen der Zahlensuche nicht mehr dazu, sie im Gedächtnis mit dem Vermerk "falsch" zu versehen. Statt dessen blieben sie dort als vermeintlich wahre Angaben.