Von Matthias Naß

Die Lage ist zu ernst für Sentimentalitäten, mag sich der Kanzler angesichts der verblühenden deutschen Landschaften gesagt haben. Viereinhalb Jahre nach dem Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens hält Helmut Kohl die Zeit für gekommen, wieder nach China zu reisen. Mit vier Ministern bricht er am Sonntag auf in jenes Land, von dem die Kaufleute heute schwärmen wie einst vom märchenhaften Cathay des Marco Polo.

Eine Woche lang will Kohl das Reich der Mitte durchqueren. Schelten sollte man den Kanzler für diese Reise nicht, denn er vermutet aus gutem Grund: "Asien könnte der wichtigste Kontinent des 21. Jahrhunderts werden." Und nirgendwo in .Asien boomt die Wirtschaft derzeit schöner als in China. Kurt Georg Kiesinger raunte 1969 noch von Gefahren ("Ich sage nur: China, China, China!"). Helmut Kohl hofft auf Geschäfte.

Das Reiseziel scheint dafür gut gewählt. China ist schon heute die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt, legt man die Berechnungsmethoden des Internationalen Währungsfonds zugrunde, die sich an der Kaufkraft orientieren. Von Ermüdungserscheinungen keine Spur: Das Wachstum des vergangenen Jahres von fast dreizehn Prozent dürfte in diesem Jahr noch übertroffen werden. Bleibt es bei den durchschnittlichen Steigerungsraten seit Beginn der Reformpolitik 1978, dann könnte China, so der Währungsfonds, innerhalb eines Jahrzehnts die Vereinigten Staaten als größte Wirtschaftsmacht ablösen.

In der Weltwirtschaft haben sich also die Gewichte verschoben. Europa aber schaut bisher mit erstaunlichem Gleichmut zu, wie es allmählich vom Zentrum an die Peripherie rückt. Asien erzeugte 1960 erst vier Prozent des Welt-Bruttosozialprodukts, heute sind es schon 25 Prozent. Amerikas Handel mit Asien übertrifft seinen Warenaustausch mit Westeuropa inzwischen um 50 Prozent. Allzu spät hat die Bonner Politik auf die asiatische Herausforderung reagiert. Nach der Rückkehr von einer Reise nach Indien, Singapur, Indonesien, Japan und Südkorea erklärte der Kanzler im Frühjahr die Asienpolitik zur "Chefsache". Bei seinen Ministern gab er ein Asienkonzept in Auftrag, das Ende Oktober im Kabinett gebilligt wurde. Eine "aktive Asienpolitik", heißt es in dem Papier, sei auch "Zukunftssicherung für Deutschland". Außenminister Kinkel formuliert es so: "In Asien spielt die Musik."

Wie die Politik, so handelt endlich auch die Wirtschaft. Am 24. September hat sich in Köln der "Asien-Pazifik-Ausschuß" konstituiert. Den Vorsitz übernahm auf sanftes Drängen des Kanzlers ("Sie müssen das machen, damit es etwas wird!") Siemens-Chef Heinrich von Pierer. Warum aber hatte die Industrie den guten Einfall, sich für eine "Verbesserung der deutschen Präsenz" einzusetzen, nicht schon vor zehn, ja vor zwanzig Jahren? "Wir dürfen nicht provinziell werden", warnt BDI-Chef Tyll Necker. Konnte man das nicht schon früher wissen?

Mehr als zwanzig Prozent der amerikanischen Auslandsinvestitionen entfallen auf Asien, aber nur knapp fünf Prozent der deutschen – kein Zeichen großen unternehmerischen Wagemuts auf dem am schnellsten wachsenden Markt der Welt. Längst produzieren die asiatischen Länder nicht mehr nur für den Export nach Amerika und Europa. Ein rasch größer werdender Mittelstand zu Hause verlangt nach anspruchsvollen Produkten.