Von Manfred Sack

Sie hätten zur Bekräftigung weißen Rauch aufsteigen lassen sollen, um wissen zu lassen: Wir haben einen neuen Münsterplatz! Und ein kesses Pendant zur Kathedrale: ein großes, strahlend weißes Stadthaus! Was nach hundert Jahre langen Niederlagen kaum jemand noch für möglich gehalten, was ein paar ungemein erregte Alt-Ulmer von jeher zu verhindern getrachtet hatten, ist nun, tatsächlich, vollbracht worden. Den Lorbeer können sich nicht wenige anstecken lassen: der vorige Oberbürgermeister Ernst Ludwig zum Beispiel, der nicht glauben mochte, daß sich die Aufgabe nicht lösen lasse; der Gemeinderat, der ihm die Stange gehalten hat; die Mehrzahl der Bürger, die ausdauernd in oft turbulenten Debatten darüber gestritten und letztlich demjenigen applaudiert haben, der ihnen das Stadthaus entworfen hat, dem amerikanischen Architekten Richard Meier. Der war, wie er bekannte, vom demokratischen Engagement der Ulmer überwältigt. Er hat ihnen ein strahlendes, geräumiges, mit Raum spielendes, obendrein erstaunlich transparentes Haus gebaut, das mit seinen eigenwilligen Formen, vor allem aber mit seinen weißen Fassaden die Aufmerksamkeit reizt. Es wird von morgens um acht bis in die späte Nacht geöffnet sein.

Damit hat das am Ende fast verschlissene Drama sein gutes Ende gefunden. Es hatte im Jahre 1876 damit begonnen, daß die kunstbesessenen Ulmer plötzlich fanden, ihr stolzes Münster, dem sie den höchsten Kirchturm der Welt gebaut hatten, verdiene die mittelalterliche Enge nicht länger. Also räumten sie das 1531 von den Barfüßern gegründete, nach der Reformation als Gymnasium benutzte Kloster beiseite und öffneten weit das Blickfeld.

Die Freude darüber dauerte nicht lange. Noch vor der Jahrhundertwende bemühte sich die Stadt um Vorschläge zur "Ausschmückung" des auf einmal als wüst und leer empfundenen Münsterplatzes. 1906 setzte sie einen Architekten-Wettbewerb zur "Wiederherstellung des Münsterplatzes" ins Werk, diesmal bestrebt, das Kloster und sein Kirchle mit einem neuen Gebäude zu kompensieren. Vergebens. Aus den Erfahrungen hoffte man beim nächsten Wettbewerb von 1924 Nutzen zu ziehen, aber "romantische Kleinstadtpoesie" und "künstlich altertümelnde Nachahmung" zu vermeiden. Doch offenbar war der Oberbürgermeister Schwammberger der couragierteste unter lauter konservativen Juroren (wie Theodor Fischer, Bestelmeyer, Bonatz) und hätte sogar "modernsten Formen" vertraut. Der kühnste Entwurf freilich, eingereicht von dem 32jährigen Hans Scharoun, wurde ignoriert. Zwar vergab die Jury Preise; die Stadt aber ließ, gottlob enttäuscht, die Finger davon. Die "tiefgreifende Aufgabe für die Städtebaukunst der Gegenwart": ungelöst.

Selbst der altertümelnde Wiederaufbau der (bis auf das Münster) schrecklich verwüsteten Altstadt nach dem Zweiten Weltkrieg beließ es dabei. Das einzige, dessen man sich für fähig hielt, war ein Verkehrspavillon, der wenigstens die Platzmündung an der wichtigsten, der vom Bahnhof kommenden Hirschstraße kenntlich machte. Der Platz jedoch verkam zu einem Parkplatz.

Mitte der siebziger Jahre hatte immerhin einer gemerkt, daß das so nicht mehr weitergehen darf, der Architekt Hans Dieter Schaal, später bekannt geworden mit strengen Bau-Kunstwerken und gerühmt für seine Bühnenbilder. Zusammen mit dem Designer Frank Hesse entwarf er "Ulm neu". Es war ein frecher, einfallsreicher stadtbaukünstlerischer "Denkanstoß für die Architektur unserer lieben Stadt", und er hatte damit, wie ein Zeuge berichtet, "heilige Kühe zum Hopsen" gebracht. Die Stadt versuchte es statt dessen 1977 neuerlich mit einem Wettbewerb und 1980 mit wieder einem anderen, bekam von der Jury zwei preisgekrönte Entwürfe, die sie beide nicht überzeugten.

Schon wollte man die Ausflucht in Bäumen suchen. Proteste, Spott. Nein, hieß es, wir schaffen es nicht. Der Oberbürgermeister Ludwig jedoch beharrte auf einer neuen Anstrengung, diesmal aber nur mit Architekten, die gezeigt haben, wie man das macht, das "neue Bauen in alter Umgebung". Auch die letzten beiden Preisträger bekamen dabei ihre Chance eingeräumt.