Die Chance, die im Laufe des OKW Prozesses zutage geförderten Erkenntnisse mit dem Forschungsstand zu verbinden und diese Zusammenschau zu einer Geschichte der Wehrmacht zu verdichten, wollte Friedrich offenbar nicht ergreifen. Einerseits beschränkt er sich thematisch auf den Ostkrieg gegen die Sowjetunion. Andererseits mündet sein Interesse in Fragestellungen ein, die weit über den OKW Prozeß hinausgehen. Der Begriff "Gesetz des Krieges" zielt auf den Realitätsgehalt der völkerrechtlichen Bestrebungen zur Ächtung beziehungsweise zur "Hegung des Krieges" ab. Es geht dem Autor hier um die Frage, ob die Intentionen des Kriegsvölkerrechts mit dem "Gesetz des Krieges" überhaupt in Einklang zu bringen sind. Mit anderen Worten: Ist das Hegungsprojekt zum Scheitern verurteilt, weil dem neuzeitlichen Krieg eine extrem destruktive Eigendynamik innewohnt, die sich in letzter Konsequenz um Schranken nicht kümmert, sondern sich in allen Zweifelsfallen an den "Kriegsnotwendigkeiten" orientiert?

Jörg Friedrich kann erzählen. Seine Sprache ist ansprechend, teilweise brillant. Er bietet uns entlang der OKW Prozeßmaterialien eine interessante Innensicht der deutschen Wehrmacht, ihrer Befehlsstränge und Handlungsmuster sowie der Mentalität ihres Führungspersonals - nicht aber, wie der Verlagspröspekt ankündigt, über "das Verhalten des Menschen im Krieg".

Der Leser, nicht nur der Fachhistoriker, wäre ftir Hinweise dankbar gewesen, wo die Materialien des OKW Prozesses bestimmte Sachverhalte neu beleuchten. Hier wird er jedoch allein gelassen. In einigen Fragen fällt der Autor, indem er zu sehr auf das Prozeßmaterial der vierziger Jahre vertraut, deutlich hinter den heute erreichten Forschungsstand zurück. So gerät er bei der Interpretation des Überfalls auf die Sowjetunion unversehens - vielleicht sogar ungewollt - in die Nähe der Präventivkriegsthese. Die Ursachen des Rußlandkrieges werden vordergründig situativ erklärt, und es wird verkannt, daß sie in Hitlers LebensraumProgrammatik langfristig angelegt waren. Seine Behauptung, der Hitler Stalin Pakt von 1939 habe das Lebensraumprojekt "schrumpfen" lassen, geht an der Wirklichkeit vorbei. Wenn der Autor meint, die Wehrmachtgeneräle hätten ihre Soldaten mit mythologischen Rechtfertigungsformeln vom Sinn des Krieges gegen dieSowjetuiqn zu überzeugen versucht, so übersieht er, daß im NSStaat nicht die Generäle für die große Propaganda verantwortlich waren, sondern Hitler und Goebbels.

Besonders eindringlich beschäftigt sich der Autor mit dem Problem, wie bei der deutschen Kriegführung im Osten der herkömmliche militärische Kampf zum Teil mit verbrecherischen Vernichtungsmethoden verschmolz und wie dieses Abdriften ins Kriminelle von den Wehrmachtgenerälen später, vor dem Militärtribunal, entweder geleugnet oder rationalisiert wurde. Der OKWProzeß hat m diesem Zusammenhang deutlich gemacht, daß es in der Tat Spannungen und Auseinandersetzungen zwischen Hitler und einigen seiner Feldmarschälle gegeben hat. Typisch war etwa die Kontroverse mit Feldmarschall Ritter von Leeb im Zusammenhang mit der Hungerblockade von Leningrad. Hier wie in anderen Fällen ging es um Meinungsunterschiede über die militärische Operationsführung, nicht aber über das Problemfeld der Kriegsverbrechen. Das Bündnis der Eliten hat auch im Vernichtungskrieg funktioniert und bis zum Schluß gehalten.

Das deutsche Heer in Rußland 1941 bis 1945. Der Prozeß gegen das Oberkommando der Wehrmacht; R. Piper Verlag, München 1993; 1085 S, 128 DM