Von Gerd Fesser

In der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg enthielten die Konversationslexika auch Karten, auf denen die räumliche Verteilung der Streitkräfte exakt dargestellt war. Damals nannte man das Militärdislokation. Sieht man sich heute eine solche Karte an, dann fällt einem sofort auf: Nirgendwo in Deutschland war so viel Militär stationiert wie in Elsaß-Lothringen. Gemessen an der Einwohnerzahl gab es hier viermal so viele Soldaten wie im übrigen Reichsgebiet. Frankreich galt den Regierenden des Deutschen Reiches als "Erbfeind" und als gefährlichster potentieller Gegner. Deshalb bereits in Friedenszeiten diese enorme Militärpräsenz.

Das Elsaß und der östliche Teil von Lothringen waren im Jahre 1871 an das deutsche Kaiserreich angegliedert worden, ohne daß man die Einwohner nach ihrer Meinung gefragt hatte. Das Kaiserreich war ein Bundesstaat. Die große Politik wurde in Berlin gemacht, doch innere Verwaltung, Justiz und Kultus waren Sache der einzelnen Bundesstaaten. Die Bevölkerung von Elsaß-Lothringen freilich besaß diese Selbstverwaltung viele Jahre lang nicht, und erst 1911 erhielt sie einen Teil davon. Dieses Gebiet wurde als "Reichsland" von preußischdeutschen Beamten verwaltet, an deren Spitze ein Statthalter stand, der dem Kaiser unmittelbar unterstellt war.

Von 1907 bis 1914 hatte Karl Graf von Wedel dieses Amt inne. Wedel hatte den Rang eines Generals der Kavallerie, war aber bereits vor langer Zeit in den diplomatischen Dienst übergetreten. Seine Tätigkeit als Gesandter und Botschafter in Stockholm, Rom und Wien hatte seinen Horizont bedeutend erweitert. Der Statthalter strebte eine Aussöhnung zwischen Frankreich und Deutschland an, respektierte die Verbundenheit der gebildeten Elsässer und Lothringer mit der französischen Kultur und stritt dafür, Elsaß-Lothringen die vollen Rechte eines Bundesstaates zu geben.

Die meisten der im "Reichsland" tätigen Beamten und zumal der Offiziere hingegen ließen jegliches Fingerspitzengefühl vermissen. Sie wollten einfach nicht akzeptieren, daß die langjährige Zugehörigkeit dieses Gebiets zu einem ganz anderen Staat und einer ganz anderen Kultur die Menschen Elsaß-Lothringens, insbesondere die der Bildungsschicht, geprägt hatte. Diese Leute meinten auch, im "Reichsland" müsse alles genau so gehandhabt werden, wie sie es aus dem "Altreich" gewohnt waren. Am liebsten hätten solche Bürokraten und Kommißköpfe alles ausgemerzt, was irgendwie an die frühere Zugehörigkeit Elsaß-Lothringens zu Frankreich erinnerte.

Unter den Ankömmlingen aus dem Osten befand sich freilich auch so mancher, der dem Zauber des schönen Landes zwischen Vogesen und Rhein, seiner Gartenlandschaft und der Romantik seiner alten Reichsstädte ganz und gar verfiel und seine Bewohner schätzen lernte. Einer von ihnen war der Historiker Friedrich Meinecke, der im Jahre 1901 nach Straßburg kam und schon bald den Entschluß faßte, nie wieder wegzugehen.

Französische Nationalisten haben vor dem Ersten Weltkrieg immer wieder beteuert, die gesamte Bevölkerung Elsaß-Lothringens sei nach wie vor französisch gesinnt und sehne die "Befreiung" herbei. Spätere Historiker haben in diesem Sinne weitergeschrieben.

Doch heutzutage sehen auch französische Autoren das Ganze viel nüchterner. Poidevin und Bariéty etwa meinen in ihrem Buch "Frankreich und Deutschland. Die Geschichte ihrer Beziehungen 1815-1975": Die Mehrheit der Elsässer und Lothringer sei zwar der Erinnerung an die französische Vergangenheit treu geblieben. Sie habe aber keineswegs um den Preis eines Krieges zu Frankreich zurückgewollt. Vielmehr sei es ihr vor allem um Selbstverwaltungsrechte gegangen.

Diese Sicht dürfte der Wirklichkeit am nächsten kommen. Ein Großteil der Bewohner von Elsaß-Lothringen (vermutlich sogar die Mehrzahl) hatte sich mit der Zugehörigkeit zu Deutschland abgefunden, zumal sie an dessen wirtschaftlichem Aufschwung teilhatten. Diese Menschen ärgerten sich über das Kolonialbeamten-Gehabe vieler "Reichsdeutscher", und sie wollten endlich die vollen Rechte eines normalen deutschen Bundesstaates haben.

Insbesondere die besitzende und gebildete Oberschicht fühlte sich weiterhin stark von der französischen Kultur angezogen. Nur eine Minderheit der Bevölkerung stand dem Deutschen Reich unverändert feindselig gegenüber. Diese Leute sahen das Wirken der preußischen Beamten und Offiziere als Besatzungsregime an.

Im Herbst 1913 wurde dann der Name der elsässischen Garnisonstadt Zabern (französisch: Saverne) für jeden Zeitungsleser in Deutschland und Frankreich zu einem Begriff. Zabern, nordwestlich von Straßburg am Fluß Zorn gelegen, war Kreisstadt. Es zählte etwa 8500 Einwohner und war Sitz der Kreisdirektion, eines Landgerichts und eines Amtsgerichts. Ein altes Schloß, das einst den Bischöfen von Straßburg gehört hatte, war später zur Kaserne umgebaut worden. Hier waren der Stab und das 1. und 2. Bataillon des 2. Oberrheinischen Infanterieregiments Nr. 99 untergebracht.

Am 6. November 1913 berichtete der Zaberner Anzeiger über einen Vorfall, der bereits eineinhalb Wochen zurücklag: Am 28. Oktober hatte der Leutnant Günter Freiherr von Forstner seine Soldaten während einer Instruktionsstunde über den Umgang mit der Zivilbevölkerung belehrt. Dieser junge Mann (er zählte gerade zwanzig Jahre) verkörperte offenkundig jene Kombination von Borniertheit und Arroganz, welche der Simplicissimus dem Typus des Potsdamer "Jardeoffiziers" zu bescheinigen pflegte.

Forstner verkündete nämlich seinen Männern: Falls sie während des Stadtgangs von Zivilisten behelligt würden, dann sollten sie vom Seitengewehr Gebrauch machen. Der Leutnant wandte sich dann direkt an einen Rekruten, der wegen Messerstecherei vorbestraft war, und schnarrte: "Und wenn Sie dabei so einen ‚Wackes‘ über den Haufen stechen, so schadet es nichts. Sie bekommen von mir dann noch zehn Mark Belohnung." Der Korporalschaftsführer, ein Sergeant namens Höflich, stand dabei und fügte hinzu: "Und von mir noch drei Mark dazu."

Mit seiner Äußerung verstieß Forstner gegen einen Regimentsbefehl vom Jahre 1903. Durch diesen Befehl war es "strengstens" untersagt, das Wort "Wackes" (das etwa "Strolch" bedeutete) zu gebrauchen. Unter den Rekruten waren auch einige junge Elsässer, und die informierten die Redaktion des Zaberner Anzeigers.

Hätten Forstners Vorgesetzte vernünftig überlegt, was für Folgen die Affäre wohl haben werde, dann hätte es für sie nur eine Entscheidung geben dürfen: den Leutnant sofort strafzuversetzen, am besten an die russische Grenze, wo niemand freiwillig hinging – und das unverzüglich der Öffentlichkeit bekanntzumachen.

Die gesamte Presse Elsaß-Lothringens, gleich welcher politischen Orientierung, forderte denn auch einhellig die Strafversetzung des Leutnants. Statthalter Graf Wedel empfahl dem Kommandierenden General des XV. Armeekorps in Straßburg, Berthold von Deimling, dringend, den Übeltäter in die Wüste zu schicken. Doch der General wies die Empfehlung Wedels in schroffer Form zurück.

Wie Deimling hatten viele Militärs der Kaiserzeit einen fast schon neurotischen Hang, gegenüber den "schlappen Zivilisten" (wozu sie auch die Spitzen der Beamtenschaft zählten) unentwegt "Stärke" und "Entschlossenheit" zu demonstrieren. Von jeglichem Nachgeben vor der öffentlichen Meinung befürchteten diese Kommißköpfe schwere Einbußen an Prestige. Forstners Regimentskommandeur, Oberst Adolf von Reuter (übrigens ein Bruder des Admirals Ludwig von Reuter, der dann 1919 in Scapa Flow die Selbstversenkung der internierten deutschen Flotte leitete) bestrafte den Leutnant sehr milde – mit sechs Tagen Stubenarrest. Er hielt das aber vor den Bürgern von Zabern geheim, weil derlei militärische Interna nicht für die Öffentlichkeit bestimmt seien.

Deimling hatte sich seinerzeit die Beförderung zum General durch die grausame Niederwerfung des Hottentotten-Aufstands in Deutsch-Südwestafrika "verdient". Für den Posten eines Kommandierenden Generals auf dem hochsensiblen Terrain Elsaß-Lothringen war er nicht gerade die Idealbesetzung. Während Deimling und Reuter die Hand über Forstner hielten, begann der Vorfall Kreise zu ziehen. Der Leutnant war mittlerweile zum bestgehaßten Mann in Zabern geworden. Wann immer er sich außerhalb der Kaserne zeigte, bekam er spöttische Zurufe und höhnisches Gelächter zu hören.

Oberst von Reuter schäumte und ließ fortan Forstner und auch die anderen Offiziere, wenn sie in die Stadt gingen, von Soldaten mit aufgepflanztem Bajonett begleiten. Viele der Bürger von Zabern lachten nur, wenn sie die Uniformierten so martialisch daherkommen sahen. Die Spannungen zwischen Militär und Zivilbevölkerung schaukelten sich auf.

Da berichtete der Zaberner Anzeiger am 15. November, daß Forstner nach wie vor elsässische Rekruten als "Wackes" anrede. Auch habe er in einer Instruktionsstunde zu den Soldaten gesagt: "Auf die französische Fahne könnt ihr scheißen!" Der Fant war offenbar entschlossen, alle Rekorde der Instinktlosigkeit zu brechen.

Am 28. November sorgte Reuter dann dafür, daß er in ganz Deutschland und Frankreich ein bekannter Mann wurde. Am Abend dieses Tages fanden sich auf dem Schloßplatz vor der Kaserne einige Dutzend Demonstranten ein. Die meisten von ihnen waren Jugendliche. Der Oberst ließ die Demonstrierenden auffordern, sofort den Platz zu räumen. Als das nicht fruchtete, setzte Reuter drei Züge Soldaten in Marsch. Unter Trommelwirbel ließ er verkünden: Wenn der Platz nicht sofort geräumt werde, lasse er das Feuer eröffnen.

Jetzt brach unter den Demonstrierenden eine Panik aus. Die Soldaten nahmen wahllos etwa dreißig Personen fest, darunter auch etliche Unbeteiligte. Die Aufgeregtheit der Soldaten entlud sich, indem sie den Festgenommenen Fußtritte und Kolbenhiebe verpaßten. In ihrem Übereifer nahmen sie gar einen Landgerichtsrat fest, der zufällig des Weges kam. Die Verhafteten wurden die Nacht über im Kohlenkeller der Kaserne eingesperrt – ohne Licht und ohne daß man ihnen erlaubte, zur Toilette zu gehen.

Reuters Vorgehen war glatter Rechtsbruch, denn das Militär durfte Zivilpersonen allenfalls "auf frischer Tat" verhaften. Ansonsten war natürlich nur die Polizei dazu befugt, und auch die brauchte einen richterlichen Haftbefehl. Der Oberst saß jedoch noch auf dem hohen Roß. Als ihn ein Zivilbeamter beschwor, kein Unglück geschehen zu lassen, tönte der Wüterich: "Ich betrachte es vielmehr als ein Glück, wenn jetzt Blut fließt... Ich habe jetzt das Kommando, ich bin es der Armee schuldig, Respekt zu verschaffen."

Fünf Tage darauf, am 2. Dezember, machte auch Forstner wieder von sich reden. Da marschierte er gerade mit einem Trupp Soldaten durch das nahegelegene Dorf Dettweiler, als ihn Arbeiter einer Schuhfabrik erkannten. Sie riefen ihm jene Worte wie "Wackes-Leutnant" zu, die er auf den Straßen Zaberns ständig zu hören bekam. Forstner geriet in Wut und wollte die Arbeiter allesamt verhaften lassen, doch die suchten schnell das Weite. Nur ein halblahmer Geselle von neunzehn Jahren war nicht schnell genug. Mehrere Infanteristen packten ihn. Er versuchte sich loszureißen, hatte aber keine Chance. Da trat der Leutnant auf den Wehrlosen zu und hieb ihm mit dem Säbel über den Kopf. Blutüberströmt sank der junge Mann zu Boden.

Einen Tag später debattierte in Berlin der Reichstag über die Vorgänge in Zabern. Mehrere Redner prangerten das Treiben der Reuter und Forstner heftig an und erklärten, in Zabern bestehe eine "Militärdiktatur".

Reichskanzler von Bethmann Hollweg stak in einer Zwickmühle. Er hatte seinerzeit Jura studiert und viele Jahre lang im Verwaltungsapparat gearbeitet, war preußischer Innenminister und Staatssekretär des Reichsamts des Inneren gewesen. Ihm mußte man nicht erst erklären, daß die Militärs in Zabern das Recht mit Füßen getreten hatten. Auch machte ihm die Reaktion des Auslands Kummer. Aber Bethmann wußte nur zu gut, daß Kaiser Wilhelm II. "schneidiges" Vorgehen seiner Militärs überaus schätzte.

Also lavierte der Kanzler. Er tadelte das Verhalten Reuters und Forstners vorsichtig, betonte aber gleich darauf, der "Rock des Königs" müsse gegen alle Anfeindungen geschützt werden. Der Eiertanz Bethmanns verärgerte etliche der Abgeordneten, und sie äußerten laut ihr Mißfallen.

Richtig in Rage kam der Reichstag aber erst durch die Rede des Kriegsministers von Falkenhayn. Dieser General verfuhr nach dem Motto: "Augen zu und durch!" Mit eiserner Stirn behauptete er, "lärmende Tumultuanten" und "hetzerische Presseorgane" seien für die Zuspitzung der Situation in Zabern verantwortlich. Mittlerweile gehe es dort keineswegs mehr um die Verfehlungen Forstners, sondern um einen subversiven Versuch, "durch systematische Beschimpfungen von Militärpersonen, ja durch deren Behinderung in ihren gewöhnlichen Dienstverrichtungen einen ungesetzlichen Einfluß auf die Entscheidung der zuständigen Behörden zu erringen".

Falkenhayns Worte lösten einen unbeschreiblichen Tumult aus. Der Sozialdemokrat Ledebour schrie dem Minister zu: "Genau wie Forstner in Zabern, so arbeiten Sie hier!" Der Zentrumsabgeordnete Konstantin Fehrenbach (der spätere Reichskanzler!) fand die passenden Worte. Er zitierte Goethe: "Das Unzulängliche, hier wird’s Ereignis; das Unbeschreibliche, hier ist’s getan." Dann rief er aus: "Auch das Militär untersteht dem Gesetz und dem Recht, und wenn wir zu den Zuständen kommen, das Militär exlex zu stellen und die Zivilbevölkerung der Willkür des Militärs preiszugeben, dann, meine Herren: finis Germaniae!... Es ist ein dies ater für das Deutsche Reich, dieser 3. Dezember 1913."

Am folgenden Tag wies ein sozialdemokratischer Abgeordneter den Kanzler auf die Divergenzen zwischen seiner Rede und der des Kriegsministers hin. Bethmann beging nun eine große Dummheit, indem er sagte: "Ich stehe in vollem Einvernehmen mit dem Herrn Kriegsminister!" Der Reichstag raste. Bereits am Vortage hatte die Fraktion der Fortschrittlichen Volkspartei beantragt, dem Reichskanzler eine Mißbilligung auszusprechen. Jetzt nahm das Hohe Haus den Antrag mit 293 zu 54 Stimmen an.

Seinen Hut mußte Bethmann deshalb nicht nehmen, denn laut Reichsverfassung von 1871 war der Reichskanzler nur vom Vertrauen des Kaisers abhängig. Der Fakt aber, daß sich fast das gesamte Parlament so klar vom Kanzler distanzierte, ließ erkennen: Das deutsche Kaiserreich befand sich tief in einer Staatskrise.

Was tat nun das deutsche Staatsoberhaupt, Kaiser Wilhelm II.? Zufällig befand sich Wilhelm just dort, wo er sich bereits während der Staatskrise vom Herbst 1908 (der Daily Telegraph-Affäre) aufgehalten hatte: in Donaueschingen bei seinem Freund Fürst zu Fürstenberg. Hier war der Kaiser von lauter militärischen Scharfmachern umgeben. General Deimling sandte ihm höchst einseitige Berichte über die Vorgänge in Zabern, und der Kaiser war mit diesen Rapporten sehr zufrieden. Einen Bericht des Grafen Wedel hingegen, in dem das Treiben der Militärs kritisiert wurde, versah der Monarch mit höhnischen Randglossen.

Am 5. Dezember beriet sich Wilhelm in Donaueschingen mit Bethmann, Falkenhayn, Wedel und Deimling. Nur ein Ergebnis dieser Beratung wurde der Öffentlichkeit mitgeteilt: Die beiden Bataillone des Infanterieregiments 99 sollten aus Zabern abgezogen und auf einen Truppenübungsplatz verlegt werden. Damit wurden freilich mehr die Gastwirte, Händler und Handwerker von Zabern, die so einen großen Teil ihrer Verdienstmöglichkeiten einbüßten, bestraft als das Regiment.

Bei den Beratungen in Donaueschingen war man übereingekommen, die Kriegsgerichtsverfahren, welche sich mit den Vorfällen in Zabern zu beschäftigen hatten, rasch zu Ende zu bringen. Am 19. Dezember 1913 entschied das Kriegsgericht Straßburg im Verfahren gegen Forstner. Es ging hierbei lediglich um den Vorfall in Dettweiler vom 2. Dezember. Die Militärrichter verurteilten den Offizier wegen vorsätzlicher Körperverletzung und rechtswidrigen Waffengebrauchs zu 43 Tagen Gefängnis.

Durch die gesamte deutsche Rechtspresse ging ein Aufschrei. Forstner legte Berufung ein – und das Oberkriegsgericht sprach ihn am 10. Januar 1914 frei! Das Oberkriegsgericht begründete seinen hanebüchenen Freispruch allen Ernstes wie folgt: Forstner sei zwar nicht bedroht gewesen, habe sich aber in "Putativnotwehr" gegen einen "vermeintlichen Angriff" befunden.

Die Logik dieses Urteils besagte: Ein Offizier habe sich mit der Waffe in der Hand von einem unbewaffneten, halb lahmen Mann, der von mehreren Soldaten festgehalten wurde, bedroht gefühlt. Bei diesem Offizier konnte es sich nur um einen regelrechten Waschlappen handeln.

Gleichfalls am 10. Januar ging vor dem Kriegsgericht Straßburg der Prozeß gegen Reuter zu Ende. Die Anklage hatte dem Oberst Amtsanmaßung, Freiheitsberaubung und Nötigung vorgeworfen. Auch Reuter wurde freigesprochen. Das Gericht berief sich dabei auf eine preußische Kabinettsordre vom Jahre 1820, "betreffend die gegenseitigen Befugnisse und Pflichten der Militär- und Zivilbehörden in den Festungen und anderen Garnisonstädten in polizeilichen Angelegenheiten". Diese Kabinettsordre ist nie veröffentlicht worden, war aber in der internen "Dienstvorschrift über den Waffengebrauch" vom Jahre 1899 enthalten. Sie war, seitdem Preußen eine Verfassung besaß (also seit 1848), "verfassungswidrig und somit rechtswidrig" (Ernst Rudolf Huber). Der angesehene Rechtsgelehrte von Liszt vertrat im Jahre 1914 im Reichstag die Ansicht, die Ordre sei ungültig! (Eine Folge der Zabern-Affäre bestand dann darin, daß Kaiser Wilhelm II. am 19. März 1914 eine neue Dienstvorschrift über den Waffengebrauch des Militärs erließ.

Mit welch ungleichem Maß die Militärjustiz Recht sprach, zeigt ein Blick auf das Verfahren gegen jene drei elsässischen Rekruten, welche die Presse über diffamierende Äußerungen Forstners informiert hatten. Diese Soldaten waren bereits am 11. Dezember 1913 wegen "Verrats von Dienstgeheimnissen" zu Arreststrafen von drei bis sechs Wochen verurteilt worden.

Der Bürgermeister von Zabern, Knoepfler, bezeichnete den Verlauf des Prozesses gegen Oberst von Reuter als eine "unwürdige Parodie einer Gerichtsverhandlung, in der alle Begriffe von Recht und Gesetz über den Haufen geworfen wurden". Dem Kriegsgerichtsverfahren folgte sogleich das nächste falsche Signal. Ende Januar 1914 wurde der wohlmeinende Statthalter Graf Wedel abgesetzt. An seine Stelle trat der vormalige preußische Innenminister Hans von Dallwitz, ein stockkonservativer Mann, dem die Eigenart der Elsässer und Lothringer völlig fremd war. Deimling aber blieb "natürlich" Kommandierender General in Straßburg.

Die Ereignisse von Zabern leiteten in Frankreich jede Menge Wasser auf die Mühlen der nationalistischen Rechten. Die Richtigkeit ihrer Behauptung, die Einwohner von Elsaß-Lothringen fühlten sich allesamt weiterhin als Franzosen und sehnten die Rückkehr zu Frankreich herbei, schien nun erwiesen. Gleichzeitig überwog in Deutschland der Eindruck, die Germanisierungspolitik im "Reichsland" sei gescheitert.

Zabern hat vor allem die wirklichen Machtverhältnisse im Kaiserreich jäh verdeutlicht. Der Reichstag hatte zwar mit seinem Mißbilligungsvotum eine Geste gewagt, war aber dann vor einer echten Machtprobe mit der Reichsregierung oder gar den Militärs zurückgeschreckt. Reichskanzler von Bethmann Hollweg, der innerlich Wedel viel näher stand als Deimling und Reuter, beugte sich wider bessere Einsicht dem Militärapparat. Die Militärs hatten vor der Welt demonstriert, daß Reichstag und Reichsregierung gegen sie in letzter Instanz ohnmächtig waren.

Die letzte Chance, vor dem Ersten Weltkrieg die überlebte politische Ordnung des Kaiserreiches in Richtung parlamentarisches Regierungssystem umzugestalten, war ungenutzt verstrichen. Völlig zu Recht schrieb die linksliberale Frankfurter Zeitung: "Das Bürgertum hat eine Niederlage erlitten. Das ist das eigentliche und sichtbare Zeichen des Zaberner Prozesses ... In der Auseinandersetzung zwischen Militärgewalt und Zivilgewalt hat das Kriegsgericht das Recht der unbeschränkten Herrschaft der ersteren gegenüber dem Bürgertum statuiert."