Von Konrad Heidkamp

Nennen wir ihn Sun Ra. Behaupten wir, er sei einer der größten Musiker der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts, bezeichnen wir seine Musik als Jazz, verwenden wir Superlative: Als erster griff er nach afrikanischen, fernöstlichen Rhythmen, verwendete vertrackte polyrhythmische Strukturen, führte den Synthesizer in den Jazz ein, entwickelte die modale Spielweise, trat die Reise zum Free Jazz an, revolutionierte die Bühnenshow. Als erster. Das ist vielleicht eine Möglichkeit, den Konsumartikel anzupreisen, aber kein Weg, sich Sun Ra zu nähern.

"Sun Ra... Come on..." (euphorisches Klatschen der kleinen Gemeinde) "Got your seatbelts on? ... Saaaaaan Ra... Spaceways! You’re up on Mars!" (begeistertes Klatschen verliert sich im Raum). Das Ende einer grandiosen Konzertaufnahme von 1992 auf der CD "Destination Unknown" wird zum Epilog eines Lebens. Glücklich macht man sich auf den Weg nach Hause, summt da dada dada da ba ba aus "We Travel The Spaceways", kehrt zurück aus einem Kosmos aus Swing, ekstatischem Free Jazz, sphärischen Klangfarben, soliden Standards und schrägen Gesangseinlagen und wundert sich, warum wieder nur so wenige dabei waren.

Sun Ra sprengte alle Kategorien, verunsicherte alle Erwartungen, die uns so lieb geworden waren. Seine Musiker standen in interstellaren Phantasiegewändern auf der Bühne, sangen von Jupiter und Saturn, marschierten oft durch das Publikum, mit diesen hopsenden Zwischensprüngen, während Sun Ra wie in einem Cockpit, von elektronischen Tasteninstrumenten umgeben, als Kapitän seines Raumschiffs über der Musik thronte. Entweder revolutionärer Ernst oder traditioneller Jazz oder Unterhaltung oder Theater. Aber so?

Auf diese Art von Musik war kaum einer vorbereitet. Konzerte als Abbild des Lebens, mit all der Kunst und dem Kitsch, der Trauer, der Wut, der Liebe, dem Nachdenken, der Fröhlichkeit und auch den Momenten der Langeweile. Kein Wunder, daß seine Konzerte oft drei, vier Stunden dauerten; daß diejenigen enttäuscht waren, die erwarteten, daß es da einen Anfang und Schluß gebe. "Für mich", sagte Sun Ra, "ist Musik ein Synonym für Bewegung. Ich habe keine Lust, jeden Tag das gleiche zu essen, und so will ich auch nicht jeden Tag die gleiche Musik hören."

Die Entdeckungsreise durch die Welt Sun Ras war jahrzehntelang schwer, weil viele seiner Platten nur mühsam oder überhaupt nicht zu erhalten waren. Schon Mitte der fünfziger Jahre gründete er sein eigenes Plattenlabel, Saturn, das später zum Vorbild aller unabhängigen Plattenproduktionen wurde. Er vertrieb es über eine Privatadresse oder verkaufte die gesamte Auflage auf einer Konzerttournee. Irgendwann ließ er dann nachpressen, veränderte oft Titel, Cover und Aufnahmedatum und bezahlte seine Musiker mit einem Stapel Platten, die sie auf eigene Rechnung an den Mann bringen konnten. Und so ergab sich die eigenartige Situation, daß es wohl kaum einen Jazzmusiker gibt, dessen Entwicklung so lückenlos dokumentiert ist, dessen Musik so schwer zugänglich war. Vertraut man dem Schriftsteller und Sun-Ra-Kenner Hartmut Geerken, der im Frühjahr 1994 ein Standard- und Nachschlagewerk mit dem Titel "Saturn Research" herausgeben wird, beläuft sich das bisher veröffentlichte Gesamtwerk Sun Ras auf etwa 175 Platten. Unüberhörbares Material also, Zeit für eine Wiederentdeckung, eine Neubestimmung der Geschichte des modernen Jazz, die nun Platte um Platte von der Firma Evidence vorbereitet wird. Fünfzehn CDs sind bisher erschienen, in hervorragender Klangqualität, klug und faktenreich kommentiert.

Zwischenergebnis: Verblüffung, fassungsloses Staunen, verwirrte Euphorie. Gepflegter Nachtclubgesang, Hardbop der späten fünfziger Jahre und dazwischen als Rarität ein irrwitziges Duo des Swing-Geigers Stuff Smith mit Sun Ra ("Sound Sun Pleasure"). Oder: Ohrwürmer wie "Enlightment", "Saturn" oder "El Is A Sound Of Joy", die Sun Ra bis zu seinem Tode im Repertoire behielt, durchbrochen von mystisch dunklen, paukenlastigen Titeln wie "Ancient Aiethopia" und "Sunology". Orgelschwerer Blues, Souljazz oder ein Stück wie "India", das 1956 schon den Doors-Hit "Riders In The Storm" vorwegnahm ("Supersonic Jazz" und "Jazz In Silhouette"). Oder: Solo-Pianoaufnahmen Sun Ras, dessen Klavierstil zwischen Thelonious Monk, Floyd Cramer und Cecil Taylor schwankte ("Monorails And Satellites"). Oder: Einspielungen zwischen 1955 und 1960, die man, ohne zu zögern, wahlweise Duke Ellington oder Charles Mingus zuordnen könnte, deren harmonische Verschrobenheit und rhythmische Vieldeutigkeit aber eindeutig Sun Ra ist ("Holiday For Soul Dance" und "We Travel The Spaceways").