Das hat es wohl in der Justizgeschichte Österreichs noch nie gegeben: Zwei Indianer, Azteken aus Mexiko, standen Ende Oktober in Wien vor Gericht. Xokonoschtletl und Guadarrama, so die Namen der Angeklagten, wurden vom Staatsanwalt der „Körperverletzung zum Nachteil eines Beamten“ und des „Widerstands gegen die Staatsgewalt“ beschuldigt.

Die Ursache für den Händel, der zur Festnahme der beiden führte, liegt knapp 500 Jahre zurück: Cortez zieht mit seiner Soldateska mordend und plündernd durch das alte Aztekenreich. Eines seiner Beutestücke: eine auf der Welt mittlerweile einmalige Federkrone, die ihren Weg nach Wien fand.

Hier hängt sie nun seit Jahrzehnten hinter Panzerglas als eine Art Mona Lisa der Altamerikasammlung im Völkerkundemuseum. Für die Indianer gehörte diese Federkrone dem Aztekenherrscher Motecuhzoma, während Ethnologen und die Wiener Museumsleitung ihre Bedeutung zurückschrauben, indem sie „wissenschaftlich gesichert“ erklären, daß „die Federkrone zum Zeremonienschmuck aztekischer Priester zählt und seinerzeit in vielfacher Ausführung während kultischer Handlungen getragen wurde“.

Xokonoschtletl hat es sich nun zu seiner Aufgabe gemacht, die Federkrone („Sie ist für uns ein ganz heiliger Gegenstand“) zurück nach Mexiko zu holen. Seit nunmehr sieben Jahren verfolgt er dieses Ziel, sammelt landauf, landab Unterschriften, begibt sich auf den Museumsstufen in einen mehrtägigen Hungerstreik und wandert während des Kolumbus-Jahrs auf einem Protestmarsch zusammen mit hundert und mehr Indianern quer durch die Alpenrepublik (ZEIT 21/92).

Auch den diesjährigen Wiener Menschenrechtsgipfel der Uno nutzte er als Forum. Mit dreißig Indianern, darunter auch etliche Frauen und Kinder, war er wieder aus Mexiko angereist. Bei einem Demonstrationszug zum Völkerkundemuseum kam es dann am 13. September zum Eklat. Denn plötzlich war einer der Indianer, der jetzt angeklagte Guadarrama, in „Raufhändel“ mit einem Polizisten verwickelt. Auslöser war eine für die Indianer heilige Fahne, die Guadarrama nicht aus der Hand gab, während ihn der Polizist festnehmen wollte. „Weil der fahnenschwenkend auf die Straße lief und dabei sich und andere Verkehrsteilnehmer gefährdete“, wie der Beamte in der Verhandlung anführte. „Ich hab’ noch ‚halt, stehenbleiben!‘ gerufen“, doch der lediglich spanisch sprechende Indianer konnte mit der Aufforderung des Wiener Ordnungswächters wenig anfangen. Der Polizist lief also hinter ihm her, holte ihn ein, hielt ihn fest, beide fielen zu Boden, der Polizist wurde am Jochbein verletzt, der Indianer festgenommen und für fünf Wochen in Untersuchungshaft gesteckt.

Entsprechend gereizt war die Stimmung auf dem Heldenplatz vor dem Völkerkundemuseum, wo die Indianer nach Ende ihres Demonstrationszugs auf einer Wiese lagerten. Mittlerweile hatte die Einsatzleitung auch Polizeiverstärkung erhalten, insgesamt standen an die dreihundert Beamte den dreißig Indianern gegenüber, darunter auch helm- und schildbewehrte Einheiten.

Nach Einbruch der Dunkelheit stellte der Polizeichef über ein defektes, krächzend klingendes Megaphon den Indianern ein Ultimatum, den Platz innerhalb von zehn Minuten zu räumen. „Wir werden diesen Platz nicht verlassen, da wir nichts anderes wollen, als unserer heiligen Krone nahe zu sein. Und das ist nicht kriminell“, antwortete ihnen Xokonoschtletl. „Wir werden uns nicht verteidigen, hier sitzen wir ohne Waffen.“