Deutsch begann er mit fünfeinhalb Jahren zu lernen: "Diese Hundesprache werde ich nicht bellen Sein Geschichtslehrer stimmte ihn um: "Du mußt die Sprache des Feindes beherrschen Dann kam die schreckliche Nachricht: 27 seiner Verwandten waren im belagerten Leningrad ums Leben gekommen. Nun wollte er erst recht alles über die Deutschen wissen: "Was kennzeichnet das Wesen dieses Volkes genauer - der hohe Geist oder der Nagelstiefel?"

Zwanzig Jahre später war Valentin Faun einer der führenden Deutschland Experten des Kreml. Unterdessen hatte er am Moskauer Institut für Internationale Beziehungen studiert, war im Sommer 1950 als Adlatus bei der Sowjetischen Kontrollkommission nach Ost Berlin gegangen, wo er sich mit den Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und der DDR beschäftigte, und hatte als Deutschland Experte in jenem Informationskomitee gedient, das für den Kreml Herrscher weltpor litische Analysen verfertigte.

In die kommunistische Partei trat der junge Mann erst nach Stalins Tod ein - zu tief waren die Wunden, die der Stalinismus in den dreißiger Jahren der eigenen Familie geschlagen hatte. Und 1959 löste Nikita Chruschtschow das Informationskomitee auf - erbost, weil Falin und dessen Vorgesetzter Puschkin gegen sein Berlin Ultimatum aufgetreten waren - mit dem Argument, es könne deswegen leicht zu einem Krieg mit Amerika kommen. So wurde der 34jährige Falin, strafversetzt in den auswärtigen Dienst, zum Diplomaten.

Er blieb beim Thema Deutschland. Genfer Konferenz 1959, Chruschtschows Wiener Begegnung mit Kennedy 1961, dann die Mauerkrise, die ihr folgenden Jahre der Stagnation im deutschsowjetischen Verhältnis, der Frost nach der Niederschlagung des Prager Frühlings - Valentin Falin erlebte sie auf verschiedenen Posten im sowjetischen Außenministerium, bis er im Mai 1971 als Botschafter nach Bonn abkommandiert wurde. In seinen sieben Jahren am Rhein wurden die Marksteine der Entspannungspolitik gesetzt: Moskauer Vertrag, deutsch deutscher Grundlagenvertrag, Viermächteabkommen über Berlin, Schlußakte von Helsinki. Immer steckte Falin mitten in diplomatischem Getümmel.

Im September 1978 kehrte er nach Moskau zurück, in die Abteilung Internationale Information beim Zentralkomitee. Bald jedoch geriet er mit Andropow über Kreuz wegen des Moskauer Afghanistan Abenteuers, vor dem er warnte, und weil er darauf drängte, daß endlich über Katyn die Wahrheit gesagt werde (wie er später Gorbatschow beschwor, die Wahrheit über den Ribbentrop Molotow Pakt und das Baltikum einzugestehen). Als Kommentator der Iswestija überwinterte er. Nebenher promovierte er und habilitierte sich - bis ihn Gorbatschow 1986 als Chef der Nachrichtenagentur Nowostij und Fackelträger der Perestrojka wieder holte. Im November 1988 wurde er Leiter der Internationalen Abteilung des ZK und bald darauf auch ZK Sekretär. Zum 1. August 1991 wollte er nach seiner Lebensplanung eigentlich in Pension gehen. Er ließ sich jedoch zum Bleiben überreden und geriet so in den Strudel des Putschversuchs vom 19. August 1991. Seit Anfang 1992 lebt er in Hamburg und arbeitet dort am Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik.

Jetzt hat Falin seine "Politischen Erinnerungen" vorgelegt, einen gewichtigen Band von 518 Seiten. Er hat ihn ohne Akten aus den Archiven verfaßt, selbst seine Terminkalender wurden nach dem August 1991 beschlagnahmt. So bleibt die Darstellung streckenweise eher blasse Schraffur. Der Leser bekommt manches protokollarische Klein Klein serviert; die Gewichtung der Dinge gerät dabei etwas eklektisch. Manche Interna auch, dazu die Schilderungen der endlosen "Tintenkleckserei" oder "Galeerenarbeit", wie Falin das Verfassen, Umschreiben, Redigieren ungezählter Reden Entwürfe, Noten und Vorlagen nennt, bringen dem deutschen Leser wenig Aufschluß. Aber in dreierlei Hinsicht bietet die Darstellung fesselnde Lektüre: wo es um das Aushandeln der Ostverträge geht; wo der Autor die Jahre der Wende schildert ("Jahre, die mein eigenes Dasein schroff gewendet haben") und wo er die handelnden Personen portraitiert, beurteilt, verurteilt, mit denen er über dreißig Jahre zusammengearbeitet hat.

Falin war der eigentliche Autor des "Briefs zur Deutschen Einheit" - das Faktum ist nicht mehr ganz neu, aber nun stellt er den Hergang ausführlich dar. Er erzählt auch, wie er 1972 an der Formulier ung einer Bundestagsresolution mitgefeilt hat, mit deren Hilfe die Verabschiedung des Moskauer Vertrags erleichtert werden sollte. Und er berichtet über hitzige Diskussionen im Politbüro, wo keineswegs alle mit dem Vertrag glücklich waren "Werden uns die Deutschen nicht wieder reinlegen?" - "Finden wir uns am Ende in der Position der Angeschmierten?" Das Mißtrauen s;aß tief, die Zweifel desgleichen. In den Provinzien hamsterten die Leute Salz und Seife und Streichhölzer - nach dem Motto: "Als wir das letzte Mal mit den Deutschen einen Vertrag schlössen, gabs bald Krieg!" Gromyko, derlei Stimmungen aufnehmend, entblödete sich nicht, im Katharinensaal des Kreml an Willy Brandt das Ansinnen zu stellen, die SPD möge, da es doch zwei deutsche Staaten gebe, ihren Namen "Sozialdemokratische Partei Deutschlands" ändern.

Nicht minder spannend liest sich der Bericht über die Berlin Verhandlungen. Es kam darauf an, die Chance so zu nutzen, "daß die Wölfe satt werden und die Schafe unversehrt bleiben" - eine schöne Metapher für die Kunst der Diplomaten, Interessen auszugleichen, ohne daß einer der Kontrahenten sein Gesicht verliert. Da bei diesem Versuch auch die Haltung der drei Westalhierten und der DDR berücksichtigt werden mußte, war die Einigung nicht leicht "Egon Bahrs und mein Zauberkunststück" nennt Falin das Berlin Abkommen; an anderer Stelle spricht er von "Spitzenklöppelei". Am Ende hörte er Gromyko sagen: "Um die Ratifizierung des Moskauer Vertrages zu kriegen, wäre selbst die Übergabe von West Berlin an die BRD kein zu hoher Preis gewesen (Ein andermal herrschte der grimmige Gromyko den Botschafter an: "Wir brauchen überhaupt kein einiges Deutschland, auch kein sozialistisches. Uns reicht das einige sozialistische China ") Siebzehn Jahre später, Oktober 1989. Falin begleitete Gorbatschow nach Ost Berlin, wo Honecker den 40. Gründungstag der DDR feiern ließ. Falin machte sich nichts vor: "In der DDR sind die Kesselwände am dünnsten Und dort stieg der Druck von Woche zu Woche stärker. Die Ostdeutschen jubelten dem Urheber von Glasnost und Perestrojka zu: "Gorbi! Gorbi!" Der revanchierte sich, indem er Erich Honecker ins Gewissen redete: "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben Egon Krenz sagte hinterher zu Falin: "Ihrer hat alles gesagt, was gesagt werden mußte. Unserer hat nichts begriffen Zwei Wochen später stürzte Honecker, vier Wochen später die Mauer; ein Jahr später war Deutschland wiedervereinigt.

Falin vertrat damals die Ansicht, sich dem deutschen Willen zur Einheit zu widersetzen, wäre dumm. Aber zugleich wollte er die Einheit anders bewerkstelligen, als sie dann zustandekam. So wünschte er 4+2 Verhandlungen, nicht 2+4 Gespräche. Und bis zuletzt insistierte er: Ostdeutschland dürfe nicht in die Nato, das höchste wäre ein "französischer Status" ohne Beteiligung an der Militärorganisation; es sollte keinen "Anschluß" geben, wie er sich dann nach Artikel 23 des Grundgesetzes vollzog; und die Sowjetunion müsse reichlich Entschädigung erhalten. In der Nacht, ehe sich Gorbatschow mit Helmut Kohl im Kaukasus traf, legte Falin seinem Chef diese Überlegungen noch einmal telephonisch nahe. Gorbatschow antwortete lahm: "Ich werde tun, was ich kann. Nur fürchte ich, daß der Zug schon abgefahren ist "

Nicht zuletzt aus diesem Grunde ist Valentin Falin dem Expräsidenten Gorbatschow gram. Ausfall der DDR, Zerstörung der sowjetischen Verteidigungsinfrastrukturen in Europa, zu guter Letzt Zerfall nicht nur der Sowjetunion, sondern des petrinischen Rußland - das schmerzt den russischen Patrioten, der Faun ist. Er hat gegen Chruschtschow opponiert, mit Breschnjew gerungen, sich an Andropow gerieben. Doch das böseste Urteil fällt er über Gorbatschow.

Noch die mildeste Formulierung ist: "Er war kein Verbrecher, und der Axt unter der Bank zog er das Mikrophon in der Hand vor An anderer Stelle nennt er den Expräsidenten rundheraus prinzipienlos: "Man kann nicht Demokrat sein und gleichzeitig die Demokratie fürchten. Man darf nicht auf Gedankenfreiheit schwören und unduldsam gegenüber anderer Meinung sein. Man kann nicht mit einer Hand den Totalitarismus abschaffen und mit der anderen einen eigenen autoritären Führungsstil behaupten Schließlich: "Unkontrollierte und unbeschränkte Macht haben Gorbatschow verdorben. Politisch, moralisch, ideell " Das kommt tief aus einem verwundeten Herzen. Erinnerungen - das sind für Falin "Erinnerungen an mein eigenes Land, an die Tragödie meines Volkes und an die in Dunkelheit versinkende tausendjährige russische Geschichte". Als optimistischer Fatalist ringt er sich jedoch den Satz ab, es sei zu früh, auf Rußland ein Requiem zu komponieren. Freilich weiß er auch, daß die Gegenwart für Optimisten nicht die beste Zeit ist. Ursprünglich wollte der feinfühlige, kunstsinnige Leningrader Förster werden, später Direktor der Eremitage "Die Politik habe ich nicht als meine Berufung empfunden", sagt er im Rückblick "Sie hat mich vielmehr bedrückt Mit jenem Anflug von Melancholie, der schon immer seinen silbernen Charme in Onyx faßte, fragte er sich am Ende seines Dienens: "Wofür habejch unwiederbringliche Kräfte und Jahre verbraucht?"

Falins Erinnerungsband steckt voller glänzender Kiesel, allerdings gibt es darin auch viel stumpfes Gestein. Ein beherzter Lektor hätte eine Fülle altfränkischer Wendungen gestrichen ("Lieber Leser - Sie irren sich nicht, wenn Sie vermuten "Das ist Ihnen doch klar. Nicht besonders?" "Mich dünkt ") Er hätte auch die oft ärgerliche Übersetzung geglättet ("Lexik" für Wortwahl, "Markierung" für Verteiler, "Deutscher Vertrag" für Deutschlandvertrag, "Sichtvermerk" für Paraphe, "genug souverän" für souverän genug). Die Stüblüten hätten kräftig gejätet gehört ("Der Meinungsaustausch der beiden Politiker erfüllte seine grundlegende Bestimmung " "Dieses gemeinsame Vorhaben erlaubte einem guten Fahrtwind, das Segel aufzublähen und wenn schon keine Perle, dann doch einen gemeinsamen Nenner zu fischen"). Und warum eigentlich sind die Verlage neuerdings so versessen darauf, daß Memoiren von hinten erzählt werden und der Anfang eines Lebens erst in der Mitte der Autobiographie auftaucht? Ein aktuelles Amuse geule darf ja sein, aber alles andere ist eine modische Unart. Dennoch: ein lesenswertes Buch. Die Geschichte eines russischen Patrioten in kommunistischer Zeit; die Story seiner schmerzhaften Loslösung vom Kommunismus; die offenherzige, entzaubernde Darstellung eines Kreml Insiders. Käme Valentin Falin an die Akten, das Werk könnte an historiographischem Gewicht noch beträchtlich gewinnen.

Eine eher analytisch angelegte Schrift über die Perestrojka und den Zerfall der Sowjetunion hat der Autor dieses Jahr in den Hamburger Beiträgen zur Friedensforschung und Sicherheitspolitik vorgelegt (Die Perestrojka und der Zerfall der Sowjetunion; Hamburg, April 1993; Heft 77 - zur Zeit vergriffen). Manches Einzelproblem nimmt er in diesem Essay von 74 Seiten schärfer unter die Lupe. Das Fazit bleibt das gleiche: "Die Oktoberrevolution begann wie eine Tragödie und nahm Abschied wie eine Farce "

Aus dem Russischen von , Heddy Pross Weerth; Droemer Knaur Verlag, München 1993; 518 S, 48- DM