Von Ursula Bode

Das Schlimmste, was einem in der Ausstellung begegnen kann, ist der neue Mann. Auf weichen Sohlen tritt er an die Vitrinen, skeptisch die Haltung, entschieden die Abwehr, dezidiert das Resümee: So verrückt sind sie, die Frauen. Besser: Sie waren es. Denn ein Blick genügt, um sich des beruhigend geschlechtsübergreifenden Einerleis flacher Treter zu versichern. Im Saale findet eine Darbietung gesunder Fußbekleidung statt, während sich hinter Glas gestalterischer Überschwang zur Schau stellt: der Schuh als schöne Kunst betrachtet – und im Katalog allerlei historischer, soziologischer, sexualpsychologischer und designgeschichtlicher Analyse ausgeliefert.

Schuhkunst, von Männern ersonnen, von ihnen hergestellt und von anderen Männern herbeigewünscht, betraf vor allem die Frau. Das war nicht schon immer so, sondern ergab sich im Wandel der Moden: Erst wenn der Rock nicht mehr am Boden schleift, lohnt sich der Einsatz wirklich. Der neue Mann, das suggeriert sein Auftritt als Ausstellungsbesucher, macht sich darüber ja gern Gedanken. Doch scheint ihm offenbar der Schuh, dieses Lust- und Kunstobjekt, befremdlicher als jedes Lebenszeugnis eines ausgestorbenen polynesischen Stammes.

Die neue Frau, praktisch beschuht, wirkt da doch neugieriger, wenn auch in eigener Sache wenig betroffen. Und wie im Katalog bewiesen, ist sie auch bereit, aus einem Talk-Show-Auftritt Alice Schwarzers – „in knappen Stöckelschuhen“ – zu schließen, daß „der höhere Absatz nicht mehr zwingend als Ausdruck der weiblichen Unterdrückung (bzw. Unterwerfung) verstanden wird“.

Wohlan, wir dürfen uns vergnügen und müssen dabei nicht mal dem poetischen Titel der Ausstellung des Rheinischen Landesmuseums in Bonn nachsinnen: „Die verlassenen Schuhe“. Wo so viele Aspekte gesammelt, wo allein sechshundert Paar Schuhe frohgemut angehäuft sind, bleibt weder für Elegien Raum noch für eine überzeugende Präsentation. Der Betonbau aus dem Geist der sechziger Jahre erscheint als Schauplatz für die Demonstration von Eleganz und phantastischen Erscheinungen ohnehin denkbar ungeeignet. Eine Ausstellung für Verwöhnte ist es nicht, und der Maschendraht vor schwarzrotem Schuh-Sofa-Stillleben kann dem Raffinement und dem handwerklichen Luxus vieler von internationalen Sammlungen und Sammlern geliehenen Stücke nichts entgegensetzen. Statt witzigem Auftritt biedere Verlegenheit, statt klar erkennbarem Konzept Formenvielfalt und manchmal Konfusion: So bewegt sich die Ausstellung wie zwischen Schuhmuseum und Laden – von der Kulturgeschichte zum Design-Vergnügen, vom Gebrauchs- zum Kunstanspruch und gelegentlich bis hin zum blühenden Unsinn.

Barock-Pantoffel trifft Hippie-Stiefel. Den Legionärssandalen folgen Wellington Boots. Rita Hayworth’ Schuh-Werk verträgt, wie es scheint, auch einen Tanzschritt. Goldene Kugeln formen die Absätze für Josephine Bakers Sandalette, und höchsthackige Erzeugnisse gaben der Mistinguette nur für kurze Zeit Halt. „Chaussures de lit“ hieß diese Spezies.

Museale Zeugnisse und wagemutige Schuhmacherkonstruktionen, die lustige, auch absonderliche Ernte aus den Gärten ganz neuen Designs und manche eher brave Erinnerung an das eigene Markenzeichen aus den Ateliers von Malern und Bildhauern sind zu einem Gemenge vereint, das anregend ist und undurchschaubar. Der Schuh als Wille und erotische Vorstellung ist eben Werkzeug und Ersatz für vieles. Mehr über den Gegenstand der Begierden, über dessen verführerische Eigenschaften und die erstaunliche Wandlungsfähigkeit der fußtauglichen Objekte erzählen jedoch die wirklichen Künstler ihres Fachs: André Perugia, Salvatore Ferragamo, Roger Vivier oder Jan Jansen und Beth Levine. Ihre Phantasien in Leder, Seide, Straß, Federn und wer weiß was noch sind oder waren zu kaufen. Das macht das Vergnügen konkret.