Von Rudolf Walter Leonhardt

Interviewer: "Mr. Greene, in Deutschland werden Ihre Werke gern als Unterhaltungsromane abgetan. "

Graham Greene: "Ja, wollen sich denn die deutschen Leser langweilen?"

Endlich mal wieder ein Romantitel, bei dem die deutschen Verleger und Übersetzer von John le Carré nicht klüger sein wollten als der Autor. Roman Nummer sechs, zum Beispiel, heißt "The Naive and Sentimental Lover", im Deutschen: "Der wachsame Träumer"; Nummer acht "The Honourable Schoolboy", im Deutschen: "Eine Art Held"; Nummer neun "Smiley’s People", im Deutschen: "Agent in eigener Sache"; Nummer zehn "The Little Drummer Girl", im Deutschen: "Die Libelle".

Diesmal (Nummer vierzehn) scheint der Titel weder aufregend noch aufschlußreich. Dennoch hat man ihn stehen lassen. Das Buch "The Night Manager" liest sich auf englisch besser als "Der Nacht-Manager". Aber was uns entgeht, entgeht uns bei allen Übersetzungen. Es könnte weniger sein. Davon später.

Bei diesem Roman fällt es auch unseren gestrengsten Kritikern schwer, ihn schlicht als "Unterhaltungsliteratur" abzubuchen. Aber wo sollen sie ihre Maßstäbe hernehmen, sofern sie (hoffentlich) nicht über ein dogmatisches Regelwerk der epischen Ästhetik verfügen. Auf deutsch werden ja solche Romane nicht geschrieben.

Wo es feste Regeln nicht gibt, heißt Urteilen soviel wie Vergleichen. Vergleiche mit Graham Greene bieten sich an, nachdem viele kundige Leser inzwischen auch der Meinung sind, Greene hätte den Nobelpreis verdient gehabt (der ihm durch die ganz persönliche Feindschaft eines schwedischen Jurors vorenthalten worden ist).

Vorher eine kurze Inhaltsangabe des "Nacht-Managers", mit einer absichtlichen Auslassung.

Den vielgeprüften jungen Soldaten Jonathan Pine kann die Flucht ins bürgerliche Leben eines Hotelmanagers nicht befriedigen. Er läßt sich als Agent des britischen Geheimdienstes anheuern. Für ihn verantwortlich ist in der Londoner Zentrale Leonard Burr, ein sympathischer Typ, der an Smiley erinnert. Aber die Zentrale ist zerstritten. Außerdem sind Engländer und Amerikaner zerstritten. Sonst spielen die Weltmächte keine Rolle. An die Stelle des Ost-West-Konfliktes ist der Kampf gegen Waffenschieber und Drogenhändler getreten, deren Macht überlebensgroß dargestellt wird. Sie erreicht diese gewaltigen Dimensionen durch ihren genialen Organisator, den in seiner Heimat geächteten britischen Superganoven Richard Onslow Roper, den "schlimmsten Mann der Welt". Der hat viele Getreue nicht nur unter anderen Ganoven, mit denen er eine Insel-Festung in den Bahamas bewohnt, sondern arbeitet auch zusammen mit Regierungen und Banken.

Auf ihn wird Jonathan Pine angesetzt. Es gelingt ihm, in den innersten Kreis auf der Insel-Festung vorzudringen. Ropers nächstes Projekt ist ein in dieser Größenordnung noch nie dagewesenes Waffen- und Drogengeschäft. Mit Jonathans Hilfe wäre das Ganze aufgeflogen, wenn nicht die britischen und amerikanischen Zentralen, immer wieder einander bekämpfend, sich eingemischt hätten. Die Zwistigkeiten haben zur Folge, daß der Spion Jonathan enttarnt wird und in eine böse Lage gerät. Wenn sie nicht mit seinem Tode endet, dankt er das nur der Macht der Treue und der Liebe.

Eine solche Inhaltsangabe, in der lediglich der letzte Satz wirklich wichtig ist, weil er auf eine neue Perspektive hinweist, sagt ziemlich wenig. Wir wollten sie Ihnen dennoch nicht ganz vorenthalten. Zeigt sie doch auch eine Schwäche der Fabel. Der Smiley-Gegner Atommacht Sowjetunion kann durch Kartelle von Waffenhändlern und Drogendealern nicht ersetzt werden. Es ist doch etwas anderes, ob es gegen die Weltmächte des Kommunismus geht oder gegen eine trotz ihrem genialen Chef nicht wirklich in ähnlicher Weise das Leben der westlichen Welt beherrschende Mafia. Die scheinbare Schwäche des Romans ist seine Stärke. Bürokratische Spionage-Organisationen, heißen sie KGB oder CI5 oder CIA, sind nicht mehr das, worum es geht. Im Gegenteil: Wenn die Briten diesseits und jenseits der Themse und die Amerikaner in Virginia ihre professionellen Kämpfe austragen, dann sind das für den Leser (mehr als für den Autor?) Zwischenstücke, die nun einmal sein müssen als Atempausen vor der Action. Von ihnen handeln die sieben für den deutschen, nicht mehr vom alten Smiley-Circus besessenen Leser langweiligsten Kapitel der einunddreißig des ganzen Romanes. Intrigen von Leuten, die man nicht kennt und deren Ausgang einem ziemlich Wurscht ist, sind langweilig.

Um so mehr treten dadurch hervor: die Lebensbeschreibung und die "Legende" (getürkte Biographie) des Jonathan Pine; die treffenden Charakterzeichnungen von drei Männern und zwei Frauen; der für den Romancier unerläßliche Glaube, daß nicht anonyme Mächte entscheiden, sondern konkrete Personen; daß Frauen eine ebenso große, aber doch eine ganz andere Rolle spielen als Männer; daß Macht, Betrug und Intrigen unterliegen können – wem? Der Vernunft, dem Mut, der Loyalität und der Liebe.

Ein paar weitere Anmerkungen werden sich ergeben bei dem Vergleich des John le Carré mit Graham Greene. Dabei wollen wir getrost mit dem scheinbar Allerprimitivsten anfangen.

1.) In meinen Regalen stehen, deutsch und englisch, fast alle Bücher von John le Carré und Graham Greene. Graham Greene hat mehr geschrieben. Sein Regal beansprucht jedoch nur die Hälfte dessen, das John le Carré einnimmt. Mit anderen Worten: Seit den Smiley-Geschichten, also vom siebten bis zum vierzehnten Roman, schreibt le Carré Wälzer. Man kann sie nicht in der U-Bahn, nicht im Zug, nicht im Flugzeug, nicht im Bett lesen. Das Urlaubsgepäck kann allenfalls einen von ihnen vertragen. Wenn sie trotzdem als "Unterhaltungsliteratur" Leser gewinnen, dann müssen sie schon sehr unterhaltend sein. Das mindestens.

2.) Beide schreiben sehr spannend. Wobei Greene schneller zum Punkt kommt. John le Carré hingegen bricht die Spannung oft ab, macht Pausen. Daher auch die Überlängen. Im "Nacht-Manager" dienen die dauernden Streitigkeiten zwischen den Geheimdiensten auch der Erklärung von Jonathans Abenteuern, die das Hauptthema sind. Bei den fünf Kapiteln, die in London spielen, und den zwei in Miami kann der Leser sich ausruhen. Es sei denn, er wollte alle diese kleinen und großen Intrigen wirklich verstehen, dann sind diese Intermezzi mit ihrem dauernd wechselnden Personal nervend.

3.) Beide sind gute Beobachter und recherchieren gründlich an den Orten ihrer Handlungen. Sie mußten daher viel reisen. John le Carrés Nacht-Manager zum Beispiel führt von der Schweiz nach Ägypten nach London nach Irland nach Cornwall nach Quebec nach Louisiana nach den Bahamas nach Miami nach Curaçao, zwischendurch immer wieder nach London, schließlich nach Antigua und an Bord einer Yacht nach Venezuela, am Ende wieder nach Cornwall. Graham Greene nahm sich mehr Zeit für seine Recherchen. Er fuhr zum Beispiel zwei Wochen nach Berlin, um dann – nichts zu schreiben. John le Carré hatte die drei großen Karla-Romane über den sowjetischen Geheimdienst geschrieben, ohne ein einziges Mal in der Sowjetunion gewesen zu sein (wo er auch wenig willkommen gewesen wäre).

4.) Beide sind sich in vielem ähnlich. Sie werden von Frauen geliebt. Sehen gut aus. Sie scheuen die Öffentlichkeit (Greene mehr noch als le Carré). Sie reisen zu Recherchen am liebsten allein. Sie lieben das gute Leben und den Whisky, können ungeheuren Charme ablassen und fröhlich lachen und sehen doch auf den Verlagsphotos immer grämlich, gar verbissen aus. Graham würde mir vergeben, daß ich ihn im Tempus so darstelle, als lebte er noch.

5.) Greene ist relativ einfach zu lesen, le Carré sehr schwer. Das liegt nicht so sehr am komplizierten Satzbau als daran, daß er seine Figuren auch durch die Art, wie sie sprechen, charakterisiert. Der Übersetzer des "Nacht-Managers" gibt alles in korrektem Deutsch wieder. Da steht dann eben (zwei Beispiele für zweihundert): "Sie schicken mich nicht weg?" für Englisch: "You gon’ leave me be, then, right?" oder "[Sie werden erzählen], daß (sie) eine Quelle mit einer nichtsnutzigen Seele haben" für Englisch: "Must be a couple of ’em telling (they) don’t have a humint source worth shit."

Kongeniale Übersetzer sind hier gefordert. Um so betrüblicher, daß sowohl die deutschen Greene- wie die le Carr6-Übersetzer wechseln. Das ist doch so, als ob Alec Guinness im Film mit den Stimmen dauernd wechselnder deutscher Schauspieler synchronisiert würde. Den Greene-Romanen hat das durch schlechtere und noch häufiger wechselnde Übersetzer mehr geschadet.

Übrigens sind sowohl le Carré wie Greene den Verfilmungen ihrer Romane gegenüber recht skeptisch. Greene war überhaupt nur mit einem Film zufrieden: "Der dritte Mann". Aber dazu hatte ja er selber das Drehbuch geschrieben.

6.) So kurz Greenes Romane sind, so überschaubar ist auch ihr Personal. John le Carré hat da mehr mit Tolstoj gemeinsam. Bei ihm treten, ungezählt, etwa zweihundert Personen auf. Viele werden mal mit Vornamen, mal mit Familiennamen, mal mit einem Decknamen oder Spitznamen genannt. So heißt die Hauptfigur, zum Beispiel, Jonathan Pine, aber auch John Browne, Jack Linden, Jacques Beauregard und Thomas Lamont. Sein Gegenspieler hört auf die Namen (Richard Onslow) Roper, Dicky und Chef. Gewiß sind von den zweihundert Namen nur zwanzig wichtig. Aber der Leser weiß ja am Anfang nicht, welche diese zwanzig sind. Und wer etwa überlesen hat, daß Leonard Burr aus Yorkshire stammt, der versteht die Schlußpointe des Romans nicht. John le Carré sollte sich so wenig wie sein Berufskollege Lew Tolstoj scheuen, dem Leser mit einem Personenregister zu helfen.

7.) Sowohl Greene wie le Carré haben Romane geschrieben, die man auch Liebesromane nennen könnte, was nicht zuletzt für den "Nacht-Manager" gilt. Beide wissen viel von Frauen. Aber anders als bei Greene werden sie bei le Carré doch immer aus der Perspektive des Mannes gesehen. In der "Libelle" zum Beispiel ("The Little Drummer Girl") ist das Mädchen Charlie ja sogar die Heldin. Aber es ist bezeichnend, was eine Frau dazu zu sagen hatte: "So möchtet ihr uns Frauen wohl. Zieht ihr links am Strick, marschieren wir für euch in die Wüste, zieht ihr rechts, dann legen wir uns ins Bett."

Ein Macho war le Carré meistens, zumindest in seinen Büchern (wo er keine Bücher schreibt, heißt er ja David Cornwell). Das scheint besser geworden zu sein. Sophie und Jed, die beiden wichtigsten weiblichen Figuren im "Nacht-Manager", passen schon nicht mehr ganz in das Schema.

8.) John le Carré und Graham Greene sind beide in vielen Ländern der Welt zu Hause und sprechen viele Sprachen. Sie sind das Gegenteil von provinziell. Einen Kosmopoliten freilich könnte man le Carré nicht nennen, zu unverkennbar ist er Engländer. Zwar hat auch er ein Haus in der Schweiz, aber meistens lebt er, wenn er nicht auf Reisen ist, in Cornwall oder in London. Greene hingegen fühlte sich in Süd- und Mittelamerika wohl (die "reichen Vettern" in Nordamerika mögen beide nicht sonderlich), und am wohlsten in Frankreich, wo er bis zu seinem Tode in Antibes wohnte.

Was beide trennte, kam deutlich in der Affäre Philby zum Ausbruch. Greene billigte Philbys Wechsel von Großbritannien in die Sowjetunion nicht geradezu, aber er zeigte Verständnis. Jeder Nationalismus war ihm völlig fremd. John le Carré hingegen beschrieb Kim Philby unter dem Namen Bill Haydon in seinem Roman "Bube, Dame, As, Spion" als "Maulwurf" des Geheimdienstes, als verachtungswürdiger Verräter. Greenes Haltung hat er scharf mißbilligt.

9.) Man hat Graham Greene einen katholischen Schriftsteller genannt. Das stimmt so nicht. Sein Übertritt zum Katholizismus hatte eher private Gründe. Wahr ist freilich, daß Fragen des Glaubens in seinen Büchern sehr oft, in denen John le Carrés fast nie eine Rolle spielen. Aber es ist schon so, wie Graham Greene einmal in einem Essay über François Mauriac geschrieben hat: "Mit dem Tode von Henry James verlor der englische Roman sein religiöses Gefühl, und mit dem religiösen Gefühl verlor er das Gefühl für die Wichtigkeit menschlicher Handlungen. Es war, als ob die erzählende Literatur eine Dimension verloren hätte."

Graham Greene hat ihr diese Dimension zurückgegeben. Nun ist, seit mehr als zwei Jahren, auch Graham Greene tot. Er hat "Der Spion, der aus der Kälte kam" als den besten Spionageroman gerühmt. Er hat in John le Carré trotz des Philby-Zerwürfnisses immer so eine Art Nachfolger gesehen. Wird der das schaffen? Im "Nacht-Manager" scheint er auf dem besten Wege dazu.

  • John Le Carré:

Der Nacht-Manager

Roman; aus dem Englischen von Werner Schmitz; Kiepenheuer & Witsch, Köln 1993;

608 S., 48,– DM

  • Harry Rowohlt:

Pooh’s Corner

Meinungen und Deinungen eines Bären von geringem Verstand;

Haffmans Verlag, Zürich 1993; 271 S., 18,50 DM