Das Wasser der Liederlichkeit

Es hinterläßt keine Flecken auf dem Bettlaken, sieht aus wie fettfreie, reichlich verwässerte Milch und kann bis zu einem Meter weit spritzen: das weibliche Ejakulat. Was etliche Sexualwissenschaftler noch immer in den Bereich der Phantasie verbannen möchten, gibt es tatsächlich; Frauen können auf dem sexuellen Höhepunkt eine Flüssigkeit ausstoßen, die dem männlichen Ejakulat entspricht.

Die moderne Wissenschaft beforscht die weibliche Ejakulation recht zögerlich; weltweit arbeiten nur einige wenige Gruppen an diesem Thema, wohl nicht zuletzt deshalb, weil die Finanzierung von sexualwissenschaftlichen Sujets eher schwierig ist. Die erste deutsche Untersuchung dazu stammt von der Kölner Ärztin Sabine zur Nieden und wird demnächst im Stuttgarter Enke-Verlag unter dem Titel "Weibliche Ejakulation" erscheinen. Diese Studie bestätigt zum Teil US-amerikanische Ergebnisse, entlarvt aber einige der bislang üblichen Annahmen als Mythen.

Ein auch unter Gynäkologen und Sexualwissenschaftlern noch weitverbreiteter Irrglaube ist der, daß eine weibliche Ejakulation gar nicht existiere. So meint Gunter Schmidt, Leiter des sexualwissenschaftlichen Instituts der Universität Hamburg, es handele sich um eine "geheime Phallusphantasie von Frauen", denn der Ejakulationsprozeß sei vom Penis abhängig. Auch Volkmar Sigusch von der Frankfurter Universität stand als Doktorvater der Arbeit von Sabine zur Nieden skeptisch gegenüber, schließlich erwähnten weder Masters und Johnson noch Kinsey, die Großen der Zunft, das Phänomen.

Dabei belegen sowohl die amerikanischen Befragungen als auch die deutsche Untersuchung, daß rund ein Drittel aller Frauen es regelmäßig erlebt. Von den 309 Frauen, die Sabine zur Nieden den umfangreichen Fragebogen zurückschickten, bestätigte fast die Hälfte, sie hätten wenigstens einige Male einen "Flüssigkeitserguß" gehabt. Interessant ist, daß die Kölner Studie eine höhere Häufigkeit der Ejakulation bei Lesben nachweist: 42 Prozent der homosexuellen, doch nur 28 Prozent der heterosexuellen Frauen gaben an, die weißlich bis klare Flüssigkeit auszustoßen. Die Ärztin führt dies jedoch nicht auf andere Sexualpraktiken zurück, die eher dazu geeignet seien, den G-Punkt zu stimulieren, sondern auf die "bessere Selbstbeobachtung von Lesben".

Der Mythos, der "Freudenfluß" würde nur durch den Gräfenberg-Punkt ausgelöst, hält sich hartnäckig in der Literatur. Die Forschungsgruppe um Carol Darling und Kenneth Davidson konnte zwar einen statistischen Zusammenhang zwischen der besonders sensiblen oberen Vagina-Region um den G-Punkt herum und dem plötzlichen Sekretausstoß belegen, die deutsche Studie kommt jedoch zu einem anderen Resultat: Nur elf Prozent der ejakulierenden Frauen geben an, durch Reizung der Vagina zum "Flüssigkeitserguß" zu kommen. 42 Prozent erreichen ihn jedoch durch klitorale Stimulation, und immerhin vier Prozent schaffen es allein durch Phantasie. Der g-spot scheint also als magischer Auslöseknopf auszuscheiden – es sei denn, deutsche Frauen unterschieden sich in diesem Punkt von amerikanischen Frauen.

Möglicherweise spielt aber der Pubococcygeal-Muskel (PC-Muskel) eine Rolle bei der Ejakulation. Dieser Muskelstrang liegt, geschlungen wie eine Acht, um den Vaginaleingang und die Öffnung der Harnröhre. Beim Orgasmus zieht er sich unwillentlich einige Male zusammen und sorgt so für die pulsierende Empfindung im Beckenbereich, die Masters und Johnson als unabdingbar für den weiblichen Höhepunkt definierten. Die amerikanische Ärztin Beverly Whipple und der Psychologe John D. Perry konnten schon 1981 nachweisen, daß bei ejakulierenden Frauen der PC-Muskel stärker kontrahiert als bei nichtejakulierenden. Durch starkes Zusammenziehen dieses Beckenmuskels wird vermutlich die Flüssigkeit durch die Harnröhre nach draußen gepreßt.

Das Wasser der Liederlichkeit

Der plötzliche Sekretausstoß durch die Harnröhre veranlaßt immer noch viele Gynäkologen, die Flüssigkeit als Urin zu deklarieren. Bei Frauen, die deswegen ärztlichen Rat suchen, wird oftmals Inkontinenz, unwillentliche Blasenschwäche, diagnostiziert; verordnet werden dann entweder die sogenannten Kegelübungen zur Stärkung des Blasen- und PC-Muskels, oder der Harnröhre wird gar operativ zu Leibe gerückt.

Chemische Analysen des weiblichen Sekrets enthüllen eine Ähnlichkeit mit der Flüssigkeit der Vorsteherdrüse. Als ein charakteristisches Merkmal, das Urin vom Prostata-Produkt unterscheidet, gilt die Konzentration der sauren Prostata-Phosphatase (PAP). Fast alle amerikanischen Studien fanden heraus, daß die PAP-Konzentration im weiblichen Ejakulat die des Urins um ein Vielfaches übersteigt. Auch andere Indikatoren wie der Kalziumgehalt sprechen gegen die Urin-Hypothese. Die Berichte der betreffenden Frauen bestätigen dies ebenfalls: Die Flüssigkeit riecht anders, schmeckt anders und sieht anders aus.

Aufgrund der chemischen Zusammensetzung liegt die Vermutung nahe, dieses Körpersekret, das einen Teelöffel oder manchmal sogar eine Tasse füllen kann, würde in einer weiblichen Prostata gebildet. Als Analogon zur männlichen Prostata gelten die paraurethralen Drüsen der Frau. Sie sitzen in einer schwammartigen Struktur, die die Harnröhre (Urethra) umschließt und die dem Drüsengewebe der männlichen Vorsteherdrüse stark ähnelt. Wenn die sexuelle Erregung wächst, schwillt dieser Bereich stark an und kann durch die Vagina erfühlt werden: Es ist der G-Punkt, den Ernst Gräfenberg schon 1950 beschrieb.

Die paraurethralen Drüsen, auch Skenesche Drüsen genannt, produzieren wahrscheinlich nicht nur den größten Anteil der weißlich-klaren Flüssigkeit, sie schütten sie auch aus. Ein Großteil der Drüsenausgänge mündet in der Harnröhre selbst, zwei weitere große Kanäle enden rechts und links neben der Urethra-Öffnung. Diese harnröhrenexternen Ausgänge entdeckte Skene übrigens schon 1880. Auch die Bartholinschen Drüsen, das Homolog zu den Cowperschen Drüsen, die beim Mann kurz vor dem Ejakulieren den sogenannten "Glückstropfen" absondern, könnten einen Teil zu dem weiblichen Flüssigkeitsausstoß beitragen.

Die Homologie (entwicklungsgeschichtliche Entsprechung) der männlichen und weiblichen Sexualorgane gilt als gesichert. Zur Nieden weist aber in ihrer Arbeit anhand verschiedener fötaler Stadien nach, daß einige der Analogien falsch sein müssen. So entspreche zum Beispiel der Klitorisspitze nicht die Peniseichel – wie allgemein angenommen wird –, sondern das viel sensiblere Gebiet, das unter der Eichel liegt und das über das Vorhautbändchen gereizt werden könne. Doch trotz der wahrscheinlichen Homologie von männlicher und weiblicher Prostata konnte bislang keine Untersuchung klären, warum fast alle Männer ejakulieren, aber nur ein Drittel der Frauen. Möglicherweise werden zu kleine Mengen des Sekrets oft übersehen.

Die Lehrbücher der Frauenheilkunde informieren über dieses Phänomen nicht; das mag auch daran liegen, daß "den Gynäkologen meist das sexualmedizinische Basiswissen fehlt", wie Dietmar Richter, Professor für Frauenheilkunde in Bad Säckingen, kritisch feststellt. Die männlich dominierte Wissenschaft hat ihre blinden Flecke.

Dies war nicht immer so. Was in Japan als "Wasser der Liederlichkeit" bekannt ist, war auch dem Arzt Hippokrates und dem Naturphilosophen Aristoteles nicht fremd: Er wußte, daß Frauen "einen Saft absondern" können, der mengenmäßig das männliche Pendant "bei weitem übertrifft". Und die Theologen des Mittelalters waren der Meinung, wenn eine Frau "keinen Samen absondert, dann kann aus dieser Verbindung keine Befruchtung erfolgen".

Das Wasser der Liederlichkeit

Sogar im prüden Wilhelminischen Zeitalter wußte man noch vom weiblichen Sekretausstoß, allerdings wurde er als schädlich klassifiziert. Freiherr Richard von Krafft-Ebing schrieb 1888 in der Wiener Medizinischen Presse über "pollutionsartige Vorgänge beim Weibe": Sie kämen "nicht selten bei nervenkranken, und zwar sexuell asthenischen Weibern" vor, die deshalb leicht eine Neurose entwickelten. Bis auf die nicht beachtete Veröffentlichung des Gynäkologen Gräfenberg, der 1950 neben dem G-Punkt auch den "Schwall" von Flüssigkeit beschrieb, blieb die weibliche Ejakulation später jedoch unbeachtet.

Erst im Zuge der Frauenbewegung in den siebziger Jahren wird der "Freudenfluß" wieder zum Thema. Der wissenschaftlichen Veröffentlichung der Ärztin Josephine Lowndes Sevely ("Eve’s Secrets") folgen viele Ratgeber der feministischen Gesundheitszentren. Die homosexuellen Frauen tragen einen Großteil zur Diskussion bei, die in Deutschland wie in den USA recht kontrovers geführt wird. Während sexualfeindliche Feministinnen wie Andrea Dworkin noch heute das weibliche Ejakulat als reine "Männerphantasie" abtun, sehen lesbische Pro-Sex-Aktivistinnen wie Pat Califia oder Susie Bright, deren Lust-Ratgeber im Oktober erscheinen wird ("Susie Sexperts Sexwelt für Lesben", Krug & Schadenberg), darin eine weitere Form der sexuellen Freude und der Selbstbestätigung von Frauen.