Von Joachim Fritz-Vannahme

Der Brief umfaßte nur vier knappe Absätze. Ruprecht Vondran, Mitglied des Deutschen Bundestags, dankte unter dem Bundeswappen „den Oberhausener Bürgern, insbesondere aber meinen Parteifreunden in der Christlich-Demokratischen Union“, für ihr Vertrauen und gab seinen Abschied aus dem Parlament zum Ende der Legislaturperiode bekannt. Sieben Jahre lang gehörte der Präsident der einflußreichen Wirtschaftsvereinigung Stahl der Volksvertretung an. Am Ende steht Ernüchterung, frei von Zorn oder Larmoyanz: Einmal mehr verläßt ein Mann der Wirtschaft desillusioniert die Politik, weil er erfahren mußte, daß diese zwei Welten einfach nicht mehr zu vereinbaren waren.

„Mein Anliegen war es“, so schreibt der „Verbandsfunktionär und Politiker“ (Munzinger-Archiv) zum Abschied, „daß wirtschaftliche Vernunft im politischen Prozeß zur Geltung kommt. Dies ist in letzter Zeit immer schwerer geworden.“ Klingt da nicht die bekannte Spannung zwischen Wirtschaftsführern und der Regierung Helmut Kohls an? Ruprecht Vondran mag in die Schelte über mangelnden Sachverstand des Kabinetts nicht einfach so einstimmen. Der Grund seiner Enttäuschung liegt tiefer.

Beim Streit um die Pflegeversicherung stimmte Vondran als einer der wenigen in der CDU nicht mit der eigenen Fraktion. Ihm erschien „das ordnungspolitische Risiko“ zu hoch; die Selbstverantwortung einer privaten Versicherung wäre ihm lieber gewesen als eine Pflichtversicherung. Mit seinem Minderheitenvotum verhielt Vondran sich allerdings nicht anders als schon zu Anfang seiner Abgeordnetenlaufbahn. 1987 plädierte er gegen die geplante Steuerbefreiung für Flugbenzin, legte sich mit Franz Josef Strauß an und erhielt „prompt Beifall von der falschen Seite. Wer sich so aus der Loyalität löst, braucht zumindest erstklassige Argumente“, resümiert Vondran seine gruppendynamischen Erfahrungen. Die eigenen Zweifel stünden da gegen „die normierende Kraft der Zahl. In solchem Zwiespalt geht man am besten erst einmal sinnend am Rhein spazieren.“

Der Mut des Außenseiters, den es für die vom Grundgesetz geforderte Gewissensentscheidung längst braucht, verließ diesen Abgeordneten also nicht. Es muß schon mehr gewesen sein, was ihn zur resignierenden Einsicht trieb, daß „die ökonomische Ratio“ in der Politik immer häufiger fehle. Wer seinen Tag zwischen Beruf und Politik teilen müsse, erklärt Vondran, der komme als Abgeordneter über normale Fraktionsarbeit nicht mehr hinaus. Zwar hätten die Kollegen seinen Rat in Sachen Stahl oder bei anderen Wirtschaftsthemen durchaus gesucht. Aber Vondran wurde das Gefühl nie los, „Amateur“ geblieben zu sein. Von den 318 Abgeordneten der CDU/CSU-Fraktion spiele jeder dritte eine tragende Rolle zwischen Fraktionsspitze und Regierungsamt – eine „Offiziersfunktion“ also, für die unter der doppelten Arbeitsbelastung einem „Amateur“ die Zeit fehle. Damit reiche aber auch der Einfluß „von ganz oben“ direkt bis ins Parlament.

Dieser Einfluß sei mit den Jahren immer stärker geworden. „Die Entscheidungen fallen nun einmal in den Elefantenrunden unter den Koalitionsspitzen“, umreißt das ganz normale Mitglied des Finanz-, Wirtschafts- und Verkehrsausschusses die Möglichkeiten eines ganz normalen Abgeordneten gegenüber dem Offizierskorps und dem Generalstab. Sicher, in einer Koalitionsregierung sei ein Steuerungsgremium vonnöten: „Aber die Fähnchen werden früh abgesteckt, der Abgeordnete darf danach die Quadrate nur noch kleinteilig ausfüllen, ohne daß wir dazu die Möglichkeit gehabt hätten.“

Um die Kontrollfunktion der Abgeordneten ist es nach Vondrans Erfahrung also schlecht bestellt. Die Materie werde immer komplizierter, die Zeit knapper. Ein bißchen sei allerdings das Parlament selbst daran schuld, meint der 57jährige gelernte Jurist. Der Bundestag befasse sich zuviel mit Petitessen, mache sich allzu willig zu einer Art Nebenverwaltung: „Wo bleibt da das Politische?“

Mehr als einmal mußte dieser Mann aus der Wirtschaft erleben, wie verschieden „die Denke“ in der Politik doch ist, wie rigide etwa die verschiedenen Arbeitskreise voneinander abgeschirmt über dieselbe Sache diskutieren. „Der Umwelt- und der Wirtschaftsausschuß etwa tagen nur ganz selten zusammen. Noch verrückter geht es im Finanzausschuß zu. Dort beugt sich die eine Gruppe über die Einnahmen, eine ganz andere über den Haushalt. So etwas wäre in einem Unternehmen einfach undenkbar.“ Für Vondran liegt hier eine Quelle der Gesetzesflut, die zu „immer mehr Texten mit immer kürzerer Verfallszeit, zu immer mehr oberflächlichen Verordnungen ohne jede Rückkoppelung zu Nachbargebieten“ führe.

So zerstören die Politprofis selbst den Sinn ihrer Arbeit, um die doch nach Vondrans Meinung die meisten Parlamentarier durchaus rechtschaffen bemüht sind. Zu viele Belanglosigkeiten, zuwenig Politik: Verführt die tägliche Überforderung womöglich zur Flucht ins Detail, zur Rückversicherung im Nebensächlichen? Liegt dieser gefährliche Hang vielleicht bei einem Parlament besonders nahe, in dem die Beamten und Richter, Professoren und Lehrer mit 247 Abgeordneten mehr als ein Drittel des Bundestags stellen, mehr als je zuvor? Die Unternehmer und Angestellten von Betrieben und Verbänden bringen es derzeit nur noch auf 140 Köpfe, und Ruprecht Vondrans angekündigter Abschied fügt sich in die fallende Tendenz.

Dabei hatte es Vondran bei seinem Wechsel vom Wirtschafts- zum Volksvertreter einst leicht. Schon in Zeiten des Reichstages schickte die Stahlindustrie einen der Ihren ins Parlament, als gläsernen Lobbyisten gleichsam, bei dem alle wußten, mit wem sie in die Debatte gingen. Vondrans Lehrmeister im Verband hieß Hans Dichgans; auch der war einst Abgeordneter. Die Jahre in Bonn waren für diese Wirtschaftsvertreter kein Hindernis auf ihrem Karriereweg, dafür sorgten Tradition und Verband. Anders liegt der Fall beim Manager aus einem großen Unternehmen, der beim Umweg über Bonn womöglich entscheidende Meter gegen die betrieblichen Konkurrenten einbüßt, gewiß aber mit einem geringeren Einkommen aus Diäten rechnen muß. Und wer gar sein eigener Chef ist, der muß, wie der jetzige FDP-Fraktionschef Hermann Otto Solms am eigenen Leib zu erfahren glaubt, „schon irgendwie verrückt sein, wenn er als Unternehmer Abgeordneter wird“.

Noch ein ganz anderes Handicap nennt Ruprecht Vondran. Über die Mandate von morgen befinden die Mandatsträger von heute. Vom Ortsverein bis hinauf zum Landesvorstand entscheide deshalb „eine Kaste, die nur unter immer anderem Namen zusammentritt und deren Mitglieder sich untereinander schützen“. Einem Unternehmer oder Manager fehle es einfach an der Zeit, sich gegen die Nurpolitiker zu wehren und Parteiabend um Parteiabend für sich zu werben. Wirtschaftlicher Sachverstand hätte deshalb nur dann noch eine Chance, wenn künftig nicht mehr die Kaste, sondern die Mitglieder über Kandidatenlisten entschieden. „Diese Vorstellung jagt den Vollprofis natürlich einen Schrecken ein“, lächelt Vondran.

Sein eigener Landesverband, zwischen Rhein und Ruhr gewiß industriefreundlich, lasse inzwischen angesichts des Mitgliederschwundes den Kreisverbänden die Wahl: Sie können für das alte Delegiertensystem oder für eine Entscheidung durch die Mitglieder optieren. Ruprecht Vondran ist nach seinen sieben Jahren in der Politik allerdings skeptisch: „Weiter wagte man sich nicht vor. Und so fürchte ich, daß selbst in meinem Landesverband alles beim alten bleibt.“