Von Andreas Kilb

Der Regisseur Guido Anselmi hat einen Traum. Er steht mit seinem Wagen im Stau, auf der Autobahn, unter einer Brücke. Es ist ganz still. Ringsum, in den anderen Autos, der Rest der Menschheit: gierige, gleichgültige, grinsende und gaffende Gesichter. Da, auf einmal, dringt Rauch durch die Lüftungsklappen in Guidos Wagen. Er versucht die Tür zu öffnen: vergeblich. Er klopft an die Autofenster, hustet, strampelt und schreit, doch niemand hört ihn, niemand hilft. Plötzlich, wie durch Zauber, öffnet sich das Dach des Wagens, Guido schlüpft hinaus – und fliegt davon.

Guido Anselmi fliegt mit flatternden Hosen über die Autoschlange hinweg, geradewegs in den Himmel, zu den Wolken, ins Licht. Dann bemerkt er, daß ein Seil um seinen linken Fuß gebunden ist. "Ich hab’ ihn!" ruft ein Mann tief unten am Meeresstrand, über dem Guido schwebt. "Hol ihn runter!" brüllt ein anderer Mann. Das Seil wird schlaff, und Guido stürzt hinab in die Tiefe, in die Brandung, ins Meer.

Federico Fellini hat früh damit begonnen, seine Träume aufzuschreiben. Über vierzig Jahre lang notierte er, was er im Schlaf gesehen hatte: Eisenbahntunnels, Flugzeugabstürze, verpaßte Züge, Gesichter im Nebel, Schiffsuntergänge, die Mutter, den Vater, die Ehefrau. Manche Träume verwendete er als Material für seine Filme; andere benutzte er, um sich aus Projekten, die ihm nicht mehr gefielen, herauszuwinden. 1967, bei den Vorbereitungen zu seiner fiktiven Autobiographie "Die Reise des G. Mastorna", träumte Fellini von einem Schild mit der Aufschrift AUGURI ("Glückwünsche"), das in der Mitte zerbrochen war. Der Film wurde nie gedreht.

Der Traum des Guido Anselmi, mit dem "Achteinhalb" (1963) beginnt, ist die Summe aller Fellini-Träume, so wie "Achteinhalb" die vorweggenommene Summe aller späteren Fellini-Filme ist. Der rasende Stillstand, das Eingesperrtsein, die Angst vor dem Ersticken, die dumpfe Masse – und dann der Flug ins Freie, die zweite Gefangenschaft, der Sturz ins Meer: Was Guido Anselmi da zusammenspinnt, hat Federico Fellini immer wieder erlebt, mit seinen Produzenten, seinen Schauspielern, mit dem italienischen Publikum, der Presse, dem Fernsehen. Zehnmal wurde er abgeschrieben, zehnmal wiederentdeckt, hundertmal fallengelassen, tausendmal von gierigen Interviewern mit Fragen und Blicken durchbohrt. Und immer wieder entschlüpfte er seinen Quälgeistern, um in jenen Himmel zu gelangen, in dem die großen Kinder mit dem größten aller Spielzeuge spielen dürfen, den Himmel der Kinematographie.

Noch einmal, 1987 in "Intervista", hat Fellini vom Fliegen geträumt. Diesmal stand er selbst vor der Kamera und erzählte: "Was war das nur für eine Landschaft, die ich dort unten zwischen den Wolkenfetzen sah? Wie ein Gefängnis sah es aus, wie ein Atombunker... Schließlich erkannte ich es, es war die Cinecittà."

Cinecittà: die Kinostadt. Seine Heimat.