Von Fritz Gesing

Inzwischen hat es Tradition, daß deutsche Universitäten Autoren zu Poetikvorlesungen einladen. Uwe Timm, Jahrgang 1940, zuletzt durch seinen Roman „Kopfjäger“ hervorgetreten, las in Paderborn, und nun präsentiert er uns seine fünf poetologischen Versuche in einem kleinen, lesenswerten Buch. Wohltuend unprätentiös und anschaulich berichtet er vom Vor- und Fortgang des Erzählens und von seiner Absicht, Momente des Alltags in einer Theorie des realistischen Erzählens einzufangen. Dabei wendet er sich gegen die vorherrschende „Anämie“ der gegenwärtigen deutschen Literatur und wehrt sich auf seine Weise gegen das Verdikt, „die heutige Wirklichkeit ließe sich nicht mehr erzählend darstellen“. Immer wieder wird deutlich, daß für ihn, so seine Worte, Erkennen und Deuten der Wirklichkeit ein Anliegen der Literatur bleiben. Aber „Wirklichkeit“ ist ein vager Begriff. Timm versucht, ihn konkreter zu fassen. Er ist mit dem „genauen, forschenden Blick des engagierten Ethnographen“ am Alltäglichen interessiert, an den „gezeichneten Dingen“, die dazu verlocken, ihre Geschichte auszuphantasieren, an den „sprechenden Situationen“, die, symbolisch aufgeladen, den Keim einer Geschichte in sich tragen. Mehr noch, er schaut auf Dinge, die das Schreiben stimulieren und, ganz materiell, ermöglichen: faulende Äpfel in der Schublade, der Laptop auf dem Schoß des Autors.

Uwe Timm erzählt und reflektiert tastend, gelegentlich in Girlanden, nie trocken. Von ein paar Pieksern abgesehen, äußert er sich ohne Polemik, verzichtet auf krachledernes Fingerhakeln mit den Verfassern von „sprachlichem Gips“ und den Apologeten blutleerer Erzählkunst. Aber er erklärt unumwunden: „Diese Forderung der sechziger Jahre, man müsse das Erzählen erzählen, hat das Erzählen regelrecht kastriert.“ Dagegen setzt er ein anderes poetologisches Postulat: „Die gewöhnlichen Dinge als ungewöhnlich sehen, der vertrauten Sprache unvertraut begegnen, nahe Menschen – also auch sich selbst – von fern betrachten und darüber erzählen, exakt, ohne Beschönigung, ohne Versöhnung, aber mit Lust, Angst, Wut und Trauer.“

Die jetzt erschienene Novelle „Die Entdeckung der Currywurst“ macht die Probe aufs Exempel. Sie geht von einem dieser „gezeichneten Dinge“ aus, die für den Erzähler mit seiner Kindheit verbunden sind, und führt nach Hamburg, in den Zeitenwechsel um 1945. Die Currywurst, wie der Erzähler sie früher am Imbißstand der Frau Brücker aß, wurde, so glaubt er, von dieser Frau erfunden. Er sucht die inzwischen erblindete Siebenundachtzigjährige auf und läßt sich von ihr eine Geschichte erzählen, die schließlich, nach Ab- und Umwegen, in der Entdeckung dieser ungewöhnlich gewürzten Wurst endet. Der Autor als Ethnograph. Er malt die Auskünfte der alten Frau aus und läßt auf diese Weise „eine unglaubliche Geschichte“ entstehen, „mit diesem Geschmack auf der Zunge, wie die Zeit damals war, aus der die Currywurst kam: Trümmer und Neubeginn, süßlichscharfe Anarchie“.

April 1945. Die vierzigjährige Lena Brücker verführt den zur nahen Front abgeordneten Marinesoldaten Bremer zum Bleiben und damit zum Desertieren, versteckt ihn und hält ihn in ihrer Wohnung auch über den Termin der Kapitulation hinaus, indem sie ihm vorgaukelt, der Krieg sei noch nicht zu Ende. Die flüchtige Liebesgeschichte, die am Leben gehalten wird durch eine Lügengeschichte und die ihre sprachlosen Höhepunkte auf dem „Matratzenfloß“ in der Küche findet, zerbricht, als Lena Brücker Bilder aus den KZs sieht: Sie schreit Bremer, der noch immer von einem Endsieg im Osten träumt, die verschwiegene, geleugnete Wahrheit ins Gesicht. Bremer verschwindet spurlos, nicht ohne seine Uniform zurückzulassen und mit ihr seinen Talisman, ein Reiterabzeichen, das schließlich im Tauschhandel der Nachkriegszeit durch eine unerhörte Zufallsbegebenheit zur Entstehung der Currywurst führt.

Uwe Timm erzählt seine Novelle anschaulich und konkret, mit viel Sympathie für seine Figuren, ohne formale und sprachliche Manierismen. Ihm geht es um das Alltägliche in einer wenig alltäglichen Zeit und das „Unerhörte“ im Gewand des (scheinbar) Banalen: privates Glück im kollektiven Unglück. „Daß es auch in dunklen Zeiten helle Augenblicke gibt und daß die um so heller erscheinen, je dunkler die Zeiten sind.“

Was sich so einfach, aber zunehmend suggestiv liest, ist raffinierter erzählt, als es den Anschein hat: die Stimmführung und die Perspektivenwechsel, die unterschiedliche Grade der Nähe und Distanz erlauben, die Verschränkung der Alltagsdinge, die zu Motiven werden und sich schließlich symbolisch überhöhen, unaufdringlich, aber wirksam. Geschickt werden die Erzählfäden miteinander verknüpft, manchmal scheinbar fallen gelassen, um dann zu einem späteren Zeitpunkt überraschend wieder aufgegriffen zu werden. Der Pullover, den die alte Frau während ihrer Erzählung strickt und den sie mit einer idyllischen Landschaft schmückt, steht für ihre Erinnerungsarbeit. Sie vermacht ihn schließlich nach ihrem Tod dem Mann, der ihre Geschichte dem Vergessen entreißt.