Von Viola Roggenkamp

Das Gartentor öffnet sich automatisch wie von Zauberhand. Fünf kleine Hunde – oder sind es sieben? – purzeln bellend übereinander, wedeln und japsen um ihre Herrin herum. "Die sind alle kastriert", erfahre ich später. "Die müssen nichts mehr leisten." Ingrid van Bergen wohnt in einer Höhle, die von außen wie ein altes Bauernhaus aussieht, geduckt hinter dichten Bäumen. Weit draußen auf dem Land. Dort, wo die Elbe das Meer erreicht.

"Wir gehen in den Garten, was? Meinen Garten müssen Sie sehen." Aber erst mal gehen wir durchs Haus. Ein winziger Flur, eine kleine Wohnküche, ein nur wenig größerer Salon mit weichen Kissen auf schweren Möbeln. Die Stimmung ist hellblau. Dahinter, durch geraffte Portieren halbwegs verborgen, geht der Blick in einen weiteren Raum und auf das Bett. Wie ihr Thron. Wie ihr Traum. Ende der Führung. "Nun haben Sie alles gesehen. Was wollen Sie sonst noch wissen?" Ich sage: alles. Und sie lacht. Schwer zu sagen, ob sie groß oder klein ist, zierlich oder kräftig. Sie wirkt trainiert, lässig und wachsam.

Wer ihren Namen hört, denkt an ihre Tat. In der Nacht vom 2. auf den 3. Februar 1977 erschoß die Schauspielerin Ingrid van Bergen ihren Freund Klaus Knaths. "Rasend vor Eifersucht", vermutete Bild: "Nachts um 1.26 Uhr in einer Starnberger Villa – Zwei Schüsse von vorn, einer in den Rücken – Der reiche Makler wollte zu seiner Frau zurück." Es folgten spektakuläre Prozeßtage. "Rudel von Photographen, Kameraleuten und Berichterstattern" waren laut Spiegel "auf dem Kriegspfad". Die Menschen standen von Mitternacht an Schlange, um im Gerichtssaal einen Platz zu erkämpfen. Münchens Schickeria sagte aus; mehr gegen als für diese Frau, die alle kannten und alle sehen wollten. Denn sie hatte etwas getan, was eine Frau so nicht tut.

Sie, die Geliebte, das Verhältnis eines verheirateten Mannes, der mit ihr seine Frau und sie wiederum mit anderen Frauen betrog, diesen Mann hatte sie nicht bloß getötet. Sie hatte ihn erschossen. Nicht vergiftet. Nicht im Schlaf erstickt. Methoden, die unbewaffnete Frauen traditionell wählen, weshalb sie im allgemeinen "wegen Heimtücke" des Mordes angeklagt und zu lebenslänglicher Haft verurteilt werden. Sie jedoch hatte sich die Pistole genommen. Und abgedrückt. Im Affekt und schwer alkoholisiert. Wie ein Mann. 1977 war die Frauenbewegung in Deutschland auf ihrem ersten Höhepunkt. Diese Tat einer Frau fand unter Feministinnen Beachtung. Die Schauspielerin, die auf der Leinwand in den fünfziger und sechziger Jahren mit Busen, Hüften, Wespentaille und aufgeworfenen Lippen das Klischee des kessen Weibchens erfüllt hatte, brach in radikaler Weise mit der von ihr wunschgemäß verkörperten Frauenrolle. Ingrid van Bergen wurde wegen Totschlags zu sieben Jahren verurteilt und nach viereinhalb Jahren aus dem Münchner Frauengefängnis Aichach vorzeitig entlassen. – Auch wie ein Mann.

Heute lebt sie allein mit ihren Tieren in ihrem Haus und ihrem Garten. Dort wuchern bis in den späten Herbst hinein Blumen, Büsche, Bäume. Doch die Vielfalt ist unter Kontrolle: ein kleiner Wasserfall, der zu bestimmten Zeiten plätschert und versiegt. Das Reh im Blumenbeet, die Ente im Teich, der Zwerg auf dem Rasen verändern ihre Haltung nicht, denn sie sind aus gutem Ton. "Trinken Sie Tee oder Kaffee?" Ihre Stimme ist unverwechselbar. Rauh und tief mit Brüchen in höchste Höhen. Sie ist in Danzig geboren, 1932. In Danzig-Langfuhr. "Wenn in der Welt etwas passiert, könnte es auch in Langfuhr passiert sein", zitiert sie mit dem verliebten Stolz aller Lokalpatrioten ihren Heimatdichter Günter Grass. Sie war unlängst dort. Dreharbeiten für eine Grass-Dokumentation. Hans-Christoph Blumenberg nahm sie unter Vertrag.

Für sie war es ein Glücksfall. Denn sie ist arbeitslos. Und sie muß zahlen. Die Gerichtskosten, den Unterhalt für die beiden Knaths-Kinder bis zu deren abgeschlossener Ausbildung und für die Witwe auf immer. Sie sagt es ernst und völlig klaglos. Aber daß sie nicht engagiert wird, ärgert sie. "Ich habe viel Kabarett gemacht damals. Mit Wolfgang Neuss. Auch ein paar gute Filme." Der bekannteste war "Rosen für den Staatsanwalt", Regie Wolfgang Staudte, 1959 gedreht über die in Deutschland weiterhin Recht sprechenden NS-Juristen; unverändert aktuell und darum immer wieder gezeigt. Um Ingrid van Bergen jetzt zu engagieren, braucht es den Mut, ihr Gesicht zu zeigen. Sie hat diesen Mut. "Es fehlt ein Rainer Werner Fassbinder." Der würde in ihrem Gesicht die Klytämnestra von heute erkennen und die Iokaste.