Ecce poeta! Kaum hatte Peter Huchel, Chefredakteur von Sinn und Form, die fünfzehn Gedichte gelesen, stand sein Urteil fest: endlich wieder ein Dichter! Dann konnte es nicht schnell genug gehen, per Telegramm wurde der Begabte einbestellt: „erbitte ihren besuch akademie der kuenste robertkochplatz 7 donnerstag 16. juni 14 uhr“. Und keine drei Monate später, im September 1955, war es soweit: Fünf Gedichte des bis dahin völlig unbekannten Johannes Bobrowski erschienen in Sinn und Form.

Für Bobrowski war es die erste Veröffentlichung, seit er 1944 einige Oden in der Zeitschrift Das Innere Reich unterbringen konnte. Endlich einmal Zuspruch, und den vom bewunderten Vorbild Huchel! Bobrowskis Dankbarkeit war grenzenlos bis zur Unterwürfigkeit.

Sie spricht aus jeder Zeile seiner Briefe an Peter Huchel, die Eberhard Haufe jetzt – mit den spärlichen Antworten Huchels – in der Reihe „Marbacher Schriften“ herausgegeben hat. „Höchstzuehrender Herr, lieber Herr Huchel!“ heißt es 1962, als Huchel auch für die erste Prosaveröffentlichung sorgt. Und: „Ihr Johannes Bobrowski, ergebenst, submissest.“

Bobrowskis Verehrung ging weit über die geschriebenen Kratzfüße hinaus. „Meister“ nannte er seinen Entdecker gleich bei der ersten „Audienz“, Hüchels Bild stellte er als Ikone aufs Bücherregal. Sein höchstes Glück: auf der Fahrt zur Tagung der Hölderlin-Gesellschaft dem „Dichter auf die Fahrkarten achten zu dürfen“. Unendlich fern sind da die dunkel-bedrängenden Bilder Sarmatiens, der Landschaft zwischen Weichsel und Wolga, die er in seinen Gedichten mit Selbstbewußtsein und antikem Pathos besang. Über die Arbeit an den „Apparaten“, wie Bobrowski seine Texte nannte, enthalten die Briefe wenig; statt dessen Vermischtes aus Haus und Hof: der „eingeschnittene Daumen der Eheliebsten“, die Hühner, der Kater.

Immer wieder schlüpft Bobrowski in die Rolle des Schülers, der mit seiner Unbeholfenheit kokettiert, um die Gunst des gestrengen Lehrers zu erwerben („Ach, ich kann mich gar nicht richtig ausdrücken aufs Papier“). Was aber tun, wenn der Schüler schon knapp Vierzig ist und mindestens ebenso begabt wie der Lehrer? Huchel verlegte sich aufs Telephonieren – das war unverbindlicher und schneller. Nur einmal schreibt er einen längeren Brief; der allerdings macht Schluß mit dem naiv-freundlichen Ton: Es ist seine Abrechnung mit dem zuweilen opportunistischen Bobrowski, der Huchels Rauswurf bei Sinn und Form schweigend übersah, unfähig, „in solchen Situationen überhaupt zu reagieren“ (so Bobrowskis blasse Rechtfertigung). Dafür hatte der gekränkte „Meister“ nur noch Verachtung übrig.

Eindrucksvoll ist den wenigen noch folgenden Briefen abzulesen, wie sehr Bobrowski diese Absage als Befreiung empfunden hat. Mit seinem schlichten „ich bitte Sie um Verzeihung“ läßt er endlich die beklemmende Ehrfurchtshaltung hinter sich, was Huchel die Versöhnung erleichtert haben dürfte: 1964 trafen sie sich noch einmal, und, so berichtet Bobrowski an Elisabeth Borchers, „da haben wir zwei alten Naturmagier beieinander gesessen, auch in der Kneipe, und unsere Kümmernisse beredet wie früher.“ Christof Siemes

  • Johannes Bobrowski – Peter Huchel:

Briefwechsel

Mit einem Vorwort und Anmerkungen hrsg. von Eberhard Haufe; Deutsches Literaturarchiv; Marbach 1993; 73 S., 22,50 DM