Von Rolf Michaelis

Sind wir noch im Deutschen Schauspielhaus oder schon auf der Reeperbahn? Im Schauspielhaus an der Kirchenallee hat vor 35 Jahren Gustaf Gründgens seine (durch den Film in aller Welt bekannte) Inszenierung von Goethes Weltgedicht "Faust" herausgebracht. Die Aufführung, eine Ikone der Theatergeschichte, lastet so schwer auf dem Haus, daß seit Gründgens noch jeder der vielen Direktoren den Sessel vor Ablauf des Vertrages geräumt hat. Jetzt kommen mit dem neuen Intendanten Frank Baumbauer andere Leute in das Haus und wagen mit den Eröffnungsinszenierungen auch einen frischen Blick auf Goethes "Tragödie ersten und zweiten Teil" unter dem vielversprechend mathematischen Titel: "Goethes Faust Wurzel aus 1+2", in der Regie von Christoph Marthaler.

Die Aufführung beginnt wie in einer der Schau-Buden an der Hamburger Amüsiermeile. Durch den roten Vorhang arbeitet sich ein Conférencier. Er knetet verschwitzte Hände und betet die Anfangsverse von Goethes "Vorspiel auf dem Theater" herunter: "Ihr beiden, die ihr mir so oft / In Not und Trübsal beigestanden, / Sagt, was ihr wohl in deutschen Landen / Von unsrer Unternehmung hofft? / Ich wünschte sehr, der Menge zu behagen, / Besonders weil sie lebt und leben läßt." Dann verliert er stotternd den Text und flieht hinter den Vorhang.

Erscheint ein zweiter, noch hilfloserer Showmaster im grauen Anzug des "Direktors", der dasselbe Sprüchlein aufsagt, erweitert um ein paar Verse: "Doch so verlegen bin ich nie gewesen: / Zwar sind sie an das Beste nicht gewöhnt, / Allein sie haben schrecklich viel gelesen", ehe auch er glücklich ist, dem Rampenlicht zu entkommen.

Zirkusfreunde wissen, was gleich passieren wird. Da ist er auch schon, der dritte, noch etwas mickrigere Theaterdirektor, der sich an "Ihr beiden" wendet, an "Theaterdichter" und "lustige Person" von Goethes "Vorspiel", die wir natürlich nie zu sehen bekommen. Auch er macht sich rasch davon, nicht ohne den Vers in den größten Saal eines deutschen Theaters gezischt zu haben: "Die Masse könnt Ihr nur durch Masse zwingen."

Was beginnt so? Ein Kabarettabend? Ein Goethe-Jux? Staatstheater als Pennäler-Scherz?

Ehe wir nach Antwort fahnden könnten, schiebt sich ein seltsames Paar auf die Bühne. Ein massiger Kerl in verdrücktem gelb-grau-beigem Anzug hat nicht nur einen Zementsack geschultert, sondern gar – Haltung und Miene erlauben keinen Zweifel – das Leid der Welt. Hinter sich her zieht er ein spindeldürres Männchen, das ihm gerade bis zur Schulter reicht. Der kleine Kerl mit einem Rest dunklem Flaum auf dem Schödel steckt noch länger als sein Kamerad in knittrigen Kleidern, hat sich aber ein Paar ausgelatschte, rote Filzpantoffeln über die müden Füße gestreift. Zwischen Jacke und Hose baumelt hinten ein rotes Rattenschwänzchen, das prompt ein Flämmchen zu speihen beginnt, wenn der große Kumpan die Zigarre anzünden will.

Die beiden sind noch nicht bis zur Bühnenmitte geschlichen, da haben wir sie schon ins Herz geschlossen: Pat und Patachon, Stops und Stange, Dick und Doof. Gab es je einen tumberen Doktor Faust als den in der Massigkeit seines Körpers brütenden Josef Bierbichler? Wann hat Mephisto seinem Beinamen "Fliegengott" so Ehre gemacht wie in der zappeligen Mücken-Figur des bangen Teufelchens, wie ihn Siggi Schwientek auf die Bretter zögert. Nach "Faust Wurzel aus 1+2" noch ein algebraisches, ein Schauspiel-Wunder dieser Aufführung: die halbe Portion als Doppel-Clown.

Ist bei Goethe der Teufel – Mephisto – Antreiber, so schleppt hier ein erschöpfter Faust seinen Einpeitscher wie den hilflosen, kleinen Bruder hinter sich her. Wenn der wie aus einem – aus vielen Alpträumen erwachte, mit blinden Augen in die Welt schauende "Doktor" Faust, dem sein Begleiter dauernd neue Brillen reichen muß, die Pranke öffnet, um mit dem – wenn nicht zum Freund, so doch zum Lebenspartner gewordenen – Schicksalsfeind weiterzukrauchen wie eines der Pennerpaare, die wir durch unsere Städte streifen sehen, meint man, der Zwerg könne ganz darin verschwinden. Bierbichler und Schwientek, Sepp und Siggi: Doppel-Herz von Christoph Marthalers Wurzel-Faust, ohne ein großes, auch im Schau- und Klavierspiel, in Solo- und Chorgesang hervorragendes Ensemble zu bedrängen.

Wie viele Faust-Inszenierungen verzichtet auch diese auf die Rezitation des Gedichtes in vier Stanzen, "Zueignung", das Goethe im Sommer 1797 geschrieben hat, als er die Arbeit an dem über Jahrzehnte immer neu gewagten Werk wieder einmal aufgenommen hat. Marthaler muß die 32 Verse nicht aufsagen lassen: inszeniert er doch nichts anderes, als wovon Goethe vor 200 Jahren spricht: "Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten, / Die früh sich einst dem trüben Blick gezeigt. / ... Wie ihr aus Dunst und Nebel um mich steigt, / ...Und was verschwand, wird mir zu Wirklichkeiten."

Kunstgriff der Aufführung: Marthaler läßt Faust Bierbichler mit Goethes Augen auf das Stück schauen. Vielleicht auch deshalb die vielen Augengläser, manchmal Sonnen- oder Blindenbrillen, am Ende gar das einem Weltraum-Teleskop gleichende Okular aus zehn, zwölf übereinandergestülpten Sehhilfen? Es bleibt auch dann bei "schwankenden Gestalten", die sich dem "trüben Blick" zeigen.

Faust am Ende des Jahrtausends blickt nicht mehr durch. War da mal Forschung? Wille zur Welterkenntnis? In den Springfluten der Information: alles versunken. Manchmal eine vage Erinnerung: Da war doch was. Gab es nicht einen das Leben steigernden, dem Dasein Sinn gebenden "Pakt"? Mit einem Teufel? Wie um sich seiner selbst zu vergewissern, sucht Faust Bierbichler die Hand des Landstreichers, der ihn begleitet. Der erinnert sich an noch weniger, hat aber einen unerschöpflichen Vorrat von Brillen, Seh-Krücken, wer weiß: Denk-Hilfen, die, noch einmal, einen letzten, klaren Blick auf das eigene Leben erlauben.

Kein Faust ohne Tragödie. Das Tragische ist dem Faust-Thema eingeschrieben. Nicht daß einer stirbt, ist tragisch, aber daß er scheitert, daß er scheitern muß. Wer wie Faust wissen will, "was die Welt / Im Innersten zusammenhält", schiebt Grenzen der Erfahrung und Erkenntnis immer weiter hinaus. Die Lösung eines Rätsels der Wissenschaft tritt Lawinen neuer Fragen los.

Daß Marthaler dem Anspruch, den der wunderliche Zaubergelehrte Dr. Faustus seit Jahrhunderten stellt, in seiner Goethe-Paraphrase nicht ausweicht, ist einer der Gründe für den Erfolg seines neuen Stückes, das in fast drei Stunden – ohne Pause – uraufgeführt worden ist. Marthaler vergißt keinen Augenblick, daß Goethe sein bizarres Stück, einen oft jahrmarkthaft bunten und leichten Papierdrachen der Poesie, mit Bleiladungen humanistischer Bildung behängt, unter dem Titel "Tragödie" steigen läßt.

Christoph Marthaler, Schweizer Musiker, Komponist und Theatermensch, der an Baumbauers Theater in Basel während der letzten Jahre eine eigenwillige, skurril-fremde, witzig-erschreckende Art von Theater entwickelt hat, könnte über sein Stück auch den Untertitel kritzeln, unter dem einer der großen Dichter Europas in diesem Jahrhundert, der portugiesische Schriftsteller Fernando Pessoa (1888-1935), Fragmente und Entwürfe seiner skeptischen Faust-Paraphrase gesammelt hat: "Eine subjektive Tragödie".

Dabei meint Marthaler, der nach einer Aufführung in Basel mit einer Inszenierung der Pessoa-Fragmente in Hamburg liebäugelt, nicht eine mögliche eigene, "subjektive" Tragödie, sondern die jedes einzelnen, der "subjektiv" die fürchterlichen Ereignisse zwischen Atombombenabwurf und Vietnamkrieg, Drogen-Desaster und Bürgerkriegen zwischen Bosnien und Somalia als halbwegs wacher Beobachter miterleidet.

Ist es Zufall, daß wir in den Entwürfen Pessoas zu seinem Faust, wie sie, von Georg Rudolf Lind übersetzt, 1990 im Züricher Ammann Verlag erschienen sind, die besten Erklärungen finden für den Hamburger Faust und seine Wurzel aus 1+2? "Denn etwas andres ist das, was wir sehen... / Alles, was unser ist, ist ein Vergehen... / Wogen des Strebens, die im Nichts verrollen." Anders als Goethes neugieriger Faust, der noch Aufklärung erhoffen durfte, hat Pessoas Forscher-Philosoph schon um die Mitte dieses Jahrhunderts die gelehrten Folianten zugeschlagen: "Ich lese nicht mehr... / allem entrückt, nur nicht dem schmerzenden / leeren Bewußtsein meines eigenen Selbst... / ... und der Traum / ewig verloren. Gleich wie die Maschine, / verlassen, ganz umsonst noch fortarbeitet, / verbindungslos und planlos, also kau’ ich / wieder und wieder meines Denkens Täuschung."

Diesem Wiederkäuer Faust – wie ihn der bullig melancholische Josef Bierbichler ganz hell in seiner Dumpfheit vor uns aufzubauen vermag – begegnen wir in Hamburg. Auch scheint zu stimmen, was eine "klare Stimme" dem Faust aus Portugal, der einen tastenden Schritt auf die Hamburger Szene wagt, verkündet – als Trost, als Einübung ins zu wagende Nichts? "Und ich singe für dich, Faust, / Lieder, trüb und weltenschwer... / Schlafend lösch das Denken aus..."

In der Tat: So selig erschöpft wurde – auf der Bühne! – im Theater noch nie geschlafen und so schön gesungen auch selten. Leise, langsam, wie es bei Marthaler, trotz manchmal lärmenden Turbulenzen, fast immer zugeht, erklingen die seltsamsten Gesänge, "weltenschwer". Kann die Verlassenheit der Menschen, die in einer Art Bunker vegetieren, halb Atommeiler, halb Wasserwerk, quälender zum Ausdruck drängen, als wenn sie alle, in zirpend hoher Stimmlage, fast unhörbar leise das eher bieder deftige Volkslied wie einen Sehnsuchtsgesang anstimmen: "Wir sitzen so fröhlich beisammen / und haben uns alle so lieb... I Ach, wenn es doch immer so bliebe..."

Aus welcher Welt kommen solche Worte, diese Töne, wenn Bierbichlers Faust, auf ein Kinderstühlchen zwischen zwei hohe Tische gezwängt, auf deren Platten er die Ellbogen legt – so daß er wie ein Gekreuzigter erscheinen muß –, plötzlich Schuberts Jubel-Hymnus auf das ganz andere Dasein anstimmt: "Du holde Kunst..."?

Wie in früheren Aufführungen, die zwischen Text- und Musikcollage, Sing- und Schauspiel, Revue und Performance, Kabarett und Show unbeirrt den eigenen Weg und Stil suchen, entgrenzt Marthaler auch in Hamburg die Szenerie, befreit seine Darsteller in ein weites Land historischer und zugleich utopischer Sehnsucht, wenn alte Lieder (Webers Jägerchor aus dem "Freischütz", Wagners Matrosenchor aus dem "Holländer") oder Schlager ("Ganz leise..." zu einem zauberhaften Mädchenreigen) gesungen, gesummt werden. Zu einer der sanftesten Melodien, Mozarts Trauergesang "Ave verum corpus", schlagen zwei Mephistos einen aufsässigen Mit-Teufel brutal zusammen.

Nach Klaus Michael Grübers Faust-Exercitium für drei Personen (Faust, Mephisto, Gretchen) mit Bernhard Minetti, vor zehn Jahren an der Freien Volksbühne Berlin, und früher schon in Paris, ist Marthalers Versuch, sich dem Stück zu nähern, mit fünf Mephistos, vier Gretchen, das kühnste, auch befremdlichste Wagnis, dem sich schon während der Premiere etliche Zuschauer türenschlagend entzogen haben. Dabei könnte sich der Schweizer auf eine Notiz des Dichters berufen, der im Herbst 1799 auf einen Zettel gekritzelt hat: "Was sich die Menschen mit dem Faust fortquälen! Es ist wie eine Krankheit! Nur nicht reden!"

Als ob sich auch Marthalers Faust an das Schweigegebot halten wollte, mag ihm der große Auftrittsmonolog, "Habe nun, ach! Philosophie, / Juristerei und Medizin, / Und leider auch Theologie / Durchaus studiert, mit heißem Bemühn..." gar nicht über die Lippen kommen. Zunächst fällt ihm nur die Sprachmelodie ein, der Singsang der Vokale: "aeua! iooi, uieeiueii...", dem sich nach und nach Konsonanten anhängen, ehe daraus Sprache wird.

Faust erinnert sich – und Marthalers ganze Unternehmung ist Erinnerungsarbeit: Was ist von Goethes Jahrhundertwerk für unsere Zeit geblieben? Von den 12111 Versen Goethes werden nicht mehr als 150 oder 200 zitiert, manche immer wieder. Das Verfahren des – Musikers – Marthaler erinnert an die Praktiken des Komponisten Franz Liszt, der manche seiner Klavierkompositionen "Paraphrasen" nannte oder "Transkriptionen" oder "Nach einer Lektüre Dantes".

"Nach einer Lektüre von Goethes Faust" könnte der Hamburger Abend heißen, im Rätsel-Szenarium von Anna Viebrock, mit fünf Mephistos, die in weißen Mänteln mal Präparatoren in einem Laboratorium für Meerestiere, mal freundliche, tatkräftige Wärter in einem Irrenhaus sind, mit vier Gretchen, die sich malerisch auf einem Bett drapieren, in vielen Sprachen nach dem geliebten "Heinrich! Heinrich!" rufen und andere Textpassagen Gretchens stockend aus einem Buch vorlesen. Wie in den Liedern fehlt stets der letzte Satz bekannter Zitate. Auch die eher vergnügte Tragödie endet in Hamburg überraschend so: "Das Ewigweibliche zieht."

Zwei Pianisten spielen, fast unhörbar leise, Erik Satie. Dazu rumpelt, das Ensemble lähmend, der große Aufzug im Hintergrund der Bühne auf und ab, ohne daß dieser Godot-Gondel je jemand entstiege. Auch so wird wahr, was Goethe seinem getreuen Eckermann 1830 zu bedenken gegeben hat: "Alle Versuche, ,Faust‘ dem Verstände näher zu bringen, sind vergeblich."